Zur Ausgabe
Artikel 78 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Briefe

FRAUEN AM FLIESSBAND
aus DER SPIEGEL 19/1965

FRAUEN AM FLIESSBAND

Ihr Bericht über die Frauen-Arbeit in Deutschland war sehr aufschlußreich. Hoffentlich lesen ihn auch die Bonner Regierungspolitiker, damit sie endlich eine Synthese zwischen der Forderung des Familienministers Heck, die Frau gehöre an Herd und Babywiege, den Erfordernissen der Wirtschaft, die immer mehr Arbeitsplätze besetzen muß, und den ständig steigenden Preisen, die die Ehefrauen zum Mitverdienen zwingen, finden.

Berlin

HEDWIG HECKER

Daß der Verfasser dieses Artikels die »Gartenlauben«-Weisheit vom »physiologischen Schwachsinn des Weibes« (Möbius) wieder aufwärmt, ist angesichts des ständig sinkenden SPIEGEL-Niveaus nicht weiter bemerkenswert. Noch weniger die Zitierung eines Ingenieur-Professors, der im Sinne der bekannten Korporals-Devise »Überlassen Sie das Denken den Pferden, die haben größere Köpfe!« anthropologisch ahnungslos Hirngewicht und logisches Denkvermögen zueinander in Beziehung setzt.

Doch hätte dem Autor ein Blick über die Grenze - etwa nach Frankreich, Rußland oder Israel, wo solche Vorstellungen längst zu den Ammenmärchen zählen - ganz ohne Minderung seines Hirngewichts nützlich sein können. Vielleicht wäre ihm dann die hierzulande geschichtsnotorische Haltung gegenüber dem politisch oder körperlich Schwächeren, die natürlich auch bei Frauen niemals eine Ausnahme gemacht hat, weniger selbstverständlich erschienen. Sicher ist freilich, daß jenes nordrhein-westfälische Kabinett, das den ebenso geheimen wie verfassungswidrigen Numerus clausus von zehn Prozent für weibliche höhere Beamte festsetzte, von gleicher Denkart war wie der SPIEGEL-Mitarbeiter. Auch in der Gewerkschaft herrschen in dieser Hinsicht kaum vernünftigere Zustände.

Ich wäre übrigens gespannt, mit welcher Art physiologischem Schwachsinn Sie den Umstand erklären würden, daß sich in den politischen und beruflichen Schlüsselstellungen unserer Gesellschaft so wenig konfessionell Nichtgebundene befinden.

Düsseldorf

ANNETTE HOMEYER-SCHÜCKING Sozialgerichtsrätin

Der »physiologische Schwachsinn des Weibes« (Möbius), der die Frauen angeblich daran hindert, höhere Positionen im Berufsleben einzunehmen, liegt nicht bei den Frauen, sondern bei den Männern, die mehr oder weniger offen, bewußt oder unbewußt gegen diesen beruflichen Aufstieg der Frauen geschlossen Frönt machen. Die ehrgeizige Frau gibt dann nicht wegen ihrer beruflichen Unfähigkeit auf, sondern bewogen durch die Einsicht, daß ihr täglicher Kampf gegen Herabsetzung, eingefleischte Vorurteile und verschärfte Intrigen zwar oft siegreich ausgeht und in jedem Fall um der Sache der Gerechtigkeit wegen verdienstvoll ist, auf die Dauer aber aus fast jeder charmanten, natürlichen Weiblichkeit einen alten verknitterten »Haudegen« macht.

Der arme alte Möbius. 1903 meinte er im »Neurologischen Centralblatt": »Zu den Aufgaben des weiblichen Lebens genügt ein Gehirn, das in einem Kopf mit 51 Zentimetern (Kopfumfang) Platz hat, wir (die Männer!) brauchen mindestens 53 Zentimeter. Man kann mit 51 Zentimetern eine gescheite Frau, aber nicht ein gescheiter Mann sein.« Wo würde er mich mit 58 Zentimetern Kopfumfang wohl einordnen?

Aumühle (Schl.-Holst.)

DR. ULRIKE THIEDE

Zoologin

Die DDR, in der 71 Prozent aller Frauen mehr oder weniger freiwillig arbeiten, hält mit dieser Zahl gewiß einen traurigen Rekord, aber man darf nicht vergessen, daß dort den Frauen der Weg zu Spitzenpositionen in Regierung, Wirtschaft und Kultur nicht wie bei uns verbaut ist.

Karlsruhe

BERNHARD LÖBER

Die Frauen in der DDR mögen vielleicht körperlich schwerere Arbeiten verrichten, die unseren Frauen aufgrund der Arbeitsschutzgesetze untersagt sind. Dort verbindet sich die »Gleichberechtigung« andererseits aber auch mit der Möglichkeit, alle Berufe zu ergreifen, ohne auf gesetzliche oder soziale Schranken zu stoßen.

Die »Nachwuchsplaner« vergessen zu leicht, daß die Frau und Mutter, die ihrem »Gartenlauben«-Idyll am ehesten gleichkommt, einen verhängnisvollen Einfluß ausüben kann, indem sie ihre Kinder nicht so erzieht, daß sie den Anforderungen einer technisch-wissenschaftlich orientierten Welt gewachsen sind. Eine vom Hausfrauen-Dasein unbefriedigte Frau (und über die Funktionsentleerung des technisierten Haushalts trösten auch nicht Appelle der CDU-Politiker hinweg) wird möglicherweise eigene Vorstellungen und Reaktionen neurotischer Natur auf ihre Kinder übertragen und so deren Entwicklung hemmen.

Die gesellschaftliche Weiterentwicklung verlangt vom Mann ein Akzeptieren der veränderten Stellung der Frau, gehören doch mehr als 50 Prozent der Bevölkerung dem weiblichen Geschlecht an, und eine Industriegesellschaft kann sich eine mangelnde Ausbildung von über der Hälfte ihrer Einwohner nicht leisten. Ebenso muß das Arbeitspotential, das die Frauen bilden, sinnvoll ausgenutzt werden - ungeachtet der geschlechtlichen Zugehörigkeit.

Bremen

UTE KOCH

Sie zitieren einen Ausspruch von mir, wonach ich folgendes geäußert haben soll: »In den unteren Gruppen herrschen die weiblichen Wesen vor, in den mittleren dominieren schon die Männer, und auf den oberen Sprossen muß man die Röcke mit der Lupe suchen.«.

Den Sinn dieser Äußerung unterschreibe ich voll und ganz, denn es beruht auf Tatsachen, daß die Frauen die unteren Lohn- und Gehaltsklassen beherrschen, während sie in den mittleren -mit einem immer geringer werdenden Prozentsatz je nach dem Ansteigen der Lohn- oder Gehaltsstufe beteiligt sind und in den höchsten Gehalts- und Lohngruppen nur noch mit Hilfe der Lupe oder eines Mikroskopes gefunden werden können. So pflege ich seit rund

eineinhalb Jahrzehnten - in denen ich wiederholt zur Bundesvorsitzenden des Verbandes der weiblichen Angestellten gewählt würde - zu argumentieren. Ausdrücke wie »weibliche Wesen« oder »Röcke« habe ich aber in dem von Ihnen wiedergegebenen Zusammenhang niemals gebraucht.

Hannover

FRIEDEL RÜHL

Verband der weibl. Angestellten e.V.

Ihr Bericht über Frauenarbeit ist reich an den verschiedensten Gesichtspunkten. Einen jedoch vermisse ich: Die Psychologie hat nachgewiesen, daß Kinder, die nicht wenigstens bis zum Alter von vier Jahren in ununterbrochenem Kontakt mit der Mutter aufwachsen dürfen, in ihrer körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung schwer gefährdet sind.

Über diese wissenschaftliche Erkenntnis gibt es heute keinen Meinungsstreit mehr, sondern wir Mütter haben uns ihr zu beugen, und zwar freudig und ohne Seufzen, selbst wenn die Liebe zum Beruf und das »Unbehagen an der häuslichen Leere« groß sind.

Gehört es denn nicht zum Wesen der Demokratie, daß sie sich zum Anwalt der Schwächsten macht? Das geschieht aber viel zu selten und zu lasch; man hat einfach nicht den Mut zu den entsprechenden Gesetzen, wenn es um die Allerschwächsten geht, um unsere Kinder. Die können ja keine Reden halten; aber ihre kleinen Gesichter und ihr Verhalten sprechen Bände, wenn die Mutter zur Arbeit fortmuß.

Uetersen (Schl.-Holst.)

GISELA LODER

In Ihrem Artikel haben Sie mir Äußerungen unterstellt, die in einem derart sinnlosen Zusammenhang von mir niemals gemacht worden sind. Meine Kritik an der Frauenarbeit bezog sich seit jeher und bezieht sich auch weiterhin ausschließlich auf die Doppelbelastung der Frau durch Beruf und Kinder.

Mit namhaften Wissenschaftlern der verschiedensten Disziplinen bin ich mir darüber einig, daß es eine vordringliche Aufgabe der Gesellschaftspolitik ist, unsere Mütter durch geeignete wirtschaftliche Maßnahmen instand zu setzen, sich solange ihren Kindern zu widmen, wie dies erforderlich ist.

Ich habe mich jedoch wiederholt und auf das nachdrücklichste gegen jede Art von Verbotsgesetzgebung gewandt, wie sie unter anderem von Alexander Rüstow gefordert worden ist. Des weiteren habe ich in zahlreichen Veröffentlichungen immer wieder darauf hingewiesen, daß der Frau vor und nach der Erledigung ihrer Mutterpflichten jede Chance eingeräumt werden muß, einen ihrer Neigung entsprechenden Beruf zu wählen und auszuüben.

Köln

DR. MED. FERDINAND OETER

Schriftleiter der »Ärztlichen Mitteilungen« und des »Deutschen Ärzteblatts«

Die Frauen und Neger stehen so ziemlich auf einer Stufe. Sie leisten niedrige Arbeit und sind billiges Material.

Stockholm

ULLA ERICSON

Die Zeit

»Schichtwechsel«

Friedel Rühl

Zur Ausgabe
Artikel 78 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.