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SOWJET-UNION / CHRUSCHTSCHOW Ford als Vorbild

aus DER SPIEGEL 17/1963

In 56 »Prawda«-Zeilen wurde ein Traum Nikita Chruschtschows beerdigt: die Vereinigten Staaten bis 1970 in der Pro-Kopf-Produktion der wichtigsten Wirtschaftsgüter einzuholen und zu überholen.

Unter der nichtssagenden Überschrift »Im Zentralkomitee der KPdSU und dem Ministerrat der UdSSR« erfuhren die Sowjetmenschen Mitte März im Partei-Organ, daß Parteiführung und Ministerrat (Vorsitzender beider Gremien: Chruschtschow) beschlossen hatten,

- den laufenden Siebenjahrplan zu

stoppen und durch einen neuen Zweijahresplan für 1964/65 zu ersetzen sowie

- die 1957 beschlossene Dezentralisierung der Wirtschaftsführung rückgängig zu machen und einen Obersten Volkswirtschaftsrat unter dem früheren Rüstungsminister Dmitrij Ustinow, 55, zu bilden.

Der neue Chefplaner soll künftig Industrie und Bauwirtschaft mit diktatorischer Strenge zu besserer Planerfüllung anhalten. Denn die bisher geübte dezentralisierte Planungspraxis unter Chruschtschow hat zu schweren volkswirtschaftlichen Verlusten geführt. Am deutlichsten zeigte sich das auf dem Gebiet der Investitionen, der Forschung und der technischen Entwicklung.

Bereits 1957 hatten sowjetische Fachleute vor einer überstürzten Durchführung der Chruschtschowschen Wirtschaftsreformen gewarnt. Ihre Argumente: Die Zerschlagung der zentralen Moskauer Branchenministerien müsse unweigerlich zu lokalen Autarkiebestrebungen und einer Verzettelung der Investitionsmittel führen.

Zu den Kritikern der Chruschtschowschen Dezentralisierungsexperimente gehörte der international angesehene Atomwissenschaftler Pjotr Kapiza. In einem Diskussionsbeitrag in der »Prawda« verwies er auf die Erfahrungen des westlichen Auslandes, wo gerade die Schwerindustrie in zentralisierten Großunternehmen organisiert sei.

Kapiza: »Unsere Ministerien stellen noch größere industrielle Vereinigungen dar und sind gerade darum imstande, eigene Forschungsinstitute und Konstruktionsbüros zu unterhalten.«

Ein anderer Wirtschaftsexperte, Iwan Bardin, berief sich auf das Beispiel der U.S. Steel Corporation und der Bethlehem Steel Company, die von der Branche her zentral aufgebaut seien.

Doch Chruschtschow setzte sich durch. Er erklärte alle, die in diesem Punkt anderer Meinung waren als er, zu Parteifeinden. Im Mai 1957 verfügte der Oberste Sowjet die Auflösung von 27 Branchenministerien. An ihre Stelle traten 105 Volkswirtschaftsräte in allen Teilen der Sowjet-Union, die mit weitgehenden Befugnissen bei der Planung,

Investition und Forschung ausgestattet

wurden.

Ein, zwei Jahre vergingen. Dann trat ein, was die Fachleute vorausgesagt hatten. Zwar war die von Chruschtschow erhoffte Ausschaltung der Moskauer Ministerialbürokratie erreicht, aber die in die Provinz versetzten Wirtschaftsbürokraten verbündeten sich mit den örtlichen Parteimachthabern zu einem neuen mächtigen Interessenblock.

Eine totale Desorganisation der bis dahin überzentralisierten Staatswirtschaft war die Folge. Verschwendungssucht, Ressortgeist, Lokalegoismus, Vetternwirtschaft und Korruption breiteten sich stärker aus als je zuvor.

Allein in der mittelasiatischen Sowjetrepublik Kasachstan mußte Chruschtschow über 18 000 ungetreue oder unfähige Funktionäre entlassen.

Überall in den Provinzhauptstädten, den Zentren der neuen Planungsbehörden, schossen kostspielige Prestigebauten empor.

Viele örtliche Machthaber trachteten danach, ihrem Wirken durch eine möglichst naturgetreue Nachahmung des Moskauer Bolschoi-Theaters, des Sportpalastes oder des Dynamo-Stadions ein Denkmal zu setzen.

In Swerdlowsk entstand, wie Chruschtschow jüngst mitgeteilt hat, ein protzig-pompöses Schwimmbad mit »riesigen Säulen wie Elefantenbeinen«.

Auf dem industriellen Sektor steigerte sich der Typenwirrwarr bisweilen ins Groteske. Nach amtlichen Angaben gehen dem sowjetischen Staat jährlich wenigstens 300 Millionen Rubel (etwa 1,3 Milliarden Mark) durch die Zersplitterung in der Maschinenbauindustrie verloren, deren Betriebe über 125 000 Typen von Maschinen, Geräten und Einzelteilen herstellen.

In den Volkswirtschaftsräten der Russischen Unionsrepublik (120 Millionen Einwohner) werden nicht weniger als 156 unterschiedliche Stuhlarten, 116 Eßtischmodelle, 222 verschiedene Kleiderschränke und 217 Bettentypen produziert.

Unter diesen Umständen war der von Chruschtschow 1959 verkündete Siebenjahrplan mit seinem weitgesteckten Ziel, Amerika in der Pro-Kopf-Produktion einzuholen, illusorisch geworden.

Zwar wurden die einzelnen Planpositionen in der Regel erfüllt und sogar übererfüllt, aber Doppelarbeit, Qualitätsmängel und unproduktiver Kapitaleinsatz machten die Anstrengungen der sowjetischen Werktätigen zum Teil wieder zunichte.

- Bei Gütekontrollen mußten 1962 über 288 000 Stück Einzelmöbel oder 40 Prozent der geprüften Anzahl als Ausschußware zurückgewiesen werden.

- Zwischen 1959 und 1961 hatten sich im sowjetischen Handelsnetz wegen schlechter Verarbeitung oder Qualitätsmängel nicht absetzbare Textilien und Schuhe im Wert von 3,5 Milliarden Rubel (etwa 15 Milliarden Mark) angesammelt.

- 1962 arbeitete jeder vierte Betrieb in der Sowjet-Union mit Verlust und mußte aus allgemeinen Steuermitteln subventioniert werden.

Die unter dem Chruschtschowschen Dezentralisierungsprogramm eingetretene Zersplitterung der wissenschaftlichen Forschungsstätten gefährdete

außerdem den technischen Fortschritt in der Sowjet-Union.

Im November 1962 mußte Chruschtschow gestehen: »Die Bildung kleiner, voneinander getrennter wissenschaftlich-technischer Institutionen in den Volkswirtschaftsräten hat zur Aufsplitterung der wissenschaftlichen Konstrukteurkräfte geführt ... wobei jede einzelne Organisation sozusagen Fahrräder selbst erfindet.«

Zerknirscht erinnerte sich der Sowjetchef, der einst die Dezentralisierung als das wirtschaftliche Allheilmittel gepriesen hatte, an die Vorteile der Zentralisierung, die er mit der Bildung eines Obersten Volkswirtschaftsrates zu fördern hofft.

Gestand Rezentralisierer Chruschtschow: »Zum Beispiel sind in der Automobilindustrie der USA die Konstrukteure und 90 Prozent der gesamten Produktion in drei führenden Konzernen zusammengefaßt: General Motors, Ford und Chrysler. Und das bringt einen großen ökonomischen Nutzen.«

Krokodil, Moskau

»Leider langt es bei unserer Einwohnerzahl nur bis zur fünften Reihe!«

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