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SCHWAB-VERSAND Flucht zu Morgan

aus DER SPIEGEL 6/1965

Versandhändler Friedrich Schwab, der seinen Namen gern von einem Zeppelin am Himmel zeigen läßt, hat die Deutsche Bank verärgert. Ihr Hermann Josef Abs war gerade im Begriff, sich auf den Versandpaketen des Hanauers niederzulassen, als ihm Schwab die Sitzgelegenheit entzog.

Sein stiller Partner, der Lederindustrielle Richard Freudenberg, hatte das Ganze ausgelöst, weil die Schwab & Co KG sich so dynamisch zum drittgrößten deutschen Versandhaus entwickelte, daß er seiner Beteiligung immer mehr Geld nachschießen mußte.

Seit 1960 ist der Schwab-Umsatz auf 370 Millionen Mark mehr als verdreifacht worden, so daß Schwab schon im Frühjahr 1963 nicht umhinkonnte, sein knappes Eigenkapital von 1,15 Millionen Mark zu erhöhen. Als vollhaftender Gesellschafter (Komplementär) zeichnete er drei Millionen Mark, Kommanditist Freudenberg mußte sieben Millionen Mark hinblättern und obendrein noch 30 Millionen Mark Gesellschaftsdarlehen hergeben.

Aber Schwab hatte weiter Geldwünsche. Er will sein Verkaufssystem mit den 95 000 Vertretern umbauen. Überdies möchte er wie Josef Neckermann Kaufhäuser errichten und noch 1965 in die ersten Häuser - in Berlin und Offenbach - einziehen.

Als ehemaliger Kommodore eines Nachtjagdverbandes an Hinterdreinstarts gewöhnt, gab Friedrich Schwab den Befehl aus, es sei »für die kommende Ausdehnung des Unternehmens genügend Kapital bereitzustellen«.

Die Zukunft gedachte Schwab mit Hilfe von Aktien zu meistern. Er wollte seine Firma in eine AG umwandeln und »vielen Interessenten die Möglichkeit einer Kapitalbeteiligung bieten«. Aber sein Kompagnon, der den Aufstieg des Schuh-Versenders Schwab zum Vollsortimenter nach Kräften gefördert hatte, dachte darüber anders. »Lieber Herr Schwab«, diktierte er Ende vergangenen Jahres »in Übereinstimmung mit der Deutschen Bank AG«, in deren Aufsichtsrat der Industriemagnat Freudenberg sitzt: »Die Firma Schwab bleibt Kommanditgesellschaft.«

Als zusätzlichen Partner, der Geld mitbringen könne, offerierte Freudenberg dafür die Deutsche Bank. Sie »oder eine ihrer Tochtergesellschaften« sei willens, sich mit nominal 40 Millionen Mark »gegen Zahlung eines. Aufgeldes von 100 Prozent, zusammen also 80 000 000 Mark«, in die Firma einzukaufen. Das Geld

stand abrufbereit. Die Deutsche Bank errechnete sich bereits »für die Zeit der Leistung der Kommanditeinlage bis zum 31. März 1965 neun Prozent pro anno Zinsen auf den Nominalwert ihrer Geschäftseinlage«.

Seine eigene Einlage wollte Freudenberg auf 40 Millionen Mark aufstocken. Und Schwab sollte »im Laufe der nächsten fünf bis sechs Jahre, ohne Berechnung von Zinsen, aus künftigen Gewinnen« seinen Anteil in bequemen Raten auf 20 Millionen Mark auffüllen.

Die frohe Botschaft wurde Friedrich Schwab allerdings durch den fatalen Nachsatz versalzen: »... solange Sie persönlich haftender Gesellschafter sind.« Aufgeschreckt sah sich der Versandhändler nach anderen Partnern um. Er flüchtete schließlich unter die Fittiche der Morgan Guaranty Trust Company

New York, die vordem schon Henschel,

Quellen-Lehnig und Neckermann aus ähnlichen Situationen herausgeholfen hatte.

Morgan, einer der größten Bankkonzerne der Welt, nahm sich des Flüchtlings an. Er wird die Hanauer Firma in eine KG auf Aktien umbauen und mit 52 Millionen Mark Nominalkapital ausstatten. Davon übernimmt Schwab 13 Millionen Mark oder 25 Prozent und behält das Kommando.

Den Rest von 39 Millionen Mark will das Wall-Street-Haus zum Kurs von 260 so breit unter das deutsche und Internationale Börsenpublikum streuen, daß kein Aktionär ernstlich in die Geschäftspolitik eingreifen könnte. Eine Wandelobligation mit zehn Jahren Laufieit in Höhe von 15 Millionen Mark, die drei Versicherungsgesellschaften zum Kurs von 300 übernehmen sollen, vervollständigt die Transaktion.

Die Männer um Hermann Josef Abs bissen würdig in die saure Traube. Ein Sprecher verkündete kühl, die Deutsche Bank werde sich nicht an der Emission der Schwab-Aktien beteiligen. Und: »Wir müssen doch nicht überall dabeisein.«

Schwab-Zeppelin, Schwab (2. v. r.): Mit Aktien in die Höhe

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