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VIETNAM / COMICS Flucht vom Stuhl

aus DER SPIEGEL 41/1966

An einen Holzstuhl gefesselt, von einem Asiaten bewacht, hockt Chris Tower, die Augen verbunden, in einem schmutzigen Hinterzimmer von Saigon. Jugendliche Rowdys halten den US-Reporter gefangen. Sie wollen ihn an den Vietcong verkaufen.

Doch noch ist Tower nicht verloren. Plötzlich springt er hoch, rammt den verblüfften Viet-Jüngling mit einem wuchtigen Kopfstoß zu Boden und entkommt.

Rund 75 amerikanische Zeitungen zwischen New York und Los Angeles, zwischen Chicago und New Orleans feierten Anfang dieses Monats Towers Bravourstück - doch nicht mit Schlagzeilen auf der ersten Seite: mit einem Mundblasen »Bravo« weiter hinten im Unterhaltungsteil.

Denn Vietnam-Reporter Chris Tower ist kein Reporter, er ist Comic-Held in Fernost - in dem Streifen über die Elitetruppe der »Green Berets«.

Und er ist nicht der einzige. Auch andere betagte Comic-Heroen wurden aus beschaulichen Kalten-Kriegs-Abenteuern gerissen und an die asiatische Front versetzt. Tag für Tag tragen sie den Krieg auf die gemischten Seiten.

Nach dem Vorbild von Donald Dawson, der im Vorjahr als 25jähriger von Kalifornien nach Vietnam flog, um auf Vietcong-Territorium nach seinem vermißten Bruder zu suchen, forscht Comic -Captain Hunter nach seinem Zwilling Nick. Und wenn er einmal nicht forscht, stellt er den roten Buben tödliche Fallen.

Dem Leben nachempfunden ist auch Navy-Pilot Buz Sawyer, der Napalm schmeißt und abgeschossene Comic-Kamerader aus nordvietnamesischen Gewässern fischt.

Terry - von »Terry und die Piraten«

- wagt sich noch weiter vor in Feindesland: Er versucht, einen übergelaufenen Peking-Funktionär heimlich aus Maos Reich zu schmuggeln.

Air-Force-Oberst Steve Canyon arbeitet mit Köpfchen. Durch emsiges Nachdenken gelingt es ihm, einen schurkischen Peking-Plan aufzudecken: Die Gelben wollen Atombomben nach Amerika einschleusen und ihre nächsten Kernwaffenversuche in Gottes eigenem Land veranstalten.

Amerikas Viet-Comies sind ebenso umstritten wie Amerikas Vietnam-Politik. »Die USA kämpfen nun mal in Vietnam«, erklärt Chris-Tower-Vater Joe Kubert, »also zeichnen wir, als wären wir dort. Aber »The Miami News« wollen sich von Chris Tower trennen, weil Verleger Baggs den Mundblasen-Patriotismus für »reine Propaganda« hält. Der »Charlotte Observer« hat Chris bereits aus seinen Diensten entlassen, nachdem sich ein paar Dutzend Leser über die »Blutrünstigkeit« beschwert hatten.

Comic-Captain Hunters Verleger freilich glaubt, die Vietnam-Comies seien den Lesern eher zu langweilig: »Im Zweiten Weltkrieg, da gab's noch Panzer, Flugzeuge, Infanterie. Vietnam - das ist doch nur Guerilla-Krieg.«

Vietnam-Comics »Green Beret«, »Buz Sawyer": Täglich Krieg auf den gemischten Seiten

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