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Sexualerziehung Forsch oder fromm

Siebenjährige Kinder werden in einer jetzt erschienenen »Sexfibel« über Pille und Präservativ unterrichtet.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Die meisten Menschen »machen es, sooft sie können. Und sie reden viel darüber. Sie nennen es bumsen, ficken. vögeln oder noch anders. In der Wohnzimmersprache heißt es, sie haben Geschlechtsverkehr«

So steht es in einem Buch, das -- laut Verlag -- »bestimmt ist für Kinder ab sieben Jahren und für kleinere, denen einer vorliest«. Es ist eine »Sexfibel«, die vom Opladener Leske-Verlag in diesem Monat zum Preis von sechs Mark in 50 000 Exemplaren auf den Markt geworfen wurde.

Daß die »Sexfibel« für viele zum öffentlichen Ärgernis wird, haben Autoren und Verlag von vornherein erwartet. Noch bevor die ersten Exemplare an den Buchhandel ausgeliefert wurden, bekamen 200 Pädagogen, Psychologen und Kulturpolitiker den Text. Der Kölner Psychologieprofessor Udo Undeutsch schickte sein Exemplar empört zurück.

Aber selbst unter Progressiven sind die Ansichten geteilt. Während der Berliner Sexualpädagoge Helmut Kentler »regelrecht begeistert« ist und die Fibel ein »gutes Beispiel für eine Sexualerziehung mit emanzipatorischem Anspruch« nennt, findet die FDP-Bildungspolitikerin und Ex-Staatssekretärin Hildegard Hamm-Brücher sie »ganz einfach scheußlich und für Kinder dieser Altersgruppe völlig ungeeignet«.

Von den meisten haupt- und nebenberuflichen Sexualerziehern wird die Fibel ebenfalls abgelehnt werden. Denn wie die meisten anderen Bücher und Broschüren dieser Art ignoriert auch die »Sexfibel« den Bewußtseinsstand vieler Lehrer und der meisten Eltern. Fast die gesamte Aufklärungs-Literatur ist entweder allzu fromm oder aber allzu forsch abgefaßt.

Zu den Forschesten gehören die »Sexfibel«-Autoren Peter Jacobi, 37, und Lutz Maier, 33, die beide in Hamburg als Lehrer arbeiten und ihr Buch von Inge Peters, 30, bebildern und von Heidi Kriedemann, 32, mit Graphiken versehen ließen.

In einigen Passagen unterscheidet sich die Aufklärungsfibel von ähnlichen Werken nur durch anschaulichere Sprache: »In der Frau wächst einmal im Monat ein Ei. Im Mann wachsen jeden Tag so viele Samenzellen wie Zuckerkörner in zehn Tüten Zucker sind. Aber weil die Samenzellen so klein sind, passen sie alle in einen kleinen Tropfen hinein.«

über den Geschlechtsverkehr hingegen werden die Fibel-Leser drastischer und umfassender belehrt, als es wohl die meisten Mütter und Väter je wagen würden. Etwa über Empfängnisverhütung: »Menschen, die sich liebhaben und miteinander vögeln, kennen viele Tricks, um keine Kinder zu bekommen:« Nicht nur über Präservativ und Pille, über Menstruation und Geburt werden die Sieben -- bis Zehnjährigen informiert, sondern auch über Cunnilingus und Fellatio. Und daß Kinder gern neugierig zuschauen, »wenn Menschen miteinander vögeln«, wird weder empfohlen noch verworfen: »Niemand wird davon blind.«

Dementsprechend sind die Photos ausgewählt, unter anderem eines Halbwüchsigen mit »steifem Schwanz« und eines koitierenden Paares.

Schon das erste Echo auf die »Sexfibel« zeigt dem Autor Jacobi, daß »sie bei den Erwachsenen mehr Ängste auslöst, als wir erwartet hatten«. Diese Reaktion nimmt allerdings nicht wunder. Denn die Mehrheit der Lehrer und Eltern will weder die allzu frommen noch die allzu forschen Aufklärungsbücher.

So sehr sich die einen darin gefallen. vom Vögeln zu schreiben, so sehr achten die anderen darauf, allenfalls von Vögeln zu berichten und nur behutsam Tier und Mensch zu vergleichen. Was die einen übertreiben, wagen die anderen kaum anzudeuten.

Während die »Sexfibel«-Autoren die Lust eher schlicht als recht schildern ("Die meisten Menschen -- mögen es gern, wenn der Schwanz sich in der Scheide hin- und herbewegt") wird umgekehrt von vielen Autoren der konfessionellen Aufklärungs-Literatur der Spaß an der Freud noch immer verschwiegen oder verfremdet. Denn nach Ansicht des besonders rührigen evangelischen Ratgebers Theodor Bovet »soll man bei Kindern unter zehn Jahren nichts von den dabei entstehenden erotischen Gefühlen sagen«.

Und die Geburt, die in der »Sexfibel« in allen Phasen und Farben gezeigt wird, beschreibt der katholische Aufklärer Hans Hoppeler in seiner Schrift »Woher die Kindlein kommen« (bislang 135 000 Exemplare) so: »Wenn das Kindchen fertig gewachsen ist an seinem warmen Plätzchen, dann legt sich die Mutter zu Bette, und durch eine kleine Öffnung schlüpft das neue Menschlein auf die Welt. Das nennt man die Geburt, und der Tag, an dem ihr euer Mütterchen verlassen habt und auf die Welt gekommen seid, ist euer Geburtstag.«

Schriften solchen Inhalts sind vor allem in den Schulen katholisch besiedelter Landstriche amtlich erlaubt. Die Fibel-Autoren Jacobi und Maier aber sehen »überhaupt keine Chance«, daß ihr Werk. obwohl den Kultusministerien offiziell vorgelegt, je als Schul-Buch zugelassen wird.

Auch daß viele Eltern die Fibel für ihre Kinder kaufen, wagen sie kaum zu hoffen. Sie setzen auf Jungen und Mädchen, die sie sich selbst besorgen und nach Lektüre ihre Eltern »nach all dem fragen, was die ihnen nicht zu sagen wagen«.

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