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NACHRUF FRANK N. D. BUCHMAN 4.VI.1878 - 8.VIII.1961

aus DER SPIEGEL 34/1961

Nichts von dem, was er tat und sagte, war ungewöhnlich. Schwärmer und schwache Denker hatte es in Europa schon vor ihm gegeben, aber sie blieben Außenseiter, Schrecken der Gesellschaft. Erst ihm und seiner »Moralischen Aufrüstung« öffneten sich die Tore zu Geld und Einfluß.

Niemand vermochte wie er, die Herzen der Machthaber mit Revolutionsreden zu erquicken. Er predigte gewaltige Änderungen und erhielt am meisten Beifall dort, wo man nichts zu ändern wünschte. Denn seine Philosophie garantierte Unbeweglichkeit: Ein Mensch geändert - Millionen geändert - eine Welt in Frieden. Den Sprung vom Einzelnen zu den Millionen überließ er freilich dem Wundertäter Gott. Der einstige Lutheraner Buchman war an der Privat-Moral interessiert, nicht an gesellschaftlichen Konsequenzen. Er war »unpolitisch«, weil er die Politik in guten Händen glaubte.

In Freudenstadt, dem Mekka der Lebensreformer, wo er starb, hatte der Amerikaner Buchman (sprich: Bakmän) vor 23 Jahren im mystischen Rauschen des Schwarzwalds Abschied von den rationalen Relikten seiner Erweckungs-Theologie genommen. Damals gründete er die Moralische Aufrüstung und wartete seither auf Wunder. Begünstigt von den Wogen des

American way of life reiste er fortan durch die Welt mit Zauberformeln und Pillen, die gottähnliche Kraft zur Selbsterlösung versprachen, »schneller, wirksamer, umfassender«.

Schon vorher hatte er als kollektiver Beichtvater Zulauf von zivilisations - und kirchenmüden Engländern, die in häuslichen Freundeszirkeln ihre Sünden offenbarten und sich zu den vier »Absoluten« - Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit, Liebe - bekannten. Der urchristliche Enthusiasmus seiner jungen Freunde brachte dem Meister reiche Frucht. Vorbei war die Zeit, in der er seine ersten Theologenjahre armselig in einem Waisenhaus zugebracht und, später gut ausgestattet, unstet die Welt bereist hatte. Nun konnte er sich im vornehmsten Viertel Londons zur Ruhe setzen.

Mochte auch der katholische Dichter Chesterton das von Buchman zum Leuchten gebrachte Innere Licht der »Oxford-Gruppe« als die trübste Art der Beleuchtung verlästern - den Lebensweg ihres Gründers erhellte es recht gut. Seine Residenzen waren immer komfortabel, die Ausgaben seiner Bewegung, die christliche Einfachheit forderte, dem High life angepaßt. »Ist Gott nicht Millionär?« antwortete er auf die Frage nach dem Grund seines aufwendigen Lebens.

Sein enger Kontakt mit weltlichen Millionären war erfolgreich, denn aufs Geschäft verstand sich Buchman besser als auf die Theologie. Seine dankbaren Geldgeber verriet er nur indirekt: »Eine von der 'Moralischen Aufrüstung' beseelte Industrie wird genug produzieren, um alle Bedürfnisse zu befriedigen.« Ein amerikanischer Gewerkschaftsführer gestand: »Durch meine Bekehrung haben Sie der Industrie 500 Millionen Dollar erspart.«

Eine neue geistige Elite zu schaffen, vermochte Buchman hingegen nicht. Er bewegte sich lieber unter denen, die schon die Macht besaßen. Der Sinn für Demokratie war in diesem Lutheraner aus Amerika verkümmert. Nur die Spitzen, die moderne »Obrigkeit«, in Gestalt eines Oberländer, meinte er ändern zu müssen; alles andere würde dann fast automatisch folgen. So hielt der Autoritäts-Gläubige selbst eine »von Gott kontrollierte« faschistisehe Diktatur für geeignet, menschliche Probleme zu lösen.

1936 dankte er dem Himmel »für einen Mann wie Hitler, der eine Frontlinie der Verteidigung gegen den Antichrist des Kommunismus aufbaute«. Es war kein Zufall, daß er sich zwei Jahre später im deutschen Klima zum moralischen Aufrüster und zum Ideologen des Antikommunismus wandelte. Der

kommunistischen Welterlösung setzte er den amerikanischen Optimismus der Selbsterlösung entgegen.

Frank Buchman spürte stets, was in der Luft lag. Im Jahre 1940 zog er in einen »patriotischen Kreuzzug«, diesmal gegen Hitler. (Truman: »Niemand konnte unsere Kriegsziele so gut darstellen wie er.") Von nun an galten seine Kreuzzüge nicht mehr der Person, sondern dem Heil Amerikas, wie er es verstand.

Nach der Proklamation des Kalten Krieges war Buchman der erste, der den Anti-Moskau-Mitstreitern aus Deutschland die tröstende Gewißheit gab, sich in westlicher Kampfgemeinschaft wieder bewähren zu dürfen. Wer Rang und Namen hatte, eilte auf Kosten Buchmans ins Schweizer Nachkriegsparadies, um sich Kraft und Nahrung zu holen. In den Deutschen und ihrem Autorität ausübenden Kanzler glaubte der Meister von Caux denn auch die natürlichen Bundesgenossen gefunden zu haben.

Doch der Antikommunismus von Caux repräsentiert nicht den Geist des Westens. Die »Moralische Aufrüstung« war tot, ehe ihr Gründer starb. Sie erlitt das Schicksal aller Ideologien. Sie ist an ihrer Unwahrhaftigkeit eingegangen.

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