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AFFÄREN Freie Hand

Eine Luxusjacht, Drogenschmuggel und halbseidenes Milieu -- der Kriminalfall bringt einen prominenten SPD-Mann in Verlegenheit.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Die hölzerne Segeljacht »Sonia« operiert unter 120 Quadratmetern Tuchfläche und manchmal auch bewegten Umständen. Ein griechischer Minister hatte sich die vom Heck bis zur Klüverbaumspitze über 18 Meter lange Ketsch 1958 bauen lassen. Vier Kabinen mit fließend Warmwasser geben oftwechselnden Besatzungen gehobenen Komfort, ein 270-PS-Diesel macht -- für eilige Fälle -- das nötige Tempo.

Zwar funktionierte die Funkanlage nie so recht, weshalb Standortmeldungen immer nur spärlich eingingen. Doch der Schiffsherr, der Bonner SPD-Politiker Wilderich Freiherr Ostman von der Leye, ließ seinem Skipper »ganz freie Hand«.

So schipperte der mit dem Eigner eng befreundete Hans Bruno Silber, 28, auf eigene Faust durchs Mittelmeer, las Chartergäste auf, wie es gerade so kam -mal deutsche Ärzte und Juristen per Werbeanzeige in deren Standesblättern, mal auch weniger honettes Volk aus dem östlichen Mittelmeer. Für 300 Dollar pro Tag war die »Sonia« zu haben. Eigner Ostman, 55, ein passionierter Hochseesegler, hielt zwecks Unterhalt des teuren Stücks auf Umsatz.

Ihren letzten nachweisbaren Landfall unter Schiffsführer Hans Bruno Silber machte die Ketsch im Sommer 1977; am 26. Mai lief das Boot in Palma de Mallorca ein. Danach blieben die Meldungen aus. Als Bekannte des Freiherrn später das Boot in Palma besichtigten, trafen sie an Bord nur noch »lauter fremde Leute, wahrscheinlich Libanesen«, an (Ostman) -- vom Skipper aber keine Spur.

Der war Anfang Juli, fern vom Liegeort, in St. Tropez durch die französische Polizei verhaftet worden. Gemeinsam mit der Industriellenerbin Christina von Opel und einigen ihrer meist deutschen Bekannten wird Silber der Drogeneinfuhr bezichtigt: In zwei Villen. die für die Opel-Erbin gemietet waren, hatten französische Rauschgiftfahnder rund 1600 Kilogramm Haschisch mit einem Verkaufswert von zehn Millionen Mark gefunden.

Nach Ansicht der französischen Ermittlungsbehörden hat Silber den Stoff mit der »Sonia« an Land gebracht. Und Mitte Januar mußte auch Schiffseigner Ostman von der Leye nach Südfrankreich, um sich zum Vorwurf der Mittäterschaft zu äußern.

Begleitet von zwei Anwälten und unter Zusicherung freien Geleits, beantwortete er neun Stunden lang Fragen des Untersuchungsrichters. Dann stellte sich der Bonner -- »entspannter wirkend als seine Rechtsanwälte« -- der örtlichen Presse und gab bekannt, alle noch offenen Punkte seien nun bereinigt: »Sehe ich etwa aus wie ein Schmuggler?« Der Richter allerdings hat sich entlastende Erklärungen erst noch vorbehalten. Und bis dahin muß Ostman von der Leye gewärtigen, in dem Drogenprozeß gegen die Opel-Leute als lieschuldigter geführt zu werden. Schon lange vor dem Auftritt des Barons hatte die Sache dank Münchner Flair und viel Drogenzutat Klatschspaltenformat gewonnen. Christina von Opel war Mittelpunkt einer der ortsüblichen Cliquen St. Tropez', wo undurchsichtige Nichtstuer und windige Juniorchefs den Ton angeben, seit das einstige Schickeria-Zentrum von seinen frühen Besiedlern indigniert gemieden wird. Angeödet vermerkt »France Soir«, hier regierten nun »die Erben teutonischer Aristokraten und Textilindustrieller«.

Christina von Opel, eine Cousine von Gunter Sachs, ist gegen Kaution außer Haft. Vier der als Komplicen beschuldigten Deutschen, darunter Skipper Silber, sitzen seit Juli 1977 im Untersuchungsgefängnis von Draguignan. Um drei weitere der mutmaßlichen Hasch-Teutonen von St. Tropez kümmert sich die Bundesjustiz.

Für die Anwälte der Inhaftierten, die alle Beschuldigungen zurückweisen, liegt die Sache mehr auf der Ebene »toller Kriminalroman«, »Rufmord«, »echter Kriminaltango«. Für Frankreichs Justiz jedoch, so meint Oberstaatsanwalt Pforte von der Staatsanwaltschaft München 1, »ist das der Fall des Jahrhunderts«.

Die internationale Society-Berichterstattung ist längst eingestiegen und hat den Baron im Opel-Kränzchen gern begrüßt -- immerhin ein reicher Adelsmann, »homme d'affaires« ("l'Aurore") und bekannter Politiker zugleich.

Ostman von der Leye saß bis 1976 acht Jahre lang als SPD-Abgeordneter im Bundestag, wo er unter anderem dem Sonderausschuß für die Strafrechtsreform angehörte. Mit seinem Kampf für die Entkriminalisierung des Sexualstrafrechts gewann Ostman in Bonn Ansehen, Anspielungen auf homosexuelles Privatleben treffen ihn nicht.

Den französischen Ermittlern paßte der rheinische Baron glaubwürdig ins Milieu seines Freundes Silber, als im Herbst 1977 Belastungszeugen auftauchten. Zwei junge Engländer behaupteten, Ostman von der Leye habe ihnen Geld gezahlt, damit sie Silber, Christina von Opel und weitere Häftlinge befreiten. Seither ist der Bonner Politiker aktenkundig.

Ostman räumt ein, »so an die 10 000 Mark« berappt zu haben allerdings nur für Spesen, da die Engländer ihm von Silber, den sie in der Haft kennengelernt hätten, wichtige Nachrichten überbringen wollten. Später -- sagt Ostman -- habe es dann »größere Erpressungen« gegeben, so die Drohung, ein Dossier über Verstrickung ins Rauschgiftgeschäft zu veröffentlichen, es sei denn, er zahle 100 000 Mark.

Handfeste Indizien, die eine Mitwirkung oder auch nur Mitwisserschaft des Ostman von der Leye belegen und einen Schuldvorwurf erst begründen würden, sind nicht sichtbar. Fest steht nur, daß es auf der letzten Fahrt der »Sonia« recht sonderbar zugegangen ist.

Nach Verhaftung des Skippers dirigierte Ostman das Boot aus dem Mittelmeer. Längere Zeit blieb es in Gibraltar liegen und kam dann nur noch bis ins nordportugiesische Porto. Herbststürme in der Biskaya verhinderten die Weiterfahrt nach Deutschland, und erstmals kam nun die Polizei an Bord. Haschisch fand sich dabei aber nur spurenweise.

Daß nicht lange vorher noch einiges mehr an Bord gewesen sein könnte, wie die Franzosen meinen, klingt plausibel. Im April hatte Schiffsführer Silber in Charter von Rhodos abgelegt und war wenig später nahe dem zyprischen Larnaka auf Grund geraten. Die nächste geeignete Werft zur Reparatur des beschädigten Kielbalkens fand sich, laut Ostmans Anwalt, im Libanon. So fuhr die »Sonia« nach Dschunia, behob die Havarie und gewann bald darauf auch eine neue Chartercrew.

Anfang Mai stach das Boot wieder in See. Exakte Angaben über Kurse und Manöver bis zum Eintreffen in Palma, am 26. Mai, fehlen. Nach Feststellungen der spanischen Polizei waren die Chartergäste Jordanier. Ob das stimmt, was sonst noch an Bord war, ob die »Sonia« zwischenzeitlich gar an der Côte d"Azur war, bleibt im dunkeln. Denn Skipper Silbers Buchführung war, wie der Eigner im nachhinein rügt, »ganz miserabel«. Die Eintragungen im Logbuch der »Sonia« enden mit dem Stopp in Larnaka.

Aufs scheinbar Ungereimte hat Ostman von der Leye jedoch seinen Reim: Gleichzeitig mit seiner Jacht legte im Libanon ein zyprisches Frachtschiff ab, das wenig später im ostfriesischen Emden mit rund drei Tonnen Hasch an Bord beim Zoll aufflog. Das Schmuggelschiff war erst während der Überfahrt nach Europa auf den Namen »Sea Horse« getauft und umgemalt worden. Zum Zeitpunkt der Ladungsübernahme im Libanon aber hatte es offiziell noch »Sonia« geheißen. Daher tippt Baron Ostman auf die Machenschaften »einer internationalen Gang, die durch Benutzen meines Schiffsnamens ihre Operationen verschleiern wollte«.

Hand und Fuß hätten freilich auch ganz andere Doppelspiele um »Sonia«, etwa das Gangsterstück, gleich beide Namensschwestern zwecks gegenseitiger Abschirmung von Verdacht mit Drogen zu beladen. Tatsächlich war im Prozeß gegen den englischen Kapitän der »Sea Horse« alias »Sonia« von einer zweiten Drogensendung die Rede, die gleichzeitig den Libanon verlassen haben soll. Niemand aber wußte, wo dieser Stoff geblieben ist.

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