Zur Ausgabe
Artikel 47 / 66

Essay von Francis Fukuyama Die zersplitterte Gesellschaft gefährdet die Demokratie

Die Frage nach der Identität und die Wut über Erniedrigungen sind zu wichtigen politischen Faktoren geworden. Doch zerfällt die Gesellschaft in viele kleine Gruppen, führt das unweigerlich zum Kollaps des Staates.
Von Francis Fukuyama
aus DER SPIEGEL 42/2018
Foto: Terrence Jennings / Polaris / Studio X / Laif

Sie können den Artikel leider nicht mehr aufrufen. Der Link, der Ihnen geschickt wurde, ist entweder älter als 30 Tage oder der Artikel wurde bereits 10 Mal geöffnet.

Wenige Formulierungen haben in den vergangenen 30 Jahren eine solche Karriere gemacht wie die vom "Ende der Geschichte" des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama, 65. Mit einem Essay im Magazin "The National Interest", der im Sommer 1989 herauskam und den er zu einem Buch ausarbeitete, gab Fukuyama dem Nachdenken über den Zusammenbruch der Sowjetunion die entscheidenden Stichworte. Vom deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel inspiriert, postulierte Fukuyama, das Ende des Kommunismus bedeute das Ende der großen ideologischen Auseinandersetzungen. Marktwirtschaft und liberale Demokratie hätten gewonnen. Die Anschläge vom 11. September 2001 schienen Fukuyama zu widerlegen. Vor dem Hintergrund der Wahl von Donald Trump kehrt Fukuyama nun in seinem neuen Buch "Identity" (im Februar erscheint "Identität" auf Deutsch im Verlag Hoffmann und Campe) zu einigen Überlegungen von damals zurück. Hegel habe geglaubt, die Geschichte werde vom Kampf um Anerkennung getrieben, schreibt Fukuyama im Vorwort. Heute äußere sich das in der Identitätspolitik. Wenn die liberalen Demokratien darauf keine Antwort fänden, seien sie in Gefahr.

Essay von Francis Fukuyama 
aus dem Englischen übersetzt von Bernd Rullkötter

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein dramatischer Wandel in der Weltpolitik vollzogen. Zwischen den frühen Siebzigerjahren und der ersten Dekade dieses Jahrhunderts erhöhte sich die Anzahl der Demokratien von rund 35 auf über 110. Im selben Zeitraum vervielfachte sich der weltweite Ertrag an Gütern und Dienstleistungen, das Wachstum dehnte sich auf fast alle Regionen der Erde aus. Der Anteil der unter extremer Armut leidenden Menschen verringerte sich: von 42 Prozent der Weltbevölkerung im Jahr 1993 auf 18 Prozent im Jahr 2008.

Aber nicht alle haben von diesen Änderungen profitiert. In vielen Ländern, besonders in den wohlhabenden Demokratien, erhöhte sich gleichzeitig die wirtschaftliche Ungleichheit. Der zunehmende Umfang von Handel und Finanzgeschäften sowie die erhöhte Mobilität der Bevölkerung stifteten außerdem Unruhe. In Entwicklungsländern fanden sich Dorfbewohner, die zuvor nicht einmal einen Stromanschluss gehabt hatten, plötzlich in Großstädten wieder, wo sie fernsehen konnten und durch ihre Mobiltelefone mit dem Internet verbunden waren. 

In Ländern wie China und Indien sind riesige neue Mittelschichten entstanden, doch deren Tätigkeit ersetzt die Arbeit, die vorher ältere Mittelständler in der entwickelten Welt verrichteten. 

Die Fertigungsindustrie verlagerte sich kontinuierlich aus den USA und Europa nach Ostasien und in andere Niedriglohnregionen. Gleichzeitig wurden Männer in der zunehmend dienstleistungsorientierten neuen Wirtschaft von Frauen verdrängt, ebenso wie gering qualifizierte Arbeiter von intelligenten Maschinen.

Zusammengenommen verlangsamten diese Entwicklungen den Trend zu einer immer offeneren und liberaleren Weltordnung. Zunächst stockte er, dann kehrte er sich sogar um. Die entscheidenden Schläge waren die Finanzkrise 2007/08 und die 2009 beginnende Eurokrise. In beiden Fällen verursachten politische Maßnahmen heftige Konjunkturrückgänge, hohe Arbeitslosigkeit und Einkommensverluste für Millionen Arbeitnehmer.

Die Gesamtzahl demokratischer Staaten ist in den letzten Jahren in fast allen Regionen der Welt zurückgegangen. 

Weiterlesen mit SPIEGEL plus

Jetzt weiterlesen. Mit dem passenden SPIEGEL-Abo.

Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen – von Reportern aus aller Welt. Jetzt testen.

Ihre Vorteile:

  • Alle Artikel auf SPIEGEL.de frei zugänglich.
  • DER SPIEGEL als E-Paper und in der App.
  • Einen Monat für einen Euro testen. Einmalig für Neukunden.
Jetzt für 1 Euro testen

Ihre Vorteile:

  • Alle Artikel auf SPIEGEL.de frei zugänglich.
  • DER SPIEGEL als E-Paper und in der App.
  • Drei Monate je 9,99 Euro sparen.
Jetzt testen

Sie sind bereits Digital-Abonnent? Hier anmelden

Weiterlesen mit SPIEGEL+

Mehr Perspektiven, mehr verstehen.

Freier Zugang zu allen Artikeln, Videos, Audioinhalten und Podcasts

  • Alle Artikel auf SPIEGEL.de frei zugänglich

  • DER SPIEGEL als E-Paper und in der App

  • DER SPIEGEL zum Anhören und der werktägliche Podcast SPIEGEL Daily

  • Nur € 19,99 pro Monat, jederzeit kündbar

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement?

SPIEGEL+ wird über Ihren iTunes-Account abgewickelt und mit Kaufbestätigung bezahlt. 24 Stunden vor Ablauf verlängert sich das Abo automatisch um einen Monat zum Preis von zurzeit 19,99€. In den Einstellungen Ihres iTunes-Accounts können Sie das Abo jederzeit kündigen. Um SPIEGEL+ außerhalb dieser App zu nutzen, müssen Sie das Abo direkt nach dem Kauf mit einem SPIEGEL-ID-Konto verknüpfen. Mit dem Kauf akzeptieren Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärung.

Zur Ausgabe
Artikel 47 / 66
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.