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VERBRECHEN / GEFÄNGNISSE Flucht in den Tod

aus DER SPIEGEL 8/1968

Häftling Jake Jackson starb am Heiligen Abend. Zwei Tage später flüchtete er.

Er flüchtete laut Gefangenen-Register der Strafanstalt »Cummins Prison Farm« im US-Bundesstaat Arkansas. Er starb laut Aussage seines Mithäftlings Johnson. Seine Wächter ermordeten ihn, Johnson verscharrte ihn -- ebenso wie zwei weitere Häftlinge.

Als die staatliche Gefängnisbehörde einen neuen Direktor, Thomas Murton, bekam, vertraute sich Johnson ihm an. Murton ließ eine Häftlings-Crew zum Graben antreten. Die Gefangenen schachteten 160 Zentimeter tief, dann stießen ihre Spaten auf Knochen dreier Menschen. Amerika hatte den wahrscheinlich größten Gefängnis-Skandal dieses Jahrhunderts.

»Jetzt zweifle ich nicht mehr daran, daß noch mehr Leute da draußen begraben liegen«, erklärte Murton. Denn: In den Akten von Cummins sind 213 Häftlinge -- wie Jackson -- als »flüchtig« registriert. Und wie im Fall Jackson fehlt von ihnen seit ihrer angeblichen Flucht jede Spur.

Die Nachforschungen ergaben: Mindestens 71 Insassen starben in den letzten 30 Jahren auf der Straf-Farm offiziell einen unnatürlichen Tod. Laut Totenschein ertranken sie, wurden »auf der Flucht« oder »versehentlich erschossen«, von Heuwagen überrollt, »versehentlich durch Stromschlag« getötet oder »vergiftet«. Außerdem starben 13 Männer durch Hitzschlag, mehrere jugendliche Insassen »an organischen Herzfehlern«.

»Die Sterbensrate«, so befand Anstaltsarzt Edwin Barron, »ist erheblich höher, als man für eine Gruppe dieses Umfangs und Alters allgemein erwarten kann.«

Zuchthäusler Johnson will 1940 an einem einzigen Tag gesehen haben, »wie etwa 20 Mann erschossen wurden«. Grund: Sie wollten keine Bestechungsgelder an die Wachmannschaft zahlen.

Ex-Insasse Edward Redmond erinnerte sich an einen berittenen Wachtposten, der einem farbigen Häftling Stacheldraht um den Hals drehte und ihn dann per Pferd zu Tode schleifte. Die Frauen in der Anstalt durften einmal acht Monate lang kein Wort sprechen.

»Selbst wenn man nach einem Ausbruchsversuch mit erhobenen Händen zurückkehrte«, gab Cummins-Insasse »James Wilson, 51, zu Protokoll, »war es am besten, auch gleich zu beten. Sie haben sowieso geschossen.«

Erschossen wurde angeblich ein Häftling, der sich nicht auspeitschen lassen wollte, erschossen ein jugendlicher Farbiger, der seinen Peinigern zu entkommen suchte.

Der neue Anstaltsleiter Murton folgerte: »Kein Gefangener konnte morgens nach dem Aufwachen mit Sicherheit sagen, ob er abends zurückkehren würde. Gefängnis-Arzt Barron urteilte: »Das ist einfach 18. Jahrhundert.«

Damals wurden die Häftlinge in Arkansas wie Sklaven an Privatunternehmen verliehen. Noch 1913 wateten Zuchthäusler in Fronarbeit barfuß durch das eiskalte Grubenwasser der Kohlenzechen von Arkansas. Jährlich starb ein Viertel der Sträflinge.

Auch heute ist kaum ein US-Staat unsozialer und konservativer als Arkansas. Die Gefängnisse sind unmenschlicher als anderswo. In Cummins ist jeder zweite Insasse ein Farbiger.

Monatelang unterdrückte der frühere Gouverneur Orval Faubus einen Untersuchungsbericht über den Strafvollzug in seinem Staat. Erst sein Nachfolger, der Republikaner Winthrop Rockefeller, ein Bruder des New Yorker Gouverneurs Nelson Rockefeller, brachte das Papier an die Öffentlichkeit. Sein Inhalt schockierte Amerika schon, bevor in Cummins die Skelette gefunden wurden.

Auf der »Tucker Prison Farm«, einem Ableger von Cummins, schlugen die Aufseher nach diesem Bericht mit Schläuchen, Kabeln, Baseballknüppeln und verknoteten Lederriemen auf die Häftlinge ein. Sie preßten lange Nadeln unter Fingernägel und drückten glühende Zigaretten an Körpern aus. Mitteilose Gefangene lebten zusammengepfercht in stickigen Räumen. Vermögende Insassen hingegen erkauften sich von ihren Aufsehern eine Dolce vita hinter Gittern. In ihren Zellen flimmerten TV-Geräte, kühlte Whisky im Eisschrank.

Mit sogenannten »Ferngesprächen« quälten die Wächter aufsässige und unbeliebte Sträflinge. Die Opfer wurden auf einen Tisch festgeschnallt, ihre Zehen und Geschlechtsteile mit elektrischen Drähten an das »Tucker-Telephon« angeschlossen. Sobald die Peiniger die Kurbel des altmodischen Apparates drehten, zuckten die Häftlinge unter den Elektroschocks zusammen.

Der Anstalts-Chef James Bruton wurde aus seinem Amt entlassen, im März soll er sich für die Quälereien vor einem Gericht verantworten.

Für Bruton-Nachfolger, Professor Thomas Murton, ist es das »größte Problem, die Leute zu überzeugen, daß es nicht richtig ist, die Insassen zu foltern. Irgendwie besteht das Gefühl, daß Gefangene Untermenschen seien. Und viele der Häftlinge glauben das schon selbst«.

Eine pathologische Untersuchung an der Medizinischen Fakultät der Universität von Arkansas soll zunächst klären, ob die Knochen von Cummins Überreste des Häftlings Jackson und seiner Mitgefangenen sind.

Viele Amerikaner griffen dem Ergebnis der Untersuchung vor. Sie glauben, daß noch weitere »Flüchtlinge« beerdigt wurden und nennen das Zuchthaus Cummins »Skeleton-town«.

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