Zur Ausgabe
Artikel 68 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Indien Frau mit Schatten

Eine Italienerin soll die marode Regierungspartei retten: Rivalisierende Politiker werben um die Gunst von Sonia Gandhi.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Neu-Delhis berühmteste Witwe pflegt ein ausgefallenes Steckenpferd. Sonia Gandhi, Ehefrau des 1991 ermordeten indischen Premiers Rajiv, restauriert Gemälde. Hinter den von Bougainvillea bewachsenen Mauern ihres Hauses an der Janpath-Straße 10 reinigt und retuschiert die gebürtige Italienerin mit behutsamen Pinselstrichen verblichene Kunstwerke - meist indische Miniaturen.

Jetzt soll Gandhi, 47, ihr Geschick bei größeren Renovierungsarbeiten beweisen: Enttäuschte Anhänger und rivalisierende Führer hoffen, daß die Frau mit dem magischen Namen die Herrschaft der Kongreßpartei rettet.

Nur die Erbin des legendären Clans, der unter Jawaharlal Nehru, dessen Tochter Indira Gandhi und deren Sohn Rajiv 37 Jahre lang in fast schon monarchischer Erbfolge die Geschicke des Landes bestimmte, könne den Machtverfall noch aufhalten, glauben Abgeordnete und Funktionäre. »Wie im Reflex greift die Kongreßpartei in Krisenzeiten auf die Gandhi-Dynastie zurück«, schreibt der Londoner Independent, und indische Kommentatoren beschwören die Witwe, endlich als Nothelferin einzugreifen.

Um das Schicksal der abgewirtschafteten Regierungspartei zu wenden, müßte Sonia Gandhi allerdings wahre Wunder vollbringen: Der Sympathiebonus, mit dem Ministerpräsident Narasimha Rao, 73, nach der Ermordung von Rajiv Gandhi 1991 die Wahlen gewann, ist längst aufgezehrt.

Raos ehrgeiziges Modernisierungsprogramm bescherte dem laut Verfassung noch immer »sozialistischen« Staat eine liberale Wirtschaftsordnung. Aber die als wirtschaftliche Revolution gepriesene Reform brachte zunächst nur Nachteile für das Millionenheer der Armen - die Mitglieder der unteren Kasten und die Unberührbaren. Weil Rao Subventionen kürzte und Preiskontrollen lockerte, wurden Reis und Benzin teurer.

Auch bei Indiens mächtiger moslemischer Minderheit - die rund 110 Millionen Anhänger Mohammeds galten traditionell als Stütze der säkularen Kongreßpartei - verlor Rao an Rückhalt. Er hatte es 1992 zugelassen, daß fanatische Hindus die Moschee von Ajodhja zerstörten.

Völlig in Verruf geriet der Ministerpräsident durch allzu große Nachsicht bei einer Reihe von Korruptionsskandalen. »Der Eindruck entstand«, rügte Rao-Rivale Arjun Singh, »daß aus der Liberalisierung der Wirtschaft eine Liberalisierung der Korruption wurde.«

Nur halbherzig ließ der Regierungschef nach den Schuldigen des Börsenschwindels von Bombay suchen: Dort hatten 1992 mehrere Aktienmakler Banken und Anleger um 1,3 Milliarden Dollar betrogen. Die Opposition warf Rao vor, er decke mit seinem Zaudern Parteifreunde, die in den Skandal verwickelt seien.

Mit gnädiger Nachsicht übersah Rao auch monatelang die Machenschaften seines Ernährungsministers, der im vergangenen Jahr durch schleppende Importgenehmigungen eine Explosion des Zuckerpreises verursachte - Mehrkosten für Indiens Staatskasse: rund 800 Millionen Dollar.

Die Wähler liefen der Kongreßpartei in Scharen davon. Erst erlitt sie im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Uttar Pradesch eine empfindliche Schlappe, dann verlor sie Ende vorigen Jahres die Macht in zwei Landesregierungen, darunter Raos Heimat, der südindischen Kongreß-Hochburg Andrha Pradesch.

Seither ist die Position des Premiers an der Spitze der Kongreßpartei gefährdet. Wenn binnen Wochen in fünf weiteren Bundesstaaten gewählt wird, drohen neue Niederlagen. Zu spät reagierte der angeschlagene Rao: Ende Dezember entließ er drei Affären-Minister.

Die längst überfällige Kabinettsumbildung konnte Raos schärfsten innerparteilichen Rivalen nicht davon abhalten, sich gegen den Premier in Stellung zu bringen: Sozialminister Arjun Singh, 64, trat demonstrativ zurück und empfahl sich zugleich als Alternative für die Parlamentswahlen im nächsten Jahr.

Rao reagierte, indem er dem Herausforderer vergangene Woche »zeitweilig« die Parteimitgliedschaft entzog - der Rausschmiß dürfte folgen. Seither buhlen beide um die Sympathie der angesehenen Rajiv-Witwe. »Ihr Eintritt in die Politik wäre für das Land ein Gewinn«, versuchte Singh die Italienerin zu ködern, »wir brauchen einen charismatischen Führer.«

Ob die Umworbene als Kandidatin zur Verfügung steht, ist indes völlig offen. Schließlich hatte sich Sonia Gandhi vehement gegen die politische Karriere ihres Mannes gewandt, den sie als Studentin in Cambridge kennengelernt hatte; nach dessen Ermordung schlug sie alle ihr angetragenen Parteiämter aus und kümmerte sich um ihre zwei Kinder. Seither war sie »eine kleine Frau mit riesigem Schatten«, so der Kolumnist Sumir Lal.

Diese Aura beruht fast ausschließlich auf dem Mythos des Namens, nicht auf ihrer persönlichen Ausstrahlung. Öffentliche Ansprachen meidet die Italienerin, weil sie nur schlecht Hindi spricht. Bisher war sie nur bereit, in wohltätigen Stiftungen mitzumachen. Der Sprung in die aktive Politik würde sie viel innere Überwindung kosten - sie macht die konfliktgeladenen Verhältnisse Indiens für den Tod ihres Mannes verantwortlich. »Ich war wütend und empört über ein System, das meinen Mann als Opferlamm verlangte«, schrieb sie in ihrer 1992 erschienenen Biographie »Rajiv«.

»Sonia Gandhi ist wie eine Sphinx«, sagt ein Parteimitglied, »niemand kennt ihre wahren Absichten.«

Bei einem Auftritt im vergangenen Juni, wo Parteianhänger in Delhis Talkatora-Stadium ihr frenetisch zujubelten, gab sie erstmals die selbstgewählte Abstinenz auf. Inzwischen hat sich die scheue Erbin der Gandhi-Dynastie zur moralischen Instanz innerhalb der Kongreßpartei gewandelt; ihr Haus wurde zum Pilgerort für ehrgeizige Politiker.

Manche argwöhnen, daß ihr Ehrgeiz dem Aufstieg ihrer Tochter gilt - die wird demnächst 25, Mindestalter für eine Parlamentskandidatur.

Die Opposition hat dagegen begonnen, am makellosen Ruf der Witwe zu kratzen. Sie halten ihr vor allem die ausländische Herkunft vor. »Wenn wir denn unbedingt einen italienischen Premier haben müssen«, höhnte der regierungskritische Indian Express, »dann doch lieber einen arbeitslosen Berlusconi - der hat mehr Erfahrung.« Y

»In Krisenzeiten greift die Partei auf die Gandhi-Dynastie zurück«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 68 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.