Nein, hier plündern keine Geflüchteten einen Weihnachtsbaum

Dieser Beitrag wurde am 09.12.2018 auf bento.de veröffentlicht.

Update: Diese Meldung stammt ursprünglich aus dem Jahr 2016, macht aber aktuell wieder die Runde. Wir haben sie aktualisiert, um auf den Fake hinzuweisen.


Die Meldung teilt sich auf Facebook, in WhatsApp-Chats und ist auf YouTube zu finden: Geflüchtete sollen einen Weihnachtsbaum geplündert haben, der in einem Einkaufszentrum aufgestellt ist. Ein Video, das als Beweis geteilt wird, zeigt Männer, die am Baum nach oben klettern und Christbaumkugeln abreißen. Rundherum stehen Frauen, die sie mit Pfiffen anfeuern.

"Besorgte Bürger" sehen es als Beweis, wie Geflüchtete in Deutschland den Weihnachtsfrieden stören. Das Video machte bereits Weihnachten 2016 die Runde. Die Szene wurde mal angeblich im "Weserpark" in Bremen gedreht, mal soll sie in der "Altmarkt-Galerie" in Dresden aufgenommen worden sein. Seriöse Medien werden nicht als Quellen angeführt.

2018 wandert die Tannenbaum-Attacke wieder durchs Netz – dieses Mal fand sie angeblich in einem Einkaufszentrum in Hamburg statt. Damals wie heute gilt jedoch: Es ist ein Fake.

So sehen die Posts zur Weihnachtsbaum-Meldung aus:

Fotostrecke

Weihnachtsbaum Fake

Das Video stammt in Wahrheit aus Ägypten. Es wurde in der "Mall of Arabia" im Januar 2016 aufgenommen, das größte Einkaufszentrums von Kairo. Dort – wie auch in vielen anderen Geschäften in Ägypten – wird zur Weihnachtszeit nach europäischem Vorbild dekoriert. Es gibt Weihnachtsbäume, Lametta, hier und dort sogar verkleidete Weihnachtsmänner.

Weihnachten wird in Ägypten erst Anfang Januar gefeiert, im Rahmen des koptischen Christfestes. Dann werden auch – nach einem schwedischen Brauch – in vielen Einkaufszentren die Weihnachtsbäume "geplündert". In ihnen verstecken sich kleine Geschenke, die Besucher sind dazu eingeladen, sie zu finden.

Das ist das mutmaßliche Originalvideo, es handelt sich also um das Weihnachtsfest 2015/2016:

Mitte November 2016 wurde dann eine Version auf YouTube  hochgeladen, die mit einem neuen Titel von einer "Attacke" spricht. Erste Posts auf Facebook verorten das Ereignis in Norwegen, dann landete das Video auch in deutschen Timelines, angeblich sei das Video hier aufgenommen worden, hieß es jetzt.

Warum sind solche Falschmeldungen gefährlich?

Sie helfen dabei, Vorurteile zu schüren und Zweifel zu sähen. Das ist für ein demokratisches Miteinander gefährlich: Fakten zählen nicht mehr, Gefühle gewinnen. Bereits im US-Wahlkampf haben Falschmeldungen die Nachrichten dominiert – und so Wählermeinungen beeinflusst.

Über den Weihnachtsbaum-Fake haben lokale Medien in Bremen  und Dresden  berichtet – sie stellten sogar die Bilder aus beiden Einkaufszentren gegenüber. Trotzdem glauben nicht alle der Enthüllung. Ein Blog aus Dresden  schürte auch nach der Aufklärung noch Zweifel: "Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, ist gefragt! Doch wer kennt sie wirklich?"