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»Frankreich- der Iran Europas«

Beleidigungen beidseits des Kanals nach dem Tunnelabkommen Die endgültige Unterzeichnung des Abkommens über den völkerverbindenden Eisenbahn-Tunnel unter dem Ärmelkanal führte zu einer furiosen Pressefehde. Die britische Journalistin Julie Burchill in der rechten Londoner »Mail on Sunday": *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Verabscheut von den Nachbarn, aufgeblasen, eingebildet und von vergangenem Ruhm zehrend, einschüchternd, boshaft und einmalig grämlich sind die Franzosen, ihr Land ist praktisch der Iran Europas.

Wie alle Völker, die im richtigen Krieg schlecht sind - die Amerikaner, die Argentinier, die Deutschen-, haben die Franzosen einen langen Katalog von Grausamkeiten. So kläglich wie ihre Leistungen im Krieg, so abscheulich haben sie ihre Kolonien behandelt . ..

Die Erniedrigung, daß sie aus zwei Weltkriegen herausgepaukt werden mußten, hat die Franzosen dazu gebracht, ihre Alliierten unglaublich übellaunig zu behandeln. Und bemüht, diese empfindlichen kleinen Mimosen zu beschwichtigen, haben wir ihnen eine eigene Bombe gegeben, einen Sitz im Weltsicherheitsrat der Uno und einen eigenen Sektor in Berlin zum Spielen - als ob sie den Krieg gewonnen hätten.

Dabei könnten nur die phantasievollsten Manipulierer der Militärgeschichte behaupten, daß die Franzosen proportional im Krieg so viel geleistet hätten wie etwa Norwegen oder Australien, und wo haben die ihr Stück Schwarzwälder Torte?

Historisch gesehen sind die Franzosen toleriert worden, weil sie Europa ein bißchen Lokalkolorit geben. Aber bringen sie mehr? Sie haben seit 25 Jahren keine tragbare Mode-Idee mehr und haben niemals eine anständige Pop-Platte produziert . ..

Das Magazin »Marie-Claire« fand heraus, daß vier von fünf Französinnen lieber einkaufen als ins Bett gehen. Garcons, es muß wohl am Knoblauch liegen, er schreckt nicht nur Vampire ab.

Kritikern Frankreichs wird stets Fremdenhaß vorgeworfen. Dabei liegen die Franzosen in der Liga der Fremdenfeinde ganz vorn. Das Land verzeichnet erschreckend viele rassistische Überfälle und gab bei den letzten Wahlen zehn Prozent der Stimmen für die Nationale Front.

Und mit diesem Land der Rassisten und Sex-Prahlhänse will uns nun Frau Thatcher durch den Kanal-Tunnel verbinden.

Nicht nur die Tollwut blüht uns dann, arabische Terroristen können auch am gleichen Nachmittag Bomben in Paris und London zünden, und dann der fürchterliche Geruch.

Wenn ich es recht bedenke, wäre mir eine direkte Bahnverbindung nach Teheran lieber.

Das Pariser »Journal du Dimanche« entgegnete:

Frankreich und die Franzosen (wurden) in einem Ton angegriffen . . , wie man ihn seit den Napoleonischen Kriegen kaum noch gehört hatte.

Nichts von unserer Geschichte, Kunst, von unserem Geschmack oder unseren

Gewohnheiten findet Gnade vor den Augen von Julie Burchill . ..

Leopold Sedar Senghor ist Mitglied der Academie francaise: In England dürfte er sich nicht einmal als Mitglied für den Garrick Club bewerben. »Not quite our type, old chap« (Entspricht nicht so ganz unserer Art, mein Lieber) ist die britische Methode, jemanden als dreckigen Nigger zu behandeln.

Wir stellen uns unsere Nachbarn als eine zivilisierte Nation vor, mit exzentrischen, tierliebenden, alten Damen und Popmusikern, die texanische Mannequins und Loire-Schlösser lieben. Der Wahrheit näher kommen jedoch die Fußball-Fans des Heysel-Stadions (39 Tote), die Biertrinker in zerrissenen T-Shirts und Shorts mit dem aufgedruckten Union Jack, die in die Camping-Plätze des Roussillon einfallen . ..

Wenn von Sex die Rede sein soll, dann bitte schön. Schließlich hat ein englischer Humorist - zugegeben ungarischen Ursprungs, George Mikes - geschrieben, die Leute vom Kontinent hätten ein Sexleben, die Engländer Wärmflaschen . ..

Allein in England kann ein Minister Schlagzeilen machen und eine Regierung ins Wanken bringen, nur weil er eine Freundin hat. Wirklich nur in England kann eine brave Vorstadt-Oma namens Cynthia Payne zunächst ein Vermögen machen, dann einen Skandal auslösen, weil entdeckt wurde, daß sie in einer Londoner Sozialwohnung Sado-Maso-Tees für Fünfzigjährige veranstaltete.

Was den Knoblauchgeruch betrifft (o welch originelle Beschimpfung), wage ich gar nicht zu vermuten, daß Julie Burchill ihn anführt, um Vergleiche zwischen der englischen und der französischen Küche herauszufordern. Bekennt sie sich wirklich zu den Erbsen, die mit E137 gefärbt und so hart wie Schrotkugeln sind, den Hammeln, die 1746 bei der Schlacht von Culloden von einer verirrten Kugel getroffen wurden und seither gekocht werden, den zuckrigen Wabbelsüßspeisen in den unwahrscheinlichsten Farben, den Plumpuddings, die geeignet sind, einen Behälter mit spaltbarem Material in einem Super-Phenix-Atomkraftwerk abzudichten, und die mitten im Sommer auf einem Schrank abgelegt und dann zu Weihnachten im Triumph hervorgeholt werden?

Während Diana, Prinzessin von Wales, pro Woche so viel ausgibt, wie das Nordseeöl einbringt, um sich für das Rennen in Ascot als Erdbeereis zu verkleiden, sieht man in den Städten des Nordens nur noch Reihen zugenagelter Schaufenster; es gibt nichts mehr zu kaufen, weil seit vier, fünf, sechs, sieben Jahren alle arbeitslos sind.

Denn dieses England, das so gerne Lektionen erteilt, ist ein Land, das sich in Richtung Dritte Welt bewegt, in dem Rassismus nicht nur gegenüber Schwarzen und Ausländern praktiziert wird

Die britische Gesellschaft, die in undurchdringlichere Kasten gespalten ist als die der Inder, tröstet sich über ihr Unglück hinweg, indem sie ihre Nachbarn beschimpft, ein Sport, der auf vergnügliche Weise in den Sonntagszeitungen getrieben wird, ohne die man jenseits des Kanals wirklich nicht wüßte wie man den Tag des Herrn begehen könnte.

He, Julie, hast du deinen Tschador fertiggenäht, oder muß Christian Lacroix dir dabei helfen?

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