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Schulbücher Frei von Pornographie

Aus westdeutschen Schulbüchern lernen DDR-Schüler demnächst, wie gut es ihnen unter der SED ging. Bonn zahlt für den Buch-Export Millionen.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Wenn die zwei Millionen DDR-Schüler aus den Sommerferien kommen, erwartet sie in ihren Klassenräumen eine Überraschung: Auf ihren Pulten werden Schulbücher liegen, wie sie bislang im Osten unbekannt waren - auf feinem weißen Papier gedruckt und ungemein bunt bebildert.

Das Lehrgut stammt aus dem Westen. Es ist ein Geschenk des Bonner Bildungsministers Jürgen Möllemann, 44, der vergangenen Mittwoch mit seinem ostdeutschen Kollegen Hans Joachim Meyer, 53, den Buch-Handel besiegelte.

30 Millionen Mark hat die Bundesregierung bereitgestellt, mit denen sie bei westdeutschen Schulbuchverlagen etwa sechs Millionen in der DDR besonders benötigte Schulbücher zum Selbstkostenpreis oder darunter ordern möchte. Gefragt sind, neben Fremdsprachen, vor allem Politik, Gesellschafts- und Gemeinschaftskunde - Fächer, in denen die Volksbildner der gewendeten Deutschen Demokratischen Republik enormen Nachholbedarf haben.

Mit der Abwicklung des Geschäfts hat das Bundesbildungsministerium den Verband der Schulbuchverlage beauftragt. Eine von 47 Verlagen erstellte Angebotsliste präsentierte Verbandsgeschäftsführer Andreas Baer vorletzte Woche dem Ost-Berliner Bildungsministerium zur Begutachtung - allesamt Titel, die bis heute an bundesdeutschen Schulen im Gebrauch sind.

Ob die ostdeutschen Pädagogen und Umerzieher zur Demokratie an der Bonner Gabe allzuviel Freude haben, ist zu bezweifeln. Denn aus den DDR-Lektionen der westdeutschen Unterrichtsmaterialien lernen Schüler nicht selten, wie schön es noch gestern im real existierenden Sozialismus war.

Etwa, wenn die Ost-Schüler sich an die Aufgabe auf Seite 176 des Schulbuchs »Politik im Aufriß« aus dem Diesterweg-Verlag machen: »Lest Nr. 10.24 und versucht zu erklären, warum viele DDR-Bürger selbstbewußt und auch stolz auf ihren Staat sind.«

Im Gebrauch an westdeutschen Schulen sind in erster Linie Geschichtsbücher aus den siebziger Jahren, der Hochzeit der sozialdemokratisch inspirierten Deutschlandpolitik. Aus jenen Wendetagen mithin, in denen vor allem Gutes über das andere Deutschland auf dem Polit-Lehrplan stand.

»Vorurteilsfrei« und »objektiv«, bestimmte etwa das nordrhein-westfälische Kultusministerium 1980, sollte die DDR fortan in Schulbüchern behandelt und möglichst nur aus ihrem »Selbstverständnis« erklärt werden. Urteile über die DDR, wie sie noch in den sechziger Jahren des Kalten Krieges üblich waren, sollte es fürderhin im Unterricht nicht mehr geben.

»Es ist unbedingt erforderlich«, hieß die Standard-These über die DDR noch in der 67. Auflage des Schulbuchs »Der Gemeinde-, Staats- und Weltbürger« aus dem Jahre 1962, »die ganze Verlogenheit, Skrupellosigkeit und Brutalität des kommunistischen Systems aufzuzeigen.«

Nach der siebziger Wende fielen die Bildungshüter ins andere Extrem. In einem »großen deutschen SPD-Bundesland«, berichtete der Hildesheimer Geschichtsprofessor Manfred Overesch, habe die Zulassung des Geschichtsbuchs »Zeitaufnahme« an dem Satz zu scheitern gedroht: _____« Jeder Versuch, zu einer möglichst vorurteilsfreien » _____« Bewertung zu gelangen, kann und darf aber nicht darüber » _____« hinwegtäuschen, daß die DDR noch immer Wesensmerkmale » _____« eines Unrechtsstaates trägt. »

Vor allem in sozialdemokratisch regierten Ländern war »schönfärberische Verharmlosung der DDR« gefragt, wie der Eichstätter Politikwissenschaftler Bernhard Sutor feststellte. Und der Kölner Pädagogik-Professor Johannes Niermann charakterisiert die Politik der SPD-Länder »von 1970 bis zur Wende« in der SED-Republik: »Die DDR war im Schulbuch mit Samthandschuhen anzufassen.«

Die Schulbuchverlage reagierten auf den neuen Trend marktgerecht: Hieß es in der Ausgabe 1966 des im Bayerischen Schulbuchverlag erschienenen Lehrbuchs »Wir erleben die Geschichte«, die »Mehrzahl der Menschen« lehne den Kommunismus ab, waren es in der Auflage 1974 nur noch »viele«. Und Walter Ulbricht hielt sich nicht länger durch die »Gewalt« der Sowjetarmee an der Spitze der DDR, sondern nur noch durch deren »Übermacht«.

Neubewertet wurde auch der Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Aus dem »Kampf für Einheit, Recht und Freiheit« in der Ausgabe von 1966 wurde 1974 »der Aufstand einer Minderheit innerhalb der DDR, bei dem es primär oder sogar ausschließlich um soziale Fragen« gegangen sei. Das »Andenken jener Männer und Frauen, die ihr Leben für die Freiheit hingaben«, entfiel ganz.

Der Erlebnisbericht eines geflüchteten Bauern über die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft ist in der Ausgabe von 1974 durch ein nichtssagendes SED-Plakat über Sozialisierung auf dem Lande ersetzt, das folgende Selbstlob der Bundesrepublik ersatzlos gestrichen. _____« Wir leben in Freiheit, wir können an jeden Ferienort » _____« fahren, der uns gefällt; wir können unseren Feierabend » _____« verbringen, wie wir ihn wünschen - kein Schulungskurs » _____« versucht, unsere politische Meinung zuzuschneiden; unsere » _____« Zeitungen bringen Berichte und Bilder aus aller Welt. » _____« Vielleicht sollten wir öfter darüber nachdenken, was es » _____« bedeutet, als freier Bürger zu leben. »

Statt dessen tauchen in nach 1970 neu geschriebenen Geschichts- und Sozialkundebüchern gehäuft Urteile wie dieses auf: »Nach dem Bau der Sperrmauer in Berlin macht die wirtschaftliche Entwicklung in der DDR bemerkenswerte Fortschritte« ("Geschichte entdecken«, Schulbücher für die Hauptschule).

Das Lehrwerk »Sehen - Beurteilen - Handeln« aus dem Hirschgraben-Verlag fordert die Schüler noch in der Ausgabe von 1977 lapidar auf, die Entwicklung in der DDR fortan aus den Zielen des Marxismus und »fortschrittlicher kommunistischer Parteien« zu beurteilen. Die Begriffe »totalitärer Staat« und »totalitäres System«, so die Autoren, seien auf die DDR nicht mehr anzuwenden.

DDR wie BRD, »beide Staaten verstehen sich als Demokratien«, lehrt das Schulbuch »Thema Politik B« scheinbar wertneutral. Dies drücke »nur aus, daß mit dieser Bezeichnung heute unterschiedliche politische Ordnungen gemeint sind« und »daß die politische Willensbildung in der DDR anders organisiert ist als in der Bundesrepublik«.

Für den Schülerband »Politische Weltkunde - Europa und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg« bestand in der DDR vor der Wende durchaus Demokratie, wenn auch in anderer Form als bei uns: Die DDR-Bürger seien über die Nationale Front immerhin an der Kandidatenwahl für die Ost-Volksvertretungen beteiligt - laut dazugehörigem Lehrerhandbuch ein »Vorteil gegenüber westdeutschen Wählern, die an die Vorauswahl der Parteien gebunden sind«.

Im »Arbeitsbuch Politik« wird kommentarlos der folgende Passus abgedruckt: _____« Wovon ist eine »freie Presse« frei? Die amerikanische » _____« Presse ist gewiß mehr als die kommunistische Presse frei » _____« von der Lenkung durch die Regierung und vom Druck der » _____« herrschenden politischen Partei. Die Presse der » _____« kommunistischen Länder ist bestimmt mehr als die » _____« amerikanische frei vom Einfluß kommerzieller » _____« Zeitungsanzeigen und von der Macht des privaten Kapitals. » _____« Die amerikanische Presse ist in höherem Maße frei von » _____« Zensur; die kommunistische Presse ist freier von » _____« Pornographie. »

»Sehen - Beurteilen - Handeln« sieht in den kommunistischen Ländern Osteuropas insgesamt »die Gleichheit der Chance weitgehender verwirklicht als bei uns, besonders was die Ausbildung der Jugend anbelangt«. Das Bildungssystem der DDR sei, lehrt das Buch »Politische Weltkunde«, dem der Bundesrepublik in mancher Hinsicht überlegen«, dort sei die »soziale Gleichheit« verwirklicht.

Gut ging es ihnen vor der Wende, so lernen ostdeutsche Schüler vom Herbst dieses Jahres an mit westlicher Nachhilfe, nicht nur in der Bildung. Den Lebensstandard in der DDR feiert »Sehen - Beurteilen - Handeln« mit dem schlichten Hinweis, »daß kein Mangel mehr herrscht«. Der Schülerband »Europa und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg« sagt, warum: _____« Die sozialistische Planwirtschaft vermag » _____« konjunkturelle Krisen zu vermeiden, weil sie das » _____« Verhalten der am Wirtschaftsprozeß Beteiligten durch » _____« Befehle steuern und selbst unpopuläre Maßnahmen jederzeit » _____« durchsetzen kann. »

Nur eine winzige Schwäche der Planwirtschaft gesteht das Buch ein: die »Versuchung, die Regeln der ökonomischen Rentabilität gelegentlich zu mißachten«. Im Lehrbuch »Politik im Aufriß« (2. Auflage, 1989) zieht ein DDR-Schüler die Bilanz: »Im Sozialismus leben eben die Menschen im Wohlstand und in Frieden.«

Und offenbar ohne jede Depression. Kein Wort über die Stasi erfahren Schüler beispielsweise in den DDR-Kapiteln bekannter Schulbücher wie »Geschichts-Kurse für die Sekundarstufe II - Deutschland nach 1945« (Verlag Ferdinand Schöningh, 1988), kein Wort über den alles beherrschenden Machtapparat des Ministeriums für Staatssicherheit im »Kursheft Geschichte und Sozialwissenschaften - Konfliktfelder im internationalen System« (Klett, 1987) oder in »Wir und unsere Vergangenheit - Arbeitsheft für Geschichte/Heft 5« (Stockmann-Verlag, 1987).

Andere Bücher erwähnen die Staatssicherheit nur mit ein paar Zeilen und beiläufig wie einen Schützenverein, etwa das Klett-Buch »Kurswissen Systemvergleich BRD/DDR« (1989).

Die West-Schüler haben realistische Kenntnisse über die DDR bis dato allerdings kaum vermißt. Er habe das Thema DDR und deutsche Frage in den letzten 20 Jahren nie in einer Berufsschulklasse behandelt und nur »ab und an« in der Höheren Handelsschule, bekennt der Düsseldorfer Diplomhandelslehrer Ernst-Wilhelm Timpe. Daran gehindert habe ihn vor allem »die chronische Schüler-Unlust an dem Thema«.

Timpes oberster Boß, der nordrhein-westfälische Kultusminister Hans Schwier, SPD, hatte Lehrer und Schüler bereits Anfang des Jahres dazu aufgefordert, die »erwiesenermaßen« veralteten Inhalte der DDR-Kapitel in den Schulbüchern im Unterricht »kritisch zu reflektieren, um Widersprüche aufzulösen«. Und der Minister räumt auch ein, daß Schulbücher, »die dem Zeitgeist unterworfen« seien, »nach den Ostverträgen teilweise einer Verniedlichungstendenz erlegen sind«.

Schulbuchspender Möllemann findet es zudem »geradezu reizvoll für DDR-Schüler«, anhand fragwürdiger Schulbuchkapitel »die Relativität auch der westlichen Bildungsmedien« zu erfahren. West-Pädagoge Möllemann: »An welchen Texten könnten DDR-Schüler kritisches Denken besser lernen als an denen über ihr Land, das sie kennen?«

Während in den Bundesländern die Kultur-Beamten noch darüber brüten, wie Wende und Ende der DDR künftig der gesamtdeutschen Schuljugend nahegebracht werden sollen, haben die Schulbuchverleger bereits reagiert - so wendig wie zu Beginn der Ära Willy Brandt.

Das erste Schulbuch über die »Revolution in der DDR« hat der Hannoveraner Schroedel-Schulbuchverlag auf den Markt gebracht - ganze 48 Seiten stark und mit Klartext über die Geschichte der »sozialistischen Diktatur« wie in den Sechzigern des Kalten Krieges. Textprobe 1990: _____« Die Methoden, ihre Herrschaft durch Unterdrückung der » _____« Bevölkerung, durch Bespitzelung und Verfolgung » _____« Andersdenkender aufrechtzuerhalten, übernahm die » _____« SED-Führung von Stalin. »

Minister Möllemann setzt auf den neuen Geist der Pluralität in den ostdeutschen Schulstuben. So könnten die DDR-Lehrer bereits bei der Auswahl der betreffenden Schulbücher entscheiden, welche Darstellung sie ihren Zöglingen zumuten wollen - »die verzerrte mit dem Reizeffekt oder die objektive«. f

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