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PROZESSE / RADEMACHER Frage erledigt

aus DER SPIEGEL 8/1968

Noch immer hängt Franz Rademacher, einst Legationsrat 1. Klasse in Adolf Hitlers Außenamt, an der Idee, Europas Juden nach Madagaskar zu deportieren. »Wäre sie verwirklicht worden«, so sinnierte er Mitte Januar als Zeuge in einem NS-Verfahren, »dann hätten wir heute keine Nahostkrise.«

Wäre sie verwirklicht worden, dann müßte sich Franz Rademacher, 61, auch nicht vom Mittwoch dieser Woche an vor dem Bamberger Schwurgericht verantworten. Er ist angeklagt, an der Erschießung von rund 1300 serbischen Juden im Oktober 1941 beteiligt gewesen zu sein.

Es ist die zweite Verhandlung gegen den ehemaligen Chef des Juden-Referats im Auswärtigen Amt, der seinerzeit eng mit Adolf Eichmann zusammenarbeitete. Bereits 1952 war er in derselben Sache vom Schwurgericht Nürnberg wegen Beihilfe zum Totschlag zu drei Jahren und fünf Monaten Gefängnis verurteilt worden. Rademacher hatte damals Revision eingelegt, den Erfolg jedoch nicht abgewartet: Er verschwand im Orient.

Vor den Bamberger Richtern steht nun ein Diplomat, der 1940 vom Legationssekretär in Montevideo zum Juden-Referenten im Außenamt avanciert war und beflissen das Nazi-Ziel verfolgte, »eine räumliche Trennung des deutschen und jüdischen Volkes durchzuführen«. Rademacher war der Wortführer einer Gruppe von NS-Diplomaten, die bereits während des Frankreich-Feldzuges die Aussiedlung der Juden in ein »Großgetto« auf der Insel Madagaskar propagierte.

Rademacher fertigte eine Denkschrift mit dem Titel: »Die Judenfrage im Frieden«. Unter einem deutschen Polizeigouverneur sollten sich die Juden auf ihrer Getto-Insel selber verwalten und als »Faustpfand in deutscher Hand für ein zukünftiges Wohlverhalten ihrer Rassengenossen in Amerika« bürgen. Mitarbeiter Eichmann, SS-Chef Heinrich Himmler und SD-Führer Reinhard Heydrich waren begeistert.

»Propagandistisch kann man den Großmut Deutschlands auswerten«, so schrieb Rademacher, »den Juden einen eigenen Staat zu schenken.« Doch sein Land der Verheißung blieb ein makabres Utopia. Und mit Beginn des Rußlandfeldzuges beschäftigte sich Rademachers Referat nur noch mit der »Endlösung der Judenfrage«, die nicht mehr Aussiedlung, sondern Ausrottung vorsah.

Rademacher verhandelte mit dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) über den Abtransport der Juden aus den besetzten Gebieten in den Osten. Mit seinem Partner Adolf Eichmann arbeitete der Legationsrat dabei »direkt zusammen« (Rademacher) -- schriftlich, telephonisch und in persönlichen Unterredungen. Und schon im September 1941 bewährte sich die Kooperation.

Zu jener Zeit wünschte die deutsche Generalität in Serbien keine männlichen Juden mehr im Lande. Sie drängte auf »sofortige Abschiebung«, etwa ins Generalgouvernement Polen, und verlangte »drakonische Erledigung der serbischen Judenfrage«.

Rademacher setzte sich mit Eichmann in Verbindung und notierte alsdann: »Nach Auskunft Sturmbannführer Eichmann RSHA IV D VI Aufenthalt in Rußland und Generalgouvernement unmöglich. Nicht einmal die Juden aus Deutschland können dort untergebracht werden. Eichmann schlägt Erschießen vor.«

Im Oktober begab sich Rademacher auf Dienstreise nach Belgrad, um zu prüfen, ob nicht das Problem der »jüdischen Hetzer, deren Abschiebung von der Gesandtschaft gefordert wurde, an Ort und Stelle erledigt werden könne«. Nach einigen Verhandlungen mit Militärs und SS war er zufrieden: »Die männlichen Juden sind bis Ende dieser Woche erschossen, damit ist das in dem Bericht der Gesandtschaft angeschnittene Problem erledigt.«

In der Nürnberger Schwurgerichtsverhandlung 1952 leugnete der Angeklagte Rademacher so lange, bis der Staatsanwalt Reisekostenabrechnungen aus den Akten verlas. Reisegrund des Legationsrats: »Liquidation von Juden in Belgrad.«

Ankläger wie Verurteilter legten gegen das Gefängnisurteil Revision ein, doch bevor der Bundesgerichtshof darüber entschieden hatte, war Franz Rademacher außer Landes. Seine Spur verlor sich in Bremen.

Der Freidemokrat Thomas Dehler, damals Bundesjustizminister' spekulierte ratlos, als ihn die SPD im Parlament mit einer kleinen Anfrage bedrängte: Vielleicht sei der Flüchtling in Schwerin, wo seine Familie wohne, vielleicht auch in Südamerika. Wie und wohin Rademacher wirklich geflohen war, schilderte später der britische Journalist Sefton Deimer. Mit Hilfe eines spanischen Passes, ausgeschrieben auf den Namen Francisco Rosilio, hatte sich der Juden-Referent nach Syrien abgesetzt. In Damaskus brachte er sich mit Importgeschäften und Artikelchen für deutschsprachige Zeitungen durch. Von den deutschen Behörden wurde Rademacher erst ausgemacht, als er an seine Verlobte Juliane Geist schrieb.

Vergebens beantragte die Bundesrepublik die Auslieferung. Die Araber mochten den Mann, der sich aus ihrer Sicht im Kampf gegen die Juden verdient gemacht hatte, nicht verraten -- bis sie sich von ihm selber verraten glaubten. Denn plötzlich stapelte sich beim syrischen Geheimdienst Material, wonach Rosilio alias Rademacher gegen sein Gastland konspiriert hatte. Diskreter Lieferant der Beweisstücke war Israels Geheimdienst Schin Beth.

Rademacher wurde in Damaskus eingesperrt, und in dem orientalischen Verließ erging es ihm so, daß er bald darum bat, sich der deutschen Justiz stellen zu dürfen. Inzwischen jedoch war über die beiden Revisionen entschieden worden. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hatte das Verfahren nach Bamberg verwiesen: Es sei zu prüfen, ob es sich nicht um Mord gehandelt habe und ob Rademacher, der als Gehilfe bewertet worden war, nicht Mittäter gewesen sei.

Am 30. September 1966 kam Franz Rademacher -- nach zwei Herzinfarkten in syrischen Zellen -- zurück in die Bundesrepublik. In der Krankenabteilung des Bayreuther Gefängnisses St. Georgen wurde er für die neue Verhandlung kuriert.

Mit dem körperlichen Wohlbefinden kehrte auch die seelische Widerstandskraft Franz Rademachers zurück: »Man hatte mich für etwas verurteilt, was ich gar nicht begangen hatte.«

* Im Januar dieses Jahres als Zeuge in einem NS-Verfahren In Bayreuth.

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