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Frauentausch am Tegernsee

aus DER SPIEGEL 28/1948

Der Gärtner Norbert Rauh in Rottach am Tegernsee ließ büschelweise Rosen, Nelken, Geranien, Margueriten, Löwenmäulchen und Grünzeug abschneiden. Es war die erste große Bestellung nach dem X-Tag. »Wir drehen heute nacht eine Hochzeit«, hatte der Herr gesagt, der Sträuße und Blumenarrangements in Mengen bestellt hatte.

Es war einer der Herren aus dem Enag-Heim gewesen. Ganz früher einmal war dieses Haus Ferienheim der Belegschaft eines großen sächsischen Elt-Werks. Im Kriege hatte sich der deutsche Abwehrdienst hier niedergelassen. Dann waren amerikanische Dienststellen gekommen. Jetzt dient es der Münchner Comedia Filmgesellschaft als Hauptkulisse und Schauplatz für einen Film.

Der Film, um den es sich handelt, heißt: »Die kupferne Hochzeit«, Regie: Heinz Rühmann. Es ist kein Film, der sich mit Problemen belastet. Man wird weder Ruinen sehen, noch irgendwelche menschlichen und moralischen Folgen des Bombenkrieges. Die Menschen der »kupfernen Hochzeit« leben in einem Milieu dauerhafter wohlhabender Bürgerlichkeit.

Der Film geht so: Drei Hochzeitspaare heiraten gleichzeitig. Nach sieben Jahren feiern sie kupfern zum zweitenmal. Diesmal mit umschichtig vertauschten Partnern. Die wechselnde Konstellation ergibt die Verwicklungen eines Films, der nichts im Sinn hat, als zu erheitern.

An dem Abend, an dem der Gärtner Rauh pünktlich mit seinen Blumen fertig war, lag das Enag-Heim im gleißenden Schimmer. Auf den weitläufigen Veranden des im oberbayrischen Bauernstils gehaltenen Gebäudes schmetterten Batterien blaublendender Bogenlampen und Scheinwerfer ihr Licht in die Nacht. Man drehte »Szenen aus der Hochzeit«.

Erich Ponto, ein Gehrock und Zylinder tragender Musiker, betritt ein Haus, das Dienstmädchen nimmt seine Kopfbedeckung, aus dem unsichtbaren Hintergrund des Salons ruft ein warmer Frauenalt freudig erstaunt: »Sind Sie doch noch gekommen, Herr Professor?!«

Diese Szene beschäftigte sämtliche Angehörige der Rühmannschen Filmexpedition fast vier Stunden. Filmboß Rühmann, exakter Klein-Arbeiter und sparsamer Comedia-Hausvater, bedachte, daß er wegen Materialknappheit jede Szene nur einmal ernsthaft drehen durfte. Und dann mußte es natürlich gleich sitzen.

Eine Stunde nach Mitternacht kam noch ein Quartett, in einem Alkoven spielend, an die Reihe. Es waren drei unechte Musikanten, unter ihnen Albert Florath und Erich Ponto. Der vierte war ein richtiger Musikprofessor.

Er wurde hinzugezogen, um seinen schauspielenden Kollegen die richtigen Griffe und Bewegungen zu zeigen. Der echte Professor sah wie ein Schauspieler aus, die Schauspieler wie echte Professoren.

Das mit Chintzgardinen und Landhausmöbeln geschmückte festliche Zimmer füllte sich mit Gästen und Zuhörern. Darunter waren die drei Bräute: Herta Feiler. Sybille von Gymnich, Hilde Classen. Und die Bräutigame: Peter Pasetti, Hans Nielsen, Bum Krüger.

Die Filmleute trugen sonst wenig zur Belebung der Tegernsee-Landschaft bei. Kaum, daß man einen von ihnen in den Bädern sah. Heinz Rühmann ward von den Rottachern überhaupt nicht gesehen, auch nicht seine Frau, Herta Feiler.

Eine Ausnahme machten der burgundergesichtige, weißbeschopfte Albert Florath und der verwitterte, etwas zusammengezogene Erich Ponto mit dem verwegenen Komödiantengesicht. Diese beiden setzten sich in Wirtshäusern und Gaststuben zwischen Preußen und Bayern, zwischen Gerechte und Ungerechte und förderten somit ihre allzonale Popularität.

Wenn sich in den Straßen hier und dort mal ein besonders hübsches Mädchen sehen ließ, raunte die kritische Menge etwas von »Komparserie«. Die einheimischen Wald- und Wiesen-Casanovas warfen den Janker besonders fesch über die Schultern und ließen die seit langem arbeitslosen Wilderer-Augen für einige Sekunden verwegen blitzen. Soweit es die Kalorien erlaubten.

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