Zur Ausgabe
Artikel 72 / 151
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

LITERATURVERFILMUNG Frauen im Sturm der Geschichte

Der Regisseurin Margarethe von Trotta gelingt ein kleines TV-Wunder: Sie verwandelt Uwe Johnsons literarisch verschraubte Chronik »Jahrestage« in einen gefühlvollen Fernsehbilderbogen über deutsche Schicksale im Schatten von Krieg und Diktatur.
Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 45/2000

Ein Roman steigt aus dem Meer: »Abends ist der Strand hart von der Nässe, mit Poren gelöchert, und drückt den Muschelsplitt schärfer gegen die Sohlen. Die auslaufenden Wellen schlagen ihr so hart gegen die Knöchel, dass sie sich oft vertritt.« Sie, die Frau in den Wellen, ist die Heldin des schaumgeborenen Romans, Gesine Cresspahl.

An den Strand wird sie nun zurückkehren, diesmal als Fernsehheldin: In der letzten Szene der vierteiligen TV-Verfilmung* von Uwe Johnsons 1800-Seiten-Chronik-Ungeheuer »Jahrestage"** steht Cresspahl wieder mit den Füßen im Sand - vor sich das Meer, neben sich Tochter und Freundin, hinter sich auf der Düne die Toten, die ihr Leben bestimmten, und in sich eine Erkenntnis: »Als Kinder bei Gewitter in einer Kornhocke haben wir gedacht: Uns sieht keiner. Wir werden alle gesehen.«

Es sind 17 Jahre vergangen seit der Vollendung von Johnsons Riesenwerk, das der Kritiker Joachim Kaiser wohl zu Recht als »Zeit-Mosaik von einsamer schriftstellerischer Meisterschaft« feierte und das sein Kollege Marcel Reich-Ranicki wohl zu Unrecht einst als »kunstlederne mecklenburgische Chronik« voller raunender Verklärung des Kleinstadtlebens abtat. Nun endlich, von Dienstag kommender Woche an, ist die Heimholung der »Jahrestage« ins Reich des Fernsehens zu besichtigen.

Ob Kunstleder oder meisterliches Mosaik - eins war klar: Wer immer Johnson zu Fernsehen machen wollte, würde sich auf eine Fahrt voller Untiefen, verwirrender

Leuchtfeuer, in Nebelgebiete, Stürme und Flautenzonen begeben. Um mit einem brauchbaren Drehbuch zurückzukommen, bedurfte es der Verschlagenheit eines Seeräubers, denn nur schwer ist dem Erzeuger dieses Ozeans aus Impressionen, Gedankensplittern und Realitätsfetzen eine süffige Story abzujagen.

Was Johnson in »Jahrestage« auftürmt, bedeutet für den Leser Schwerstarbeit. Er muss sich nicht nur auf das einlassen, was Gesine Cresspahl, die es nach New York verschlagen hat, ihrer zehnjährigen Tochter Marie über die Vergangenheit in Deutschland erzählt: wie die Nazi-Zeit in dem mecklenburgischen Kaff Jerichow Gesines Kindheit verdunkelte, wie sich die Hoffnungen auf den Sozialismus zerschlugen, wie die Flucht in den Westen und ein Unglück die große Liebe der jungen Frau zerstörten.

Zugleich muss der Leser all die Qualen, Skrupel und Verzweiflung teilen, die Johnson mit dem Vorgang des Erinnerns hat. Über das Vergangene, so sieht es der Schriftsteller, kann sich niemand erheben. Das Vergangene sucht den Menschen in seiner Gegenwart heim, es treibt mit im Strom des Aktuellen, es beutelt das Subjekt. Am schlimmsten: Es ist womöglich noch gar nicht vergangen.

So werden in der vierbändigen Chronik die Erinnerungen überlagert von Beschreibungen der Stadt New York, vom Zitieren aktueller Zeitungsmeldungen, von Schicksalsskizzen, vor allem aber von den dramatischen Ereignissen zwischen August 1967 und August 1968. Vietnamkrieg, politische Morde an Robert Kennedy und Martin Luther King, die Rassenunruhen, der Prager Frühling - alles das sind für Johnson auch Jahrestage, an denen die unvergangene Vergangenheit der Kriegs- und Nachkriegszeit mit der Sechziger-Gegenwart aufs Irritierendste zusammenprallt.

Vermag irgendjemand so eine komplizierte wie ambitionierte Erzählstruktur in ein Fernsehstück zu übersetzen? Soll man, kann man heute eine Geschichte darüber erzählen, wie eine Frau vor mehr als 30 Jahren ihrer Tochter Geschichten erzählt, die - von damals aus gesehen - auch schon gut 30 Jahre zurücklagen?

Es war ein ziemlich verschworener Haufen um den damaligen WDR-Fernsehmann Martin Wiebel, der das Wagnis der Verfilmung vor zehn Jahren anging. Ein jetzt bei Suhrkamp erschienenes Taschenbuch »Mutmaßungen über Gesine« gibt Auskunft über die Entstehung des Vierteilers - es liest sich auf den ersten Blick wie eine einzige Entschuldigung beim großen Meister Uwe*.

Peter Steinbach, einer der Drehbuchau-

toren ("Heimat«, »Klemperer - Ein Leben

in Deutschland"), wäre am liebsten ans Grab von Johnson geeilt, der sich 1984, erst 49, zu Tode gesoffen hatte, »um ihn um Verzeihung zu bitten, dass wir Film aus ihm gemacht haben«. Margarethe von Trotta, die (an Stelle von Frank Beyer) die Regie übernahm, fühlte sich während der Dreharbeiten vom Schriftsteller beobachtet: »Manchmal hatte ich das Gefühl, Johnson lächelt mir sogar zu, und manchmal dachte ich, warum er jetzt wütend an seiner Pfeife raucht und gar nichts mehr sagt. Aber ich habe immer versucht, ihn mir irgendwie versöhnlich zu stimmen.«

Sie standen sichtlich in der Furcht des Herrn. »Das Drehbuch-Werkstatt-Regal« heißt ein Kapitel im Begleitbuch. Darin beschreibt Christoph Busch, neben Steinbach der zweite Drehbuchautor, wie die TV-Macher die literarisch verschraubte Vorlage auseinanderschraubten und für jeden Tag - der Roman besteht aus 367 Tageseintragungen - das Geschriebene nach drei Ebenen sortierten: Sätzen, die in der New Yorker Gegenwart spielen, Sätzen, die Vergangenheit wachrufen, und Sätzen, die Artikel aus der »New York Times«, Namen und Ortsangaben betreffen - eine Sisyphosarbeit.

Diese Entwirrung machte klar, wie viele Personen und Orte aus dem Johnson-Kosmos nicht in den Film gelangen würden. Doch es gab nicht nur das Problem der Fülle, sondern auch eins des Mangels: Sosehr Johnson mit Beschreibungen von Plätzen und Ereignissen aast, so karg schildert er seine Heldin Gesine, das Zentrum der Erinnerung. Die ledige Bankangestellte mit kleiner Tochter und komplizierter deutsch-deutscher Vergangenheit erscheint bei Johnson als Frau ohne Unterleib.

Cresspahls Privatleben in New York besteht im Roman vor allem aus beobachtender Zeitungslektüre, aus Sorgen um die Entwicklung der Tochter Marie, die wohlbehütet in einer katholischen Schule ganz allmählich zu politischem Bewusstsein erwacht, und aus Andeutungen über eine Beziehung zu D. E., dem aus Mecklenburg stammenden Professor und Freund, der für die US-Luftwaffe arbeitet.

Um die Kriegs- und Nachkriegsvergangenheit mit der Sechziger-Jahre-Gegenwart zu verklammern, galt es für die Fernsehautoren, die handlungsarme New Yorker Gegenwart aufzuwerten - sie schildern ausführlich und voller Emotionen das weibliche Miteinander - erst zwischen Mutter und Tochter, später kommt eine Freundin Gesines aus der Gymnasialzeit hinzu, Anita, die die Cresspahls in New York besucht.

So nehmen die Frauen Johnsons Roman in Besitz - von Trottas Regie enthusiastisch unterstützt. Wo in der Vorlage ein verzweifelter Dichter vor der Wucht der Erinnerung in tausend und eine Wortwelt flieht, stellen sich im Film Frauengesichter dem Sturm der Vergangenheit entgegen.

Das ist sicher eine Vereinfachung, aber eine gelungene, denn die überragende Gesine-Darstellerin Suzanne von Borsody weiß, wie man Andeutungen spielt, wie Trauer hinter einem Lächeln aufscheint, wie man Beschädigungen aus der Vergangenheit in einem Blick aufhebt, also bewahrt und zugleich mildert.

Sichtlich liebt Regisseurin Trotta die Frauen, die Johnson geschaffen hat. Manchmal zu sehr. Gleich im ersten Teil verrutscht ihr in allzu verständnisvoller Weichzeichnung die Figur der Lisbeth, Gesines Mutter.

Die Tragödie einer Frau, die sich vor der Enttäuschung ihres Mannes, der nur ihr zuliebe in Deutschland geblieben ist, und vor den Schrecken der Nazi-Welt in den religiösen Wahn flüchtet, verliert bei Trotta den Schrecken, der ihre Tochter Gesine fast zerstört.

Dafür entschädigen andere Szenen wie die, in der erste Zuneigung aufkeimt zwischen dem Flüchtlingsjungen Jakob und dem Teenager Gesine, von Stefanie Charlotta Kötz mit einer Mischung aus verletztem Stolz und eigensinniger Zuversicht stark gespielt.

Auch in Gesines mecklenburgischer Gymnasialzeit - am Bürokratismus der DDR-Obrigkeit zerbrechen gerade die letzten sozialistischen Ideale - sind es die Frauenfiguren, die in der Erinnerung bleiben, vor allem Katrin Bühring als Freundin Anita in jungen Jahren. In einer herzanrührenden Szene offenbart die Schülerin, wie sie von Russen vergewaltigt und körperlich zerstört wurde, aber trotzdem oder gerade deswegen die russische Sprache und Kultur in sich einsaugt.

Neben all den starken Frauen behauptet sich allerdings einer wie ein Fels in der weiblichen Brandung: Matthias Habich als Gesines Vater, ein wortkarger Tischler, der seine Frau nicht retten konnte, aber dafür seine Tochter. Ein Hitler-Gegner, der trotzdem zum Opfer des Stalinismus wird, mürrisch und verschlossen, im Grunde anständig, aber unfähig zur Arbeit an der Erinnerung.

Es sind die Frauen, die im Film das Vergessene zurückholen. Ob Johnson es so gemeint hat, ist ungewiss. Das Fernsehen hat sich zu dieser Lösung entschlossen - und sie überzeugt.

Gesines Erkenntnis in der letzten Szene am Meer - »Wir werden alle gesehen«- mit den Toten im Rücken brauchen die Mitwirkenden an diesem Film nicht zu fürchten. Sie können sich sehen lassen. Vielleicht lächelt Johnson sogar.

NIKOLAUS VON FESTENBERG

* Sendetermine: Dienstag, 14., Donnerstag, 16., Dienstag, 21.,Mittwoch, 22. November, jeweils 21.00 Uhr. ** Uwe Johnson:"Jahrestage«. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 1728 Seiten; 75Mark.* Martin Wiebel (Hrsg.): »Mutmassungen über Gesine«. SuhrkampVerlag, Frankfurt a. M.; 268 Seiten; 19,90 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 72 / 151
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.