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KOMMUNISTEN Fossile Reste

aus DER SPIEGEL 20/1950

Westdeutschlands KP-Chef Max Reimann triumphiert, wenn auch die Reihen seiner Genossen weichen. Er hat im eigenen Haus gesiegt. Ueber seinen stärksten Rivalen, den zweiten Parteivorsitzenden Kurt Müller, genannt Kutschi. Der sitzt jetzt im Lichtenberger Gefängnis des ostzonalen Staatsministeriums für Sicherheit, der erste Bürger der westdeutschen Republik, der im Osten wegen Verbrechen verhaftet wurde, die in keinem Strafgesetzbuch stehen.

Kutschi ging in die trotzkistische Irre, erklärte Max Reimann am 10. Mai auf der außerordentlichen Partei-Vorstandssitzung in Frankfurt vor den versammelten Landesvorsitzenden und Spitzenfunktionären. Er sei ein »abgefeimter Doppelzüngler«; »Agent einer ausländischen Macht« und rückfällig geworden. Als Vorsitzender des kommunistischen Jugendverbandes (KJVD) kollidierte Müller in den dreißiger Jahren bereits einmal mit der Moskauer Linie - trotz revolutionärer Muttermilch.

Der Berliner Werkzeugmacher-Geselle (Jahrgang 1903) randalierte schon mit 16 Jahren unter der Roten Fahne - damals gegen schwarz-weiß-rote Freischärler. Langsam schob ihn sein Freund Konrad Blenkle, der bis 29 kommunistischer Jugendvorsitzender war, in die Gewerkschaftsabteilung des Zentralkomitees des KJVD. Das war sein Sprungbrett nach Moskau. Höhepunkt der Karriere: Vorsitzender des KJVD 31 bis 32.

Als der Student Heinz Neumann das Polit-Büro der deutschen KP eroberte, war Kutschi Feuer und Flamme. Bald rief man ihn und Neumann abermals nach Moskau - diesmal zur ideologischen Kopfwäsche. Dort trennten sich ihre Wege. Neumann stürzte 32, zum Trotzkisten gestempelt, in die GPU-Versenkung. Müller hatte noch 18 Jahre Bewährungsfrist.

Am 12. Mai 1950, abends gegen 20 Uhr, schlossen Wilhelm Piecks Staatssicherheitspolizisten hinter ihm die Kerkerklappe. Müller hatte sich freiwillig den Parteiprofossen gestellt, weil er auf Absolution hoffte. Das war eine Fehlrechnung.

Kutschi war trotz aller Routine im bolschewistischen Eiertanz kein Gummimann. Als ihm die Moskauer Ende 33 ein »Schützengrabenkommando« verschrieben, wahrscheinlich um ihn loszuwerden, ließ er dreist und stalinfürchtig Frau und Kinder in der Sowjet-Union zurück.

Er fuhr über Paris nach Frankfurt-Main. Auftrag: die illegale KP in Hessen-Süd aufzubauen. Nach kurzer Zeit ging er hoch. Sechs Jahre Zuchthaushaft in Kassel, darauf Ueberführung ins KZ Sachsenhausen. 45 befreiten ihn die Russen. Sie hatten ihn wieder.

Nächstes Kommando: Neuorganisation der KP in Niedersachsen. Aus Conti-Arbeitern, Tagelöhnern und Kumpels von Salzgitter hämmerte er die ersten Betriebsgruppen. »Müller war in dieser schwierigen Aufbauzeit absolut linientreu und der Prototyp des Berufsrevolutionärs im Moskauer Sinne, der mit Zahnbürste und Rasierapparat ohne jeden anderen menschlichen Ballast überall einsatzfähig war und mit tödlicher Sicherheit stets die richtigen im Sinne Moskaus gewünschten Maßnahmen traf«, attestiert ihm heute noch der Mitgründer von Niedersachsens kommunistischer »Volksstimme«.

1948 versetzte Walter Ulbricht Kurt Müller nach Frankfurt ins schwächliche Hauptquartier Max Reimanns. Er sollte in der sterilen Stickluft des KP-Hauptquartiers frischen Wind machen und Reimann zu größerer Aktivität anspornen. Der blonde ostpreußische Max verstand diesen Wink sehr wohl und boxte seither recht oft mit seinem offiziellen Stellvertreter.

Der brachte ihn mitunter in sehr unangenehme Situationen. Beim großen November-Befehls-Empfang 49 im Glaspalast der SED wurde Reimann blaß, als Ulbricht jeden Kehrichthaufen des ideologischen Zerfalls der westdeutschen Kommunisten analysierte. Müller hatte sich bei Ulbricht dadurch beliebt gemacht, daß er schonungslos Reimanns Schwächen aufzeigte. Der hagere Max registrierte entsprechend.

Müller hatte in letzter Zeit häufiger mit ausgestoßenen Fraktionsmachern angebändelt. Die immer mehr durch wütende »Selbstreinigung« zerfallende Position der KP in Westdeutschland, das Anwachsen von Splittergruppen und die ablehnende Haltung der Industriearbeiter gegenüber der von Berlin geforderten nationalen Front gaben ihm zu denken.*)

*) Von Juni bis Dezember 49 sind 50 höhere KPD-Führer der Selbstreinigung zum Opfer gefallen. Weitere 50 wurden ihrer Posten enthoben. In Hannover z. B. wurde die ganze erste Garnitur der intellektuellen Kommunisten von 45 ausgeschlossen: Erster Chefredakteur der »Niedersächsischen Volksstimme« Josef Burgdorf, stellvertretender Chefredakteur Karl Höpfner, die Lizenzträger Eduard Wald und Frida Deutschmann, Landtagsfraktionsführer Helmuth Schmalz und schließlich der erste Nachkriegs-Landesvorsitzende Kurt Müller selbst. Er setzte sich öfter privat mit Renegaten wie dem ehemaligen Landesvorsitzenden von Nordrhein-Westfalen, Hugo Paul, an einen Tisch und nahm in Berlin Verbindung mit volksdemokratischen Titoisten auf, u. a. mit dem inzwischen abberufenen politischen Berater der polnischen Militärmission Hubert Meller-Sandler (siehe SPIEGEL Nr. 9/1950) und dessen tschechischen Kollegen Dr. Brueghel, den Prag zurückpfiff.

Zwischendurch tönte Müller: »Duldsamkeit und fauler Liberalismus hindern uns daran, eine ideologische einheitliche, feste und schlagkräftige Partei zu werden. Wo werden die Genossen enden, die für das schlechte Wahlergebnis die Politik der Sowjet-Union und Polens verantwortlich machen?« (Freies Volk, 14. 9. 49). Das war unfreiwillige Selbstironie.

Reimann ließ sich nicht täuschen. Er spionierte hinter Kutschi her und sammelte Material. Ende April krachte es in der Frankfurter KP-Zentrale. Reimann und sein engerer Klan (Parteivorstandsmitglied Fritz Sperling, Genosse Willy Prinz von der KP-Landesleitung Hamburg und der Verbindungsmann zu den linken Sozialdemokraten Albert Buchmann) nahmen Kutschi in die Schere. Schnitten ihm seine ganze Parteitradition ab, stempelten ihn zum Erzverräter und schlossen ihn aus der Partei aus.

Das kam nicht sofort an die große Parteiglocke, sondern wurde als Fait accompli zusammen mit dem Anklagematerial dem Berliner Polit-Büro übermittelt. Schon am 27. April ließ Bundestags-Fraktionsführer Renner beim Kassieren der Abgeordneten-Diäten Kurt Müller aus. Der holte sich seinen letzten Abschlag dann persönlich. Er brauchte Reisegeld nach Berlin, um sich vor Walter Ulbricht selbst zu rechtfertigen, bei dem er noch Sympathiekredit zu haben glaubte.

Reimann handelte konsequenter. Er kündigte Müllers Bundestagsmandat. Fraktionspräside Heinz Renner mußte Bundestagspräsidenten Köhler ein von Kurt Müller signiertes Demissionsschreiben überleichen. Rücktritt »aus persönlichen Gründen«. Der Rechtsausschuß des Bundestages rätselte lange an dieser Unterschrift. Bis durchsickerte, daß der geschaßte KP-Organisations-Chef in der Schreibtischschublade Briefbogen mit Blankounterschrift liegen hatte.

Bevor Kutschi seinen Canossagang zu Ulbricht antrat, telegrafierte er an Niedersachsens aktivste Funktionärin Heta Fischer. Das war Kutschis treue Gefährtin, seit er sie in die hannoversche Parteifiliale und die Geschäftsleitung der »Volksstimme« hob. Heta war Kutschis Sekretärin, Chauffeuse und Freundin zugleich.

Die heute 37jährige Tochter eines Professors der Technischen Hochschule Hannover hatte schon in den 30er Jahren linke Ambitionen. Daran zerschellte ihre erste Ehe mit dem Archäologen Steckeweh, den sie jahrelang auf ägyptische und palästinensische Ausgrabefelder begleitete. Damals fotografierte sie die fossilen Reste versunkener Kulturen.

Aber sie neigte mehr zum Kultur-Bolschewismus. Nach 45 war das elegante Elternhaus in Hannovers gepflegter Vorstadt Kirchrode, Oppenbornstraße 5, der Treffpunkt der intellektuellen Kommunisten. Auch Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl fühlten sich hier bei westdeutschen Abstechern sehr wohl.

Heta wußte um Kurt Müllers ideologische Nöte. Sie ließen nicht nach, als sie ihm im Herbst vorigen Jahres einen Sohn schenkte. Heta ließ ihre beiden Kinder aus erster Ehe und den Müller-Säugling Paul der alten Mutter zur Pflege, als Kutschi SOS telegrafierte.

In der Oppenbornstraße war man auf diesen Eklat nicht vorbereitet - vielmehr auf die bevorstehende standesamtliche Trauung. Kutschi erschien dort als Sonntagsurlauber stets im besten Dreß und ließ die klassebewußten Brocken in Frankfurt zurück.

»Er schenkte uns in letzter Zeit immer viel Schokolade«, sagen die Steckeweh-Kinder. Und antworteten am 16. Mai den wartenden Reportern: »Unsere Mutter ist noch immer nicht zurück«.

Sie meldete sich aber zweimal telefonisch. Am Freitag aus Frankfurt - etwa zur selben Stunde, als Kurt Müller, bei Ulbricht abgeblitzt, in Begleitung von zwei Volkspolizisten den Glaspalast in der Lothringer Straße verließ und in das wartende Auto von Wilhelm Zaissers Staatsministerium für Sicherheit stieg. Und am Dienstagmittag, um ihre Angehörigen zu beruhigen. »Ich sage nicht, wo ich bin«, wehrte Heta alle Fragen ab. Aber sie sei noch in Westdeutschland.

»Sie hat immer noch Angst, nach Berlin verschleppt zu werden«, vermuten Kutschis und Hetas zahlreiche Freunde.

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