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FDP Frau Dingsbums

Außenminister Kinkel gilt als nächster FDP-Chef - und Hoffnung der Partei ist Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Zielsicher bahnte sich Klaus Kinkel den Weg zum Biertresen. Dort, in der hinteren Ecke des verrauchten Saales in der Bremer Becks-Brauerei, hatte er zwischen den trinkenden Parteitagsdelegierten den schleswig-holsteinischen Abgeordneten Jürgen Koppelin ausgemacht: »Wenn Sie mich noch einmal auffordern«, flachste er den Parteifreund an, »dann mach ich''s.«

Der Hinterbänkler des Bonner Parlaments hatte den Außenminister öffentlich ermuntert, er möge schon auf dem Bremer Parteitag seine Kandidatur zum Parteivorsitz anmelden.

Aus der Ankündigung am Tresen wurde nichts. Kinkel schwieg. Dabei ist er längst entschlossen, sich im Juni 1993 zum Nachfolger Otto Graf Lambsdorffs wählen zu lassen und die doppelte Last als Außenminister und Parteichef zu tragen. Parteifreunden vertraute der FDP-Emporkömmling an, er werde sich beim traditionellen Dreikönigstreffen der Liberalen Anfang Januar in Stuttgart erklären.

Allen Mitkonkurrenten um den Parteivorsitz ist der Schwabe in Volkes Gunst derzeit klar überlegen. Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann, dem immer noch der Ruf der Unseriosität anhaftet, kam mit Kinkel überein, er werde im Falle von Kinkels Kandidatur nicht gegen ihn antreten.

Der Vizekanzler wird in Mauschelzirkeln der FDP bereits als Fraktionsvorsitzender - und Oppositionsführer - gehandelt, falls sich Union und SPD in einer Großen Koalition zusammentun.

Die stellvertretende Parteivorsitzende Irmgard Schwaetzer macht sich nicht mehr viel Hoffnung auf den Vorsitz. Die Bauministerin redet schon häufiger über berufliche Alternativen.

Ihr Vorstoß, den früheren Parteichef Martin Bangemann in Brüssel als EG-Kommissar zu beerben, scheiterte am Widerstand Helmut Kohls. Als der Kanzler von den Veränderungswünschen seiner Kabinettsdame Wind bekam, hatte er längst mit Schwaetzers Gegnern im FDP-Establishment ein Personalpaket geschnürt: Die Liberalen dulden drei weitere Jahre den CDU-Mann Manfred Wörner als Nato-Generalsekretär, im Gegengeschäft darf Bangemann seinen Posten behalten.

Vollends ins Aus hat sich die FDP-Vizin in den Augen Kohls mit ihrem Eintreten für eine Berufsarmee begeben. Eine Abschaffung der Wehrpflicht, hätte es dafür in Bremen eine Mehrheit gegeben, wäre für den Kanzler einem vorzeitigen Ende der christliberalen Koalition gleichgekommen.

Voller Häme beobachten Schwaetzers Parteifeinde das Erscheinen eines neuen liberalen Sterns: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Sosehr die Bauministerin plötzlich Frauensolidarität zeigt - »In der Partei ist Platz für 125 000 Männer, warum nicht auch für zwei Frauen?« -, so klar scheint, daß ihr die neue Justizministerin den Rang als erste FDP-Frau abläuft.

Die »Frau Dingsbums«, so der Parteispott über ihren Doppelnamen, profilierte _(* Leutheusser-Schnarrenberger, Kinkel; ) _(auf dem Bremer Parteitag. ) sich zur Überraschung mancher Delegierten mit couragierten Redebeiträgen. Gegen die rechte Stimmung mahnte sie ein liberales Profil an: »Wir werden das Asylrecht nicht nur deshalb ändern, damit wir sagen können: Wir haben es geändert.« Mit dieser Position eckte sie zwar bei den Rechten in der Partei an, wurde aber von anderen mit Beifall überschüttet.

Kinkels Amtsnachfolgerin fiel mit weiteren Unbotmäßigkeiten auf. So ließ sie die Rechtspolitiker abblitzen, die in der Verbrechensbekämpfung den »großen Lauschangriff« legalisieren wollen. Ihr düpierter Ziehvater, der FDP-Rechte Detlef Kleinert, hält zweifelhaftes Lob parat: »Schnarri wird eine gute Justizministerin - wenn die beiden großen Themen erst vom Tisch sind.«

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wundert sich über das enthusiastische Echo. Um Eindruck zu schinden, brauche man offensichtlich nur »eine Rede zu halten und Position zu beziehen, schon wird man hochgejubelt«.

Wie ihr Vorgänger im Justizressort ist die Ministerin nun um eine Erfahrung reicher. Wer in der flügellahmen FDP als unverbraucht, neu und frisch die politische Bühne betritt, wird sofort für höchste Ämter gehandelt.

Und weil die Liberalen das Mauscheln nicht lassen können, planen sie schon in die Zukunft. Für manchen Freidemokraten gilt Kinkel, 55, nur als Übergangschef. Als übernächste Parteivorsitzende wird Frau Dingsbums, 41, ins Visier genommen.

* Leutheusser-Schnarrenberger, Kinkel; auf dem Bremer Parteitag.

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