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BOURWIEG Flüchtiges Gespräch

aus DER SPIEGEL 48/1966

Blaß, wie er verschwunden war, kam er zurück. Am Samstagmittag vorletzter Woche entstieg auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen ein deutscher Experte der Lufthansa-Transatlantikmaschine: Dr. Gerhard Bohne, 64, bezichtigt des 15 000 fachen Euthanasie-Mordes, Vorgänger des Professors Werner Heyde alias Dr. Sawade (SPIEGEL 8/1964).

Der Spätheimkehrer hatte sich 1963 einem Verfahren vor dem Schwurgericht Limburg entzogen, genau wie der in demselben Verfahren angeklagte Heyde: Bohne durch Emigration, Heyde durch Strangulation.

Drei Jahre verbrachte Bohne in Südamerika, ehe ihn argentinische Behörden auf deutsches Ersuchen auslieferten. Und seine Abwesenheit blockierte nicht nur die Verhandlung gegen ihn selbst; sie war auch das letzte Glied einer Kette von Hindernissen, die einem anderen Verfahren seit Jahren im Wege stehen: dem Prozeß gegen Bruno Bourwieg, 65, bis 1956 Erster Staatsanwalt in Flensburg, dann Leitender Regierungsdirektor der Wehrbereichsverwaltung I in Kiel, jetzt Pensionär.

Der Ex-Ankläger steht seit Anfang 1961 unter der Anklage, eine »Begünstigung im Amt« begangen zu haben*. Er soll, wie 18 andere Kieler, Schleswiger und Flensburger Arzt-, Richter- und Professoren-Honoratioren, seit Ende 1954 gewußt haben, daß der Nervenarzt und Gerichtsgutachter Dr. Sawade mit dem NS-Euthanasie-Chef Heyde identisch war, ohne irgendwelche Ermittlungen einzuleiten - das, obwohl Heyde in Fahndungsbuch und Bundeskriminalblatt als mordverdächtig verzeichnet war.

Während alle anderen NS-Geheimnisträger glimpflich mit Disziplinarstrafen oder ungeschoren davonkamen, sah Bourwieg sich weiterhin inquisitorischen Fragen früherer Amtskollegen ausgesetzt. Doch er bestritt jede Schuld: Lediglich ein Professor Glatzel (Bourwieg. Unsere Frauen musizierten gemeinsam") habe ihm einmal in seiner Wohnung gesagt, »daß ein Arzt in Flensburg unter falschen Namen lebe. Möglich ist, daß hierbei der Name 'Dr. Sawade' genannt worden ist. Es muß sich aber um ein flüchtiges Gespräch ohne nähere Einzelheiten gehandelt haben.«

Laut Aussage des Schleswiger Sozialgerichtspräsidenten Dr. Ernst-Siegfried Buresch, ebenfalls ein Mitwisser, hatte Bourwieg freilich auch die angeblich oberflächliche Glatzel-Information zu einer Rechtsbelehrung besonderer Art gereicht. Buresch vor dem Untersuchungsrichter: »Aufgrund des ... Gespräches Glatzel/Bourwieg rief Bourwieg bei mir an und teilte mir mit, daß ich nicht anzeigeverpflichtet sei.« Das Hauptverfahren gegen Bourwieg wurde eröffnet.

Die Verhandlung aber steht seit Oktober 1961 aus. Zunächst beschloß die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Kiel, den Ausgang des Limburger Verfahrens gegen den möglicherweise von Bourwieg begünstigten Heyde, seinen Mitangeklagten Bohne und andere abzuwarten. Danach galt es, die umfangreichen Limburger Akten auszuwerten. Und nachdem endlich auf den 6. Dezember 1965 Termin zur Hauptverhandlung anberaumt worden war, zog sich ein anderer Prozeß vor der zuständigen Kammer länger hin als vorgesehen, so daß der Termin platzte.

Schließlich überlegten es sich die Richter anders und beschlossen die Aussetzung der Hauptverhandlung"bis zum rechtsgültigen Abschluß des Strafverfahrens gegen Dr. Bohne«. Der paukte sich derweil durch alle argentinischen Gerichtsinstanzen, um seine Auslieferung zu verhindern.

Und als Bohne endlich aufgrund einer Entscheidung des höchsten argentinischen Gerichts in Buenos Aires ausgeliefert wurde, war er für das Kieler Verfahren gegen Bourwieg nicht mehr vonnöten: Auf Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen den Aussetzungsbeschluß der Kieler Richter hatte das Oberlandesgericht Schleswig zwei Wochen zuvor angeordnet, Bourwieg sei ohne weitere Verzögerung der Prozeß zu machen. Der Ausgang des Verfahrens gegen Bohne spiele keine Rolle.

Ex-Ankläger Bourwieg wird nun vermutlich Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres tatsächlich auf der Anklagebank sitzen. Freilich werden die Richter nicht alle bisherigen Bourwieg-Aussagen am Wort messen können. Der Leitende Regierungsdirektor in Ruhe ist Anfang 1960 bei Glatteis auf den Hinterkopf gefallen: »Die Möglichkeit« von »Gedächtnisstörungen« ist laut ärztlichem Befund »durchaus gegeben«.

*Paragraph 346 StGB: »Ein Beamter, der vermöge seines Amtes zur Mitwirkung bei einem Strafverfahren oder bei der Vollstrekkung einer Strafe oder einer Maßregel der Sicherung und Besserung berufen ist und wissentlich jemand der Im Gesetz vorgesehenen Strafe oder Maßregel entzieht, wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft.«

Angeklagter Bourwieg

Termin geplatzt

Angeklagter Bohne (M.)*, Kriminalbeamte: Prozeß verzögert

* Bei der Ankunft auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen am Sonnabend vorletzter Woche.

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