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Flucht in den Tod

aus DER SPIEGEL 16/1947

Im Gefängnis Fuhlsbüttel nehmen die Untersuchungen kein Ende. »Woher hatte Treite das Gift und Carmen Mory die Rasierklinge?« Allen Todeskandidaten des Ravensbrück-Prozesses - es sind noch neun - legte man daraufhin für zwei Tage Handfesseln an. Tag und Nacht steht vor jeder Zelle eine Aufsicht. Die Verurteilten werden täglich von einem Arzt untersucht und müssen jeden dritten Tag ihre Zelle wechseln.

Wenige Stunden nach der Urteilsbestätigung verübten Carmen Maria Mory und Dr. Percy Treite Selbstmord. Dr. Percy fand man tot in seiner Zelle auf. Dorothea Binz öffnete sich die Pulsadern, wurde jedoch gerettet.

Die Mory, der »schwarze Engel von Ravensbrück«, handhabte ihre Rasierklinge mit mehr Glück. Als man ihr mitteilte, daß das Gnadengesuch verworfen sei, erfuhr sie auch, daß Dr. Treite eine Giftpille genommen hatte.

Die Mata Hari des zweiten Weltkrieges empfing diese Nachrichten mit Gelassenheit, auch als man vorsichtshalber zwei Wachen in ihrer Zelle postierte. Sie legte sich schlafen.

Carmen haßte jedoch das Schaffott, und um diese 40jährige Spionin vor der letzten Flucht, der Flucht in den Tod, zurückzuhalten, bedurfte es mehr als zweier Polizisten. Ohne sich zu rühren holte die Mory, deren Verlobter noch jetzt Offizier der britischen Armee ist, aus einem Versteck zwischen den Matratzen die Hälfte einer Rasierklinge hervor und durchschnitt mit langsamen, unauffälligen Bewegungen unter der Bettdecke beide Pulsadern. Die Wachen bemerkten ihren Tod erst, als das Blut bereits auf den Boden tropfte. Zu einer Rettung war es zu spät.

Die dritte der Hauptangeklagten, eine der interessantesten Persönlichkeiten des Ravensbrück-Prozesses, Vera Salvequart, gibt ihre Hoffnung auf Begnadigung keinesfalls auf. Sie richtete jetzt ein letztes Gnadengesuch an H.M. den König von England, in dem sie unter anderem folgendes sagt:

»Wenn das Todesurteil gegen mich vollstreckt werden würde, dann hätte ein englisches Gericht einen KZ-Häftling, also eben ein Opfer des Hitler-Regimes, zu dem ehrlosen Tode durch den Strang verurteilt.«

Sie führt an, daß sie mit einem Juden, dem italienischen Offizier Jack Christiansen verlobt war und von ihm ein Kind, einen Jungen, hatte, was der Oeffentlichkeit und dem Gericht bisher nicht bekannt war. Der Junge wurde am 22. 2. 1945 im KZ-Lager Ravensbrück geboren und dann von einer SS-Aufseherin mit den Worten: »Aus einem kleinen Juden wird einmal ein großer!« aus ihren Händen gerissen, in Decken gehüllt und auf einen Müllwagen geworfen.

Wörtlich heißt es dann in Vera Salvequarts Gesuch an den englischen König:

»Mit Christiansen zusammen setzte ich mein Leben für England auf's Spiel, indem ich für England mit Erfolg Spionage betrieb. Christiansen mußte seine Dienste mit dem Leben bezahlen und wurde vor meinen Augen in Dresden hingerichtet. Ich blieb am Leben, weil er sich schützend vor mich stellte und alle Schuld auf sich nahm.«

Im weiteren gibt Vera Salvequart eine ausführliche Schilderung ihrer Spionagetätigkeit, in deren Verlauf sie u. a. die Pläne zur Herstellung der V 2 an sich brachte. Ferner liegt eine eidesstattliche Erklärung Wilhelm von Schledorns vor, nach der ihre Spionagetätigkeit bestätigt wurde.

Vera Salvequart trägt heute Anstaltskleidung, wodurch man sie hindern will, den gleichen Weg zu gehen, wie Treite und Mory, die das Gift und die Rasierklinge seit ihrer Inhaftierung bei sich getragen haben müssen.

Hat sie vom Selbstmord der Mory gewußt? Noch in der letzten Stunde war Vera Salvequart mit der Schweizerin in der Zelle zusammen.

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