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FRAUEN TÖTETEN DIE GENERÄLE

aus DER SPIEGEL 20/1966

In Hongkong trafen in den letzten Wochen die ersten Wellen chinesischer Flüchtlinge aus Indonesien ein, die noch China zurückkehren wollen. Es sind Oberlebende der monatelangen Massaker, die Indonesiens Militärs und Nationalisten nach dem mißglückten kommunistischen Putsch vom vergangenen September unter den Roten und deren Anhängern veranstalteten. An vielen Orten war der Rotenhaß zum Rassenhaß gegen die chinesische Minderheit umgeschlagen. Dos große morden kostete zwischen 87 000 (so Präsident Sukarno) und 500 000 (so Diplomaten in Djakarta) Menschen das Leben - aber authentische Berichte über das Gemetzel gibt es kaum. Ein deutscher Doktorand, der für das Goethe-Institut in Bangkok tätig war, erlebte Ende letzten Jahres den Terror auf Java und Bali mit. Hier sein Augenzeugenbericht: Passagierschiffe legten in den Wochen nach dem mißglückten roten Putsch nicht in Indonesien an. Flugzeuge durften nicht landen. Ich kam auf dem Reisfrachter »Timur« von Bangkok nach Djakarta. Vor dem Hafen ankerten über 30 Frachter und warteten. Wir durften sofort anlegen: Reis und Waffen haben unbedingten Vorrang an den Piers von Djakarta.

Kaum hatten wir angelegt, kamen zu Skeletten abgemagerte, völlig ausgehungerte Arbeiter an Bord, begleitet von Soldaten mit umgehängten australischen Maschinenpistolen. Sie luden die Reissäcke ab.

Wie zufällig begannen nach einiger Zeit aus dem einen oder anderen Sack Reiskörner zu rieseln. Als die Soldaten durch eine Schießerei in einem Lagerhaus am Kai abgelenkt wurden, stürzten sich die Arbeiter auf den verstreuten Reis und versteckten ihn in ihren Lumpen oder unter den Hüten. Selbst aus Öllachen fischten sie die schmierigen Körner.

Am Pier warteten die Frauen der Docker, packten zu, wenn einer der entkräfteten Arbeiter unter seiner Last zusammenbrach, und fegten die dort verstreuten Reiskörner zusammen. Dann teilten sie die magere Beute mit den Soldaten.

Die Zöllner widmeten sich mir besonders eingehend. Nach dreimaliger umständlicher Untersuchung des ganzen Gepäcks war ich mürbe: Ein Bakschisch in Form eines Nylonhemds und amerikanischer Zigaretten beendete die Kontrolle. Auch die Devisenkontrolle verlief reibungslos - nachdem die Beamten je 10 000 Rupiah erhalten hatten.

Die Rupiah war damals praktisch wertloses Papier. Der offizielle Kurs lag zwar bei etwa 300 Rupiah für den USDollar. Der Schwarzmarktkurs auf der Pasar Baru, einer der Hauptgeschäftsstraßen Djakartas, lag aber je nach Zungenfertigkeit zwischen 24 000 und 35 000 Rupiah für einen Dollar.

Ich selbst flog wenige Tage später nach Bali. Die Maschine sollte um neun Uhr abfliegen. Um zwölf Uhr harrten wir noch immer in dem unterdessen glühheiß gewordenen Flugzeug. Endlich ging es los - aber nicht weit. Vom Rollfeld wurden wir wieder zurückbeordert und mußten die Maschine sofort verlassen. Sie wurde von vier hohen Offizieren samt - ausgesucht schönen - Mätressen belegt. Wir wurden auf den nächsten Tag vertröstet. Leidensgenosse des verhinderten Fluges war ein Italiener. Während wir zusammen aßen, zeigte er mir die entsetzlichsten Bilder, die ich je gesehen habe: Photos von sechs Armeegenerälen. Die Kommunisten hatten sie am 30. September ermordet. Die Leichen waren fürchterlich verstümmelt. Einem Toten

hatte man das abgeschnittene Geschlechtsteil in den Mund gesteckt. Angeblich hatten Mitglieder der kommunistischen Frauen-Organisation Gerwani das Gemetzel auf dem Gewissen.

Die Rache der Antikommunisten war nicht minder- grausam. Bei meiner Ankunft war es auf der Touristen-Insel Bali noch ruhig; Touristen gab es freilich kaum mehr. Doch schon nach wenigen Tagen leuchtete in der Nacht da und dort Feuerschein auf: Häuser, deren Besitzer das Zeichen PKI ("Partai Komunis Indonesia") an die Tür gemalt hatten - sowie Häuser von chinesischen Händlern und Handwerkern brannten.

Flugzeuge, Busse und Fähren von Bali nach Java waren wochenlang ausgebucht: Die begüterten Chinesen flüchteten auf Indonesiens Hauptinsel Java. Dort wähnten sie sich sicherer, dort hofften sie leichter eine Passage ins Ausland zu bekommen. Aber noch bevor die meisten wegkamen, brach das Massaker los. Chinesen, Kommunisten, von Nachbarn Denunzierte oder einfach Leute mit Geld und Gut wurden am hellen Tag auf offener Straße erschlagen.

In Tjeluk kam ich dazu, wie Soldaten sechs Chinesen aus zwei brennenden Häusern trieben. Ich wollte photographieren, da hielt mir ein Soldat den Trommelrevolver vor den Bauch. Ich mußte die Kamera fallen lassen und die Hände hochheben. Einer der Chinesen nutzte die Ablenkung und versuchte zu fliehen. Eine MP-Salve streckte ihn nieder; dann richtete einer der Soldaten fluchend seine Waffe auf die übrigen Chinesen. Sekunden später lagen alle sechs in ihrem Blut auf der Straße.

Plötzlich explodierten in einem der brennenden Häuser Sprengkörper. Ich wurde von einigen Splittern am linken Unterarm verletzt.

Das Morden und Brennen wurde immer ärger. Die Soldaten sahen zu oder machten mit. Man sprach bereits von tausenden, zehntausenden Opfern. Ein Flugticket war nicht mehr zu bekommen. Bekannte brachten mich zur Fähre von Gilimanuk, die nach Java hinüberführt. Die Fähre war voller Chinesen, die oft kaum Gepäck mit sich hatten. In Banjuwangi, dem ersten Ort auf Java, stauten sich die Flüchtlinge. Für 50 000 Rupiah (der Flug von Djakarta nach Bali hatte 69 000 Rupiah gekostet) nahm mich ein Schrottlastwagen nach Surabaja mit. Unterwegs wurden wir fünfmal von Soldaten angehalten und kontrolliert.

Surabaja war mit chinesischen Flüchtlingen überfüllt. Mein verletzter Arm schmerzte. Ich fragte mich zum Hospital durch.

Das Krankenhaus sah aus wie ein Schlachthof. Überall Verwundete, halb erschlagene oder niedergestochene Opfer des antikommunistischen Gegenterrors. Ich durfte im Dienstzimmer famulierender Studenten schlafen.

Nachts weckte mich Lärm aus der Aufnahmestation: Die Wärter trugen elf Männer herein, aus deren aufgeschlitzten Bäuchen die Gedärme quollen. Die Därme wurden gewaschen, die Wunden vernäht. Bis zum Morgen starb nur einer der Patienten. Prognose der Famuli: »Der Rest wird überleben. Das sind harte Burschen.«

Die Verwundeten waren Kommunisten. Sie stammten aus dem Gebiet von Krian und Tarik, etwa 50 Kilometer von Surabaja entfernt, und hatten sich geweigert, der Nationalistenpartei PNI beizutreten. Darauf hätten, so die Ärzte, Patrioten sie gejagt. Deren Waffen: eine Art Sichel mit langem Griff. So kann man seinen Mann aus einiger Entfernung von hinten anhaken. Versucht das Opfer wegzurennen oder stürzt es, werden die Schnitte besonders tief.

Ich flog von Surabaja nach Bandjarmasin auf Borneo. Der Benzinpreis war in den letzten Tagen von acht auf 250 Rupiah pro Liter gestiegen, der Flugpreis von 60 000 auf 247 000 Rupiah. Auf Borneo war es ruhiger. Zwar hatten sich die Chinesen gleichfalls in den größeren Orten konzentriert, es kam hier aber nur gelegentlich zu Ausschreitungen.

Im Zentrum Bandjarmasins stand eine überlebensgroße Figur aus Pappmache; in ihrem Kopf steckte eine Axt, auf dem Körper prangten Hammer und Sichel. Die Figur sollte Aidit vorstellen, den verschollenen Führer der PKI, den Soldaten in Ostjava erschlagen haben sollen.

Mitte Dezember kehrte ich nach Surabaja zurück. Dort sah ich, wie fünf geköpfte Leichen aus einem Kanal im Stadtteil Wonokromo gezogen wurden.

Auch in Djakarta und Umgebung wurden immer wieder Leichen gefunden. Es waren nicht nur Kommunisten und Chinesen. Viele Parias benutzten die Rotenhatz zur Begleichung privater Fehden, oder sie wollten einfach plündern.

Die Erbitterung gegen die Kommunisten war groß. Kurz zuvor war bekanntgeworden, daß die Roten versucht hatten, das Trinkwasser-Reservoir eines hauptsächlich von begüterten Familien der Hauptstadt bewohnten Bezirks zu vergiften. Der Anschlag wurde angeblich in letzter Minute verhindert.

Die antikommunistische Jagd dauerte drei Monate - sie hatte im Oktober begonnen und endete in manchen Landstrichen erst im Januar. Dann wurde sie durch eine systematische Verhaftungswelle der Armee abgelöst, die Hunderttausende erfaßte.

Papp-Figur des KP-Führers Aidit

Mit Axt und Sichel ...

... gegen Hammer und Sichel: Jagd auf Chinesen in Djakarta

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