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»Frau Rau, wie heißt das?«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leineman über Johannes Rau in den USA *
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 7/1986

Drei Tage ist er in den USA gewesen, beim Präsidenten und beim Außenminister, im Kongreß und in allerlei elitären Zirkeln - und immer waren die Werbe-Manager des SPD-Kanzlerkandidaten dabei.

Er hat sich gefreut über die viele Aufmerksamkeit, aber jetzt möchte er zurück »zu den wunderbarsten Kindern von Nordrhein-Westfalen«. Es kostet Johannes Rau sichtlich Anstrengung, bei diesen Worten nicht auf seine zwei Armbanduhren zu schauen, von denen eine am letzten Donnerstag New Yorker Zeit zeigt, 13 Uhr, während die andere signalisiert, daß in Wuppertal Anna-Christina und Philipp-Emmanuel gleich ins Bett müssen.

Seine Gastgeber haben Verständnis. Pflegte nicht sogar Israels Ex-Ministerpräsident Menachem Begin seine Kinder als die besten der Welt zu preisen? Howard M. Squadron vom American Jewish Congress prahlt sogar mit den aufregendsten Enkeln des Universums. Gleichwohl haben er und seine dreißig Freunde noch ein paar Fragen, etwa: Wie es denn eigentlich mit dem Antisemitismus in Deutschland stehe?

Bei den Ortsnamen Korschenbroich und Bitburg hört die Gemütlichkeit auf. Die Vokabeln Faschismus, Terrorismus, Rassismus eignen sich nicht für einen behaglichen Familienplausch. Und doch bricht die vertrauensvolle Atmosphäre nicht abrupt zusammen. Denn Johannes Rau, gleiches Alter wie Kanzler Helmut Kohl, redet so selbstverständlich und offen über die Vergangenheit wie über seine Kinder.

Er kann nichts anfangen mit des Kanzlers »Gnade der späten Geburt": »Ich empfinde sie nicht.« Statt dessen spricht er von Schuld, Verantwortung und von der Pflicht zu mehr Sensibilität wegen der deutschen Vergangenheit.

Was in den Köpfen derer vorgehe, die sich äußern wie Bürgermeister Graf Spee-Mirbach in Korschenbroich und der CSU-Abgeordnete Hermann Fellner, kann er sich einfach nicht vorstellen. Er bittet für sie um Verzeihung - »damit das erträglich bleibt«, wie er später sagt. Er teilt auch nicht die Einschätzung, daß die Mehrheit der Deutschen so denkt. »Und wenn die Mehrheit so dächte, fände ich das nicht legitim.«

Als er geendet hat, drückt ihm der Zuhörer Ernst Michel, einst Häftling in Auschwitz, die Hand. Dann murmelt er: »Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich einem deutschen Politiker die Hand gebe.«

Johannes Rau, dessen Wahlkampfmotto versöhnen statt spalten heißt, hatte in den USA reichlich Gelegenheit zu beweisen, daß dieses Motto mehr ist als ein kalkulierter Slogan, um harmoniesüchtige Wähler einzufangen. Tatsächlich ist Versöhnlichkeit Teil des Rauschen Wesens, er kann gar nicht anders, als zu Menschen freundlich zu sein und um ihre Zustimmung zu werben. Darin, liegen seine Chancen. Darin liegen seine Gefährdungen.

Versöhnung gelingt, wenn sie vorhandene Kontroversen nicht einfach zukleistert, sondern sie als gegeben akzeptiert - wie in New York. Sie ist voller Gefahren des Mißverstehens und Mißtrauens, wenn sie um des lieben Friedens willen Gegensätze verharmlost und übertüncht: - wie in Washington.

In New York ist Rau seiner selbst sicher. Ob locker oder ernst, privat oder staatsmännisch, er wirkt glaubwürdig. Seine Mitarbeiter erklären das vor allem aus dem auffälligen Erfolg, mit dem er zuvor den anderen Teil seiner Versöhnungsmission bewältigt hat - seine Besuche bei der über die SPD vergrätzten Reagan-Administration.

Tatsächlich steht er nach dem Gespräch beim Präsidenten fast euphorisch im Regen vor dem Weißen Haus. Alles findet er »gut« - von der Substanz über die Atmosphäre bis zur Dauer: eine »gute halbe Stunde«, nennt er die 33 Minuten. Stolz verkündet er, die »Phase des Schweigens« sei vorüber, die Gesprächsfähigkeit der SPD wiederhergestellt.

Johannes Rau will sich das nicht allein zuschreiben, aber über seinen persönlichen Anteil kann es keinen Zweifel geben. Von Ronald Reagan über Außenminister Shultz bis zu dem einst gegenüber der SPD argwöhnischen Ex-Botschafter Arthur Burns sind alle offiziellen Amerikaner von der Persönlichkeit des Kandidaten angetan.

Das kann nicht darüber hinwegtäuschen - selbst wenn Rau es versucht -, daß er in Washington auch den bündnis- und amerikakritischen Flügel seiner Partei zu vertreten (und zu versöhnen?) hat. Sein Begleiter, der überaus atlantische SPD-Bundestagsabgeordnete Karsten D. Voigt, nennt SPD und Reagan-Administration die »beiden äußersten Pole des Bündnisses«.

Nun kann niemand Johannes Rau vorwerfen, er habe die weiterbestehenden Unterschiede zwischen seiner Partei und dem Weißen Haus nicht ausgesprochen. Daß die SPD bei SDI nicht mitmache, daß die Pershings »wegverhandelt« werden müßten, daß Menschenrechte nicht nur in Afghanistan und Polen, sondern auch in Südafrika, der Türkei, Nicaragua und El Salvador mit Füßen getreten werden - das alles hat er vor dem erzkonservativen Enterprise-Institut deutlich gesagt.

Nur hat das alles so recht keiner wahrgenommen. Sei es, weil sich alle gerührt auf die tapferen Versuche Raus konzentrierten, seine mit komplizierten Wörtern gespickte Rede unbedingt in der Sprache der Gastgeber loszuwerden, wobei er zur Not seine Frau um Hilfe anfleht: »Frau Rau, was heißt das?«; sei es, weil er auch die harscheren Passagen nett und verbindlich vorträgt; sei es, weil er zum Ausgleich die Hoffnungen auf Genf gleich allzu optimistisch verbalisiert, vom »neuen Schub« bis zur Wendung »ins Konstruktive«; sei es, weil man diesem freundlichen Menschen manches nachsieht - der kontroverse Johannes Rau jedenfalls ist in den USA völlig untergegangen.

Wie immer man den Pazifizierungserfolg des Johannes Rau in Washington nennen mag - versöhnt hat er niemanden. Bei seinen beträchtlichen selbstbeschwörerischen Fähigkeiten mag er seine Taktik nicht nur für klug, sondern sogar für ehrlich halten. Aber er war zu nett, um wahr zu sein.

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