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RÜSTUNG Flug des Habichts

Einen der geheimnisvollsten US-Jets testet jetzt die Bundeswehr. Er kann tagelang fliegen - ohne Pilot.
aus DER SPIEGEL 43/2003

Sinkflug, Nase hoch, »touch down« - damit erschöpft sich der Vergleich zum normalen Flugbetrieb auf dem Fliegerhorst Nordholz bei Cuxhaven. Ein Fluggerät, wie es in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche auf der Landebahn des Marinefliegergeschwaders 3 »Graf Zeppelin« niedergeht, ist den Seeaufklärern der Bundeswehr noch nie begegnet.

Mit 35 Metern breiter als ein Airbus A320, rollt der Jet auf seinen Einweiser zu. Von der Seite erinnert das Luftfahrzeug eher an eine Missgeburt: der Rumpf ein 14 Meter kurzer Stummel, die Nase aufgeworfen, als wäre ihr harter Kontakt mit einer Hangarwand zugemutet worden, und in dem auffälligen V-Leitwerk am Heck ein dicker Bürzel, das Triebwerk.

Doch wirklich außergewöhnlich ist das, was den Soldaten verborgen bleibt, als der Pilot nach einem 20-stündigen Überführungsflug endlich den Schub auf null reduziert. Kein Kabinendach hebt sich bei dem dunkelgrau-weißen Vogel, der in Form und Farbe an einen Killerwal erinnert. Keine Luke öffnet sich für den Piloten. Der saß nämlich während des Fluges an einem Computer auf der Edwards Air Force Base im fernen Kalifornien. Unbemannt und weitgehend automatisch war von dort - 9000 Kilometer über den ganzen amerikanischen Kontinent und, nonstop, ohne Zwischentanken auch noch über den Atlantischen Ozean hinweg - eines der geheimnisvollsten Militärflugzeuge der USA an die Nordseeküste geflogen: der »Global Hawk«. Umgerüstet mit deutscher Elektronik, offeriert die Herstellerfirma Northrop Grumman mit dem europäischen Kooperationspartner Eads den Wundervogel der Bundeswehr.

Fünf ausgedehnte Übungseinsätze sollen jetzt die Eignung der Drohne als Ersatz für die uralten Seeaufklärer vom Typ Breguet 1150 Atlantic beweisen, deren Dienstzeit 2008 ausläuft. Ein alter Marineflieger träumt bereits von einem »Wechsel wie von einem verrotteten VW-Käfer auf einen Porsche-Turbo«. In der Tat bekäme die Deutsche Marine mit dem »Habicht« für derzeit 25 Millionen Dollar ein Wehrgerät, wie es außer der Supermacht USA keine andere Nation der Welt besitzt. Die, voll betankt, zwölf Tonnen schwere Drohne kann mit ihrer Treibstoffladung von fast sieben Tonnen nahezu zwei Tage lang in der Luft bleiben. Mit geringstem Kraftaufwand hält sie sich dort - dank ihrer riesigen Tragflächen - beinahe gleitend wie ein Segelflugzeug.

Der Raubvogel hätte über Nordholz kehrtmachen und nach Kalifornien zurückfliegen können. Selbst ein Abstecher zum über 3000 Kilometer entfernten Alaska und der Rückflug zur Edwards Air Force Base wäre noch möglich gewesen, ehe der Ausdauerflieger seine Höchstreichweite von 25 000 Kilometern erreicht hätte.

Dass der unbemannte Jet kürzlich auch für den zivilen Luftraum freigegeben wurde, liegt unter anderem daran, dass er in 22 Kilometer Höhe kreuzt, rund doppelt so hoch wie der kommerzielle Luftverkehr. Höher im Übrigen auch als die meisten Flugabwehrwaffen reichen - ein Vorteil, der dem »Global Hawk« sowohl über Afghanistan wie auch über dem Irak zu äußerst erfolgreichen Einsätzen verhalf.

Wie ein fliegendes Auge kreiste der Höhenaufklärer während des Kriegs über dem Gefechtsfeld und lieferte binnen Minuten Bilder und Zielinformation in die Kommandozentralen oder blitzschnell in die Cockpits angreifender Flugzeuge. Eine hoch entwickelte elektronische Optik macht aus über 20 Kilometer Höhe noch Gegenstände von der Größe einer Flasche sichtbar. Binnen 24 Stunden können Linsen und Radarantennen eine Fläche von rund 137 000 Quadratkilometern absuchen. Und das Seitenradar sieht auch dann noch klar, wenn das menschliche Auge schon nichts mehr erkennen kann.

So beobachtete ein »Habicht« im Sandsturm der ersten Kriegswoche im Irak, der den alliierten Vormarsch tagelang zum Erliegen brachte, wie Saddams Elitedivision »Medina« im Schutz der scheinbar undurchdringlichen Staubwolken gegen die »erblindeten« US-Truppen vorrückte. Unerkannt kreiste der Späher daraufhin über der Garde-Einheit und lieferte über acht Stunden immer neue Zielkoordinaten, bis die Truppe unter den Bombardements »buchstäblich verschwunden war«, wie sich ein Beobachter erinnert.

Von »unglaublichem Wert« seien die unbemannten Luftfahrzeuge für die US-Streitkräfte gewesen, lobte der Chefstratege des Luftkriegs, Oberst Mace Carpenter. Allein den scharfen Augen des »Habichts« fielen 300 irakische Panzer, 40 Luftabwehrbatterien, 300 Raketencontainer, 70 Transportfahrzeuge und 15 Raketenwerfer zum Opfer.

Die Bundeswehr interessiert vorerst nur die Ausdauer des Raubvogels: Er könnte tagelang riesige Seegebiete nach elektronischen Signalen feindlicher Schiffe absuchen - eine Aufgabe, die heute ganze Staffeln von Aufklärungsflugzeugen erfordert, samt mehrköpfigen Besatzungen.

Für den Einsatz des »Habichts« als zielsicherer Späher gibt es derzeit indes keinen Bedarf. Mangels Präzisionswaffen könnte die Bundeswehr derart genaue Zielangaben kaum nutzen. SIEGESMUND VON ILSEMANN

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