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ASIEN Flucht ins Billigland

Japan fühlt seine wirtschaftliche Vormachtstellung durch China bedroht. Beide Rivalen rüsten mächtig auf.
aus DER SPIEGEL 29/2001

Virtuell proben die Konkurrenten schon mal den Ernstfall: »Kriegseröffnung« überschrieb das Parteiorgan der chinesischen Kommunisten eine spezielle Internet-Seite zum jüngsten Handelsstreit mit Japan. Und in Japan empörten sich Patrioten ebenfalls online über »Chugoku Kyoi« - die »Bedrohung durch China«.

Nicht nur im Cyberspace, auch in der realen Welt geraten die asiatischen Riesen neuerdings gefährlich aneinander: So verhängte Pekings Regierung Einfuhrzölle von 100 Prozent auf japanische Autos, Handys und Klimaanlagen. Damit rächten sich die Chinesen für einen Handelsstreit, den die Japaner im April vom Zaun gebrochen hatten.

Um die heimische Landwirtschaft vor chinesischen Billigimporten zu schützen, verhängte die Regierung in Tokio befristete Einfuhrbeschränkungen für bestimmte Pilze, Lauch sowie Binsen für Tatami-Matten. Zwar betrifft der Streit nur einen Bruchteil des bilateralen Handelsvolumens von 83,2 Milliarden Dollar, doch der politische Schaden wächst Tag für Tag.

Denn die Scharmützel im drohenden Handelskrieg hätten kaum ungelegener kommen können. Seit Monaten befehden sich die Regierungen beider Länder zunehmend lautstark wegen ihrer blutigen Vergangenheit. Weil sie einander misstrauen, rüsten die Nachbarn verstärkt gegeneinander auf und streiten um die Führungsrolle in Asien. Überdies begreift das Inselreich, was für ein gefährlicher Rivale ihm auf dem Kontinent auch ökonomisch herangewachsen ist.

Bis Ende der achtziger Jahre wurde Japan stets als Nummer eins in Asien gefeiert: Nippon gab Staaten wie Südkorea, Thailand, Malaysia und China den Kurs des industriellen Aufstiegs vor. Doch nach den Wirtschaftskrisen in den Neunzigern, Japans »verlorenem Jahrzehnt«, holte der Nachzügler China rasch auf.

Dass die zweitgrößte Industriemacht sich mit dem Aufsteiger China nun ausgerechnet wegen Gemüse-Importen anlegt, hat fast tragischen Symbolwert: Während die »Japan AG« kränkelnde Branchen wie die Landwirtschaft und den Textilsektor gegen ausländische Konkurrenz abschirmt, fliehen innovative Hightech-Firmen schon seit Jahren vor hohen Kosten ins billige China.

Nun sind die Japaner ratlos: »Wie sollen wir mit der Weltfabrik China umgehen?«, fragt die Wirtschaftszeitung »Nihon Keizai«. Auch das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) schlägt in seinem jüngsten Weißbuch Alarm: Weil China mehr ausländisches Kapital anlocke als Japan, wächst es längst nicht mehr nur in Basis-Industrien wie der Textilbranche. Selbst Japans Elektronikindustrie muss den Herausforderer China laut Meti inzwischen ernsthaft fürchten.

Was die staatlichen Strategen besonders besorgt: In den Tigerländern Asiens büßte Japan sogar seine unangefochtene Spitzenstellung als Investor ein. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Inselreich stets bemüht, den verlorenen militärischen Einfluss in Südostasien mit wirtschaftlicher Leistung zurückzuerobern. Doch die Asienkrise 1997 warf das Land zurück.

Um die heimische Industrie für die neue Konkurrenz zu wappnen, fordert Premier Junichiro Koizumi eine »Strukturreform ohne heilige Kühe«. Doch bevor Nippons neues Polit-Idol der verunsicherten Nation die unausweichliche Schmerztherapie zumutet, will er die Japaner erst einmal mit patriotischen Sprüchen moralisch aufpäppeln.

So verkündete Koizumi, dass er am 15. August - dem Tag der japanischen Kriegsniederlage - offiziell zum Yasukuni-Schrein in Tokio pilgern wolle. An dieser Weihestätte für Nippons gefallene Soldaten werden auch die sieben 1948 gehängten Hauptkriegsverbrecher des Landes verehrt. Mit Rücksicht auf die asiatischen Nachbarn hatten frühere Premiers meist auf Besuche des Heldenmonuments verzichtet.

Traditionell unterlässt es die japanische Regierung, sich bei China unmissverständlich für Kriegsverbrechen zu entschuldigen - wie etwa für das Massaker von Nanking 1937. Lieber gewährte sie Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe, wann immer die chinesischen Herrscher auf Tokios Eroberungsfeldzüge verwiesen. Aber neuerdings zeigt Tokio auch in diesem Punkt Stolz: Vor allem aus Verärgerung über angebliche chinesische Undankbarkeit will es seine Zahlungen künftig verringern.

Einen versöhnlichen Neuanfang in den gespannten Beziehungen hatte Peking sich von Japans neuer Außenministerin Makiko Tanaka erhofft. Deren verstorbener Vater, Ex-Premier Kakuei Tanaka, hatte 1972 diplomatische Beziehungen mit dem kommunistischen Nachbarn angeknüpft. Doch der außenpolitischen Novizin fehlt derzeit noch die Autorität, um an die historische Leistung des Vaters anzuschließen und den bilateralen Streit zu entschärfen: Tanaka hat Mühe, sich gegen die feindselige Bürokratie ihres Ressorts zu behaupten.

Dabei wären beide Länder auf einen störungsfreien diplomatischen Draht dringend angewiesen. Denn militärisch rüsten die asiatischen Vormachtstaaten beängstigend auf. Mit Rüstungsausgaben von gut 40 Milliarden Dollar rangiert Japan international bereits auf Platz drei - hinter der Supermacht USA und Russland; Chinas Wehretat wird auf 70 Milliarden Dollar geschätzt, offiziell beträgt der Verteidigungshaushalt 14,5 Milliarden. Zwar verpflichtete sich Japan laut Artikel 9 seiner pazifistischen Nachkriegsverfassung, »auf ewig dem Krieg als souveränem Recht der Nation« abzuschwören. Doch diesen Passus würden führende Regierungspolitiker am liebsten ersatzlos streichen.

Mit Argwohn verfolgen Tokios Militärs, dass China nicht nur Taiwan - das von 1895 bis 1945 japanische Kolonie war - heim ins Reich holen will. Auch der chinesische Anspruch auf fast das ganze Südchinesische Meer alarmiert Japans Strategen. Durch dieses Gewässer transportiert das rohstoffarme Land einen Großteil seiner

Öl-Importe. »Die Lage Ostasiens ist unsicher«, beschreibt Marine-Stabsoffizier Katsutoshi Kawano die Ängste der Japaner.

Tokios jüngster Verteidigungsplan liest sich deshalb wie eine riesige Einkaufsliste für neue Hightech-Waffen: Beinahe ohne jede Diskussion billigte das Parlament erstmals den Kauf von Flugzeugen zum Auftanken in der Luft sowie zweier Hubschrauberträger. Das neue Gerät erweitere den Einsatzradius des japanischen Militärs, warnt Rüstungsexperte Tetsuo Maeda.

Doch die Regierung beruft sich auf den mächtigen Bündnispartner USA, der Japan zu stärkeren militärischen Anstrengungen drängt. Seit 1998 forschen japanische Rüstungsingenieure gemeinsam mit Partnern aus den USA an einem örtlich begrenzten Raketenabwehrschirm; deutlicher als alle anderen Alliierten zeigte die Regierung in Tokio ihr Verständnis für Washingtons Pläne zur Raketenabwehr, von denen sich die chinesische Führung bedroht wähnt.

Weiterer Zwist mit China ist somit programmiert. Die Möchtegernkrieger im Internet zündeten jedenfalls schon die nächste Stufe. Dort malt ein chinesischer Online-Roman mit grässlichen Details ein »Tokio Massaker« aus - als Rache für Nanking.

WIELAND WAGNER

* Ermordung von chinesischen Kriegsgefangenen 1937 in Nanking.

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