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Großbritannien Folter und Tod

70 000 Kosaken und Jugoslawen wurden bei Kriegsende von den Briten an Stalin und Tito ausgeliefert. Ein Kriegsverbrechen?
aus DER SPIEGEL 44/1989

Englische Soldaten trieben ihre Kriegsgefangenen mit Kolbenschlägen vorwärts, hielten sie mit Bajonetten in Schach und feuerten MG-Salven über ihre Köpfe hinweg. Die Truppen Seiner Majestät Georgs VI. hatten einen Befehl auszuführen: Sie mußten 70 000 Gefangene auf Züge verfrachten, um sie ihren erbittertsten Feinden auszuliefern.

Manchmal gelang es, die Unglücklichen zu täuschen: Vor dem Abtransport verbreiteten die Briten, die Züge würden nach Italien fahren, nicht etwa nach Jugoslawien oder in die Sowjetunion. Als die Irregeführten später die Wahrheit erfuhren, brach in den Viehwaggons Panik aus, mehrere Dutzend der Gefangenen nahmen sich das Leben.

Solche Szenen spielten sich kurz nach Kriegsende im Mai 1945 ab. Von Klagenfurt aus überstellte die 8. britische Armee 40 000 russische Kosaken und 30 000 Jugoslawen, die auf deutscher Seite gekämpft hatten, den Truppen Stalins und Titos - für die meisten war es eine Reise in den sicheren Tod.

Die tragischen Vorgänge hatte der Historiker Graf Nikolai Tolstoy, 53, ein Engländer russischer Herkunft aus der Familie Leo Tolstois, bereits 1986 in einem Buch beschrieben. Doch die Briten beachteten das ausführlich dokumentierte Enthüllungswerk ebensowenig wie vorherige Veröffentlichungen über das leidige Thema und zogen es vor, auch weiterhin ihre Heldentaten aus dem Zweiten Weltkrieg zu feiern.

Nun muß sich ein Gericht in London mit dem Schicksal der damals ausgelieferten Russen und Jugoslawen beschäftigen. In »Britanniens erstem hausgemachten Prozeß über Kriegsverbrechen« (Sunday Times) wehrt sich ein angesehener Ex-Politiker und Geschäftsmann dagegen, in eine Reihe mit den »schlimmsten Schlächtern der Nazis und der Sowjets« gestellt zu werden.

Lord Aldington, 75, einst Vizechef der Konservativen Partei, verklagt Tolstoy und Nigel Watts, 51, wegen Verleumdung: Eine von Tolstoy geschriebene und von Watts vorgelegte Broschüre macht Aldington, der 1945 als Brigadegeneral in der 8. Armee diente, für die Zwangsrückkehr der Kriegsgefangenen verantwortlich: »Er gab alle Befehle.«

Das ist noch umstritten. Wie auch immer der Prozeß vor der 13. Kammer der Royal Courts of Justice in London, Großbritanniens oberstem Zivilgericht, enden wird - die Siegermacht England muß sich mit der dunklen Episode am Ende des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzen. »Das Urteil der Jury«, so schreibt der auf Nazi-Kriegsverbrechen spezialisierte Autor Tom Bower, »wird das Urteil der Geschichte über diesen unauslöschlichen Fleck auf Britanniens Ehre für immer beeinflussen«.

Im Abkommen von Jalta hatten die Alliierten entschieden, russische Verbündete der Hitler-Truppen an die Rote Armee auszuliefern. Diese Abmachung aber hatte die britische Regierung schon im März 1945 auf Personen begrenzt, die 1938 - also vor Stalins Gebietsexpansion - in der UdSSR lebten. Ein großer Teil der Kosaken war jedoch schon bald nach der Revolution von 1917 in den Westen geflohen.

Bei Kriegsende in Österreich hatten zudem die Amerikaner den Briten angeboten, die gefangenen Kosaken und die ebenfalls von Auslieferung bedrohten Jugoslawen zu übernehmen. Denn den nur 50 000 britischen Soldaten in Kärnten hatten sich damals auch noch 400 000 deutsche Landser ergeben.

Es habe mithin keinen Grund zur Massendeportation nach Osteuropa gegeben, behauptet Tolstoy - zumal die Briten wissen mußten, daß die Gefangenen nach ihrer Auslieferung »entweder unglaublich grausam umgebracht oder zu einem langsamen Tod in kommunistischen Gefängnissen verurteilt werden würden«.

Der angegriffene Lord Aldington, der damals, lange vor seiner Erhebung in den Adelsstand, Toby Low hieß, bestreitet dieses Wissen und beruft sich auf die Befehlslage. Seine Anwälte riefen überdies Zeugen auf, die bestätigen, daß Nazi-Kollaborateure im Mai 1945 bei den Briten wenig Sympathie genossen, während Sowjets und Tito-Partisanen noch als Waffenbrüder galten.

So ließ sich ein britischer Offizier bei den Verhandlungen über den Rücktransport der Kosaken von den Rotarmisten mit 15 Gläsern Wodka bewirten. Nach seiner Rückkehr ins Camp mußte er zur Ausnüchterung erst mal ein Eisbad nehmen. Der spätere Premier Harold Macmillan, damals als Ministerstellvertreter zuständig für die Verbindung zu den Streitkräften in Südeuropa, betrachtete die Auslieferung der Kosaken und Jugoslawen als »militärisch notwendig«, obwohl er nicht ausschließen mochte, daß auf die Kollaborateure »Sklaverei, Folter und vielleicht der Tod« warteten.

Tolstoy hatte deshalb sein Buch »Der Minister und die Massaker« genannt. Aber erst die spätere Broschüre, in der er seine Angriffe auf den noch lebenden Lord Aldington konzentrierte, löste die erhoffte Debatte aus.

Das Pamphlet (Auflage: 10 000 Exemplare) finanzierte der erfolgreiche Makler Watts nicht aus Interesse an der historischen Wahrheit. Er verfolgte den Kläger jahrelang aus einem höchst profanen Grund:

Als Vorstandsvorsitzender des Versicherungskonzerns Sun Alliance hatte sich Lord Aldington geweigert, der Schwester von Watts die Lebensversicherung seines plötzlich verstorbenen Schwagers auszuzahlen.

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