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NORDRHEIN-WESTFALEN Freiflüge vom Paten

Spitzengenossen sind tiefer in die Flieger-Affäre verstrickt als bisher bekannt. Fast jeden Tag waren Privat-Jets für die WestLB unterwegs - an Bord regelmäßig Politiker wie Johannes Rau, Wolfgang Clement oder sein Finanzminister Heinz Schleußer. Die Bank zahlte; deren Chef wusste schon einmal genau, wann Steuerfahnder bei ihm anrücken würden.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Auf seinen Finanzminister ließ der Düsseldorfer Regierungschef Wolfgang Clement (SPD) bislang nichts kommen. »Bevor ich Heinz Schleußer entlasse, erschieß ich mich lieber«, vertraute er noch vor zwei Wochen einem Gesprächspartner im Séparée des Kölner Hotels Maritim an.

Da kommt auf den Ministerpräsidenten eine schwierige Entscheidung zu. Denn spätestens seit Ende vergangener Woche ist auch in der Düsseldorfer Staatskanzlei klar, dass Schleußer kaum noch zu halten ist. Der Politveteran ist zu tief in die Flieger-Affäre der Westdeutschen Landesbank (WestLB) verstrickt.

Der Finanzminister hat die Unwahrheit gesagt. Er ist häufiger privat geflogen, als er bislang zugegeben hat. Nun gibt es zumindest zwei weitere Reisen, bei denen die Erholung im Vordergrund stand. So flog er nicht nur - wie bislang behauptet - mehrfach in den Urlaub nach Split und auf die Insel Brac. Ein weiterer Flug nach Split und einer nach Sylt kommen hinzu - mindestens.

Der wichtigste Mann in Clements Kabinett hat sich bei der Suche nach Ausreden nicht nur tief in Widersprüche verwickelt. Unhaltbare Dementis aus dem Hause des Finanzministers haben auch den Ex-Landesvater Johannes Rau und den WestLB-Chef Friedel Neuber in eine schiefe Lage gebracht.

Die Enthüllungen kommen denkbar ungelegen. Im Mai ist Landtagswahl, in den Umfragen liegt die CDU weit vor der Regierungs-SPD. Kohls Kassen-Affäre nützt nun dem Wahlkämpfer Clement auch nichts mehr. Er hat selbst eine.

Denn Vorgänger Rau hat sich ebenfalls Flüge von dem mächtigen Freund Neuber sponsern lassen. Alle Kabinettsgrößen sind mit den Maschinen der Düsseldorfer Flugfirma Privat-Jet-Charter (PJC) herumgeflogen, zu welchen Zwecken auch immer.

Und für Neuber, so verdichtet sich nun ein schon vor Jahren entstandener Verdacht, war solche Großzügigkeit auch lohnend. Es gibt Hinweise, dass sich einer der Vielflieger mit einer Warnung vor einer bevorstehenden Großrazzia der Steuerfahndung bedankt haben soll.

Auch Clement ahnt mittlerweile, dass etwas mit seinem Finanzchef nicht in Ordnung sein könnte. »Ich hab persönlich nichts für mich in Anspruch genommen, und wenn man persönlich ein reines Gewissen hat, dann kann man den Rest gelassen angehen.« Pause. »Mit Schleußer ist das wohl eine andere Sache.«

Was Sache war, hätte Peter Wichmann genauer erklären können. Der PJC-Chef düste die NRW-Promis über Jahrzehnte durch Europa. Doch Wichmann ist tot. Er starb 1997 an Krebs.

Wichmann hat aber etwas hinterlassen. Im ehemaligen Büro der aufgelösten Flugfirma am Düsseldorfer Airport fand sich ein Schriftstück, das der Unternehmer und Chefpilot in den letzten Tagen seines Lebens in der Berliner Charité handschriftlich verfasst hat. Es lässt zumindest Mutmaßungen über den Filz zu, der Neuber und Schleußer verbindet. Sein ständiger Fluggast und Auftraggeber, der mächtige Banker, habe eines Nachts im Herbst 1996 nach einem gemeinsamen Flug über die bevorstehende Steuerrazzia bei seiner Bank geplaudert. Neuber habe, schreibt Wichmann, sogar das Datum gewusst.

Wichmanns Hinterlassenschaft liegt dem SPIEGEL im Original vor. Und die Witwe des Flugkapitäns erklärt an Eides statt, dass ihr Mann davon erzählt habe. Auch ein Co-Pilot habe dabeigesessen und alles gehört.

Plausibel ist die Sache. Schleußer und Neuber sind seit vielen Jahren so eng miteinander befreundet, dass sie wenig Geheimnisse voreinander haben. Mindestens einmal am Tag telefonieren sie miteinander. Schleußer sitzt im Verwaltungsrat der WestLB - eigentlich, um Neuber und seinen Vorstand zu kontrollieren.

Doch wer kontrolliert in NRW eigentlich wen? Die Führungen des bevölkerungsreichsten Bundeslandes und der drittgrößten deutschen Bank sind derart miteinander verquickt, dass selbst Sozialdemokraten nicht sicher sind, ob sie von Clement oder doch von Neuber regiert werden. Der Mann mit der Kohle wird nicht zum Spaß »Pate« genannt.

Was also soll dran sein, wenn man Tisch und Jet teilt? Die WestLB, sagt Clement, »ist ja zu über 40 Prozent unser Laden«. Wenn die Regierung dann Charter-Jets einer öffentlichrechtlichen Bank benutze, sei das schließlich »kein Problem«.

Zudem sei kein Schaden entstanden, tönt die Staatskanzlei, »es handelt sich um Dienstreisen, und für die hätten die Steuerzahler aufkommen müssen. Und bei uns zahlt die WestLB«. So ist das in Neuber-Land.

Manchmal flogen Wichmanns Jets für die Düsseldorfer SPD-Connection gleich an mehreren Tagen hintereinander. Die Flüge kosteten je nach Ziel zwischen 15 000 und 60 000 Mark. Da kann man sich schon fast darauf verlassen, dass gelegentliche private Flüge nicht so auffallen.

Ein Anruf bei Neubers Sekretärin reichte schon, um Urlaubsflüge zu buchen. Das Sekretariat in der Vorstandsetage der WestLB gab die Bestellung beispielsweise aus dem Finanzministerium an die Reisestelle der Bank.

Von dort ging das Fax an die »liebe Sabine«, des Käptens spätere Frau Sabine Wichmann, die lange den Bürobetrieb auf dem Flughafen schmiss, aber damals noch Pungs mit Nachnamen hieß.

Wichmanns Witwe ärgert sich noch immer darüber, dass Schleußers Chauffeur das Gepäck gern am Sicherheitscheck vorbei direkt in die Flugzeughalle brachte - das ist nur zulässig bei Crew-Gepäck. An-

dererseits war''s ja auch ganz interessant, was so ein Mann verladen lässt.

Im Sommer 1989 schon liebte der SPD-Minister Reisen nach Jugoslawien. An einem schönen Juli-Tag - so ein Zeuge - habe er sein Klappfahrrad für die Jacht in Wichmanns Lear-Jet (Kennzeichen D-CLAN) packen lassen, und los ging''s Richtung Split. Allerdings, so berichten Begleiter, bat Schleußer, ob man nicht in Innsbruck zwischenlanden könne, er wolle einen guten Freund besuchen, der da in der Nähe zur Kur weilte: den Landesvater.

Abends in Innsbruck dann große Sause, Johannes Rau, Heinz Schleußer, ein paar Bekannte. Am nächsten Tag ging der Flug weiter in den Urlaub.

Schleußer gesteht diese Reise zu seiner Jacht ein. Allerdings sei der Flug bis Innsbruck dienstlich erforderlich gewesen. Er hatte angeblich mit dem Kurgast Rau eine wichtige Angelegenheit zu besprechen. Schleußer: »Es ging um die Eingliederung der landeseigenen Wohnungsbauförderungsanstalt in die WestLB.« Trotz der dringlichen Innsbrucker Besprechung dauerte es noch drei Jahre bis zum Vollzug.

Die Geschichte einer Flugreise, die Schleußer zusammen mit Freund Neuber ein Jahr später nach Belgrad unternahm, zeigt auf gleiche Weise, wie einfach es oberhalb einer gewissen Gehaltsklasse ist, dienstliche und private Angelegenheiten zu verquicken. Der Flug, so verteidigt sich Schleußer, habe dem Zweck gedient, in der jugoslawischen Hauptstadt eine »Repräsentanz der WestLB« zu eröffnen.

Natürlich möchte man fragen, was ein Bank-Verwaltungsrat wie Schleußer, der reine Kontrollaufgaben hat, im Außendienst zu suchen hat. Aber interessanter noch ist, warum der Dienstflug nach verrichteter Arbeit weiter nach Split ging.

Ganz einfach, sagt Schleußer: »Um Gespräche über die Einrichtung einer Vertretung der Bank in Split zu führen.«

Doch dann muss der Politiker gemerkt haben, dass diese Behauptung allzu keck ist. Auf Rückfrage räumte sein Ministerium ein: Es ging nur um »die Prüfung« eines Engagements in Kroatien und ums schöne Wetter. »Die Dienstreise war in Split beendet. Der Finanzminister hat anschließend einige Tage dort verbracht.« Vor Split dümpelt des Ministers Segeljacht, »she« heißt sie.

»She« liegt in der Marina Milna an der Westküste der Insel Brac. Von hier startet in der Saison täglich die Fähre nach Split. Mitte der neunziger Jahre, als auf dem Festland noch der Balkankrieg wütete, ließ sich Schleußer von Wichmann gleich auf die Insel Brac fliegen.

Den Privatflug vom 17. Oktober 1995 gibt Schleußer zu. Die Rechnung für den Flug über 29 743,50 Mark - inklusive »1 Kriegsversicherung 3625,-» - ging umgehend an die WestLB und wurde dort anstandslos am 24. Oktober beglichen.

Beim nächsten Mal ging das nicht mehr so problemlos. Im Oktober 1996 wollte der Neuber-Intimus wieder zu seiner Jacht nach Brac geflogen werden. Und Neubers Reisestelle hatte - »hallo Sabine« - per Fax Frau Wichmann um die nötigen Vorbereitungen gebeten.

Doch dann passierte etwas, was Schleußer bis heute Kopfzerbrechen bereiten muss. Bei Wichmanns auf dem Flughafen fiel am 7. Oktober 1996 die Steuerfahndung ein. Und während gerade die Fahnder im Privat-Jet-Büro die Akten filzen, klingelt das Telefon. Sabine Wichmann geht ran.

»Schleußer meldete sich persönlich«, erzählt sie, »er sagt, er müsse Motorteile für seine Jacht nach Brac bringen, und wie das mit der Rückerstattung der Vorsteuer sei.« Auf die verblüffende Steueranfrage des Finanzministers reagierte die liebe Sabine geistesgegenwärtig: »Am Telefon kaufe ich nichts«, bellte sie in den Hörer und legte auf, denn die Steuerfahnder hörten mit.

Schleußer, erzählt sie, habe nichts geschnallt und wieder angerufen, um persönlich seinen Ferienflug vorzubereiten.

In höchster Not will Sabine Wichmann dann von einer Telefonzelle außerhalb des Büros im Sekretariat Neubers angerufen haben: »Finden Sie das eigentlich in Ordnung, wenn sich der Schleußer von uns in Urlaub fliegen lässt, während seine Steuerfahnder bei uns das Büro filzen?«

Schleußer erinnert sich an ein Telefonat. Er habe tatsächlich nach der Vorsteuer gefragt. Nur sei es nicht um seinen Motor gegangen, sondern um »ein Segel, für einen Kumpel dort unten«.

In der Vorstandsetage der WestLB, was Wunder, habe es nach dem Anruf Schleußers große Aufregung gegeben. Ein Anwalt, in die Sache eingeschaltet, habe Frau Wichmann mitgeteilt, man habe Schleußer vergeblich gebeten, zu Hause zu bleiben. »Aber der Finanzminister besteht darauf, seine Reise anzutreten.«

Sabine Wichmann konnte schon damals nicht verstehen, dass er »unter den Augen seiner eigenen Leute Privatflüge unternimmt«. Noch am Flugzeug, behauptet die Flugbegleiterin Wichmann, habe er ihr einen Zettel mit seiner Privatadresse in die Hand gedrückt.

Sie solle, so habe er angeordnet, die Rechnung vier Wochen liegen lassen. Wenn es innerhalb dieser Frist irgendwelche Rückfragen gebe, solle sie die Rechnung schnell an ihn nach Hause schicken - wenn nicht, wie immer zur WestLB.

Am Freitag nach der Razzia, es war der 11. Oktober, hob der Finanzminister, die Motorteile im Gepäck, um 11.45 Uhr ab zu seiner Urlaubsreise nach Brac. Unten am Boden spitzte sich die Situation zur selben Zeit bedrohlich zu. Ein Düsseldorfer Amtsrichter unterschrieb einen Haftbefehl gegen Schleußers Piloten. Peter Wichmann sollte Schwarzgelder in Millionenhöhe gebunkert haben, erst in Luxemburg und dann in der Schweiz auf einem Auslandskonto der WestLB.

Wegen dieses Verdachts war auch Wichmanns Flugbüro durchsucht worden. Doch die entscheidenden Unterlagen hatten die Fahnder schon zuvor gefunden. Im September bei der Razzia in der WestLB.

Bankchef Neuber sagt, er sei nicht von Schleußer oder »von dritter Seite« über die Durchsuchungsmaßnahme informiert worden. Die meisten spannenden Unterlagen in den Vorstandsbüros waren dennoch nicht mehr aufzufinden.

Aber leider fand sich die Akte über Wichmann in der Registratur der Kreditabteilung. Denn das vermeintliche Schwarzgeld diente Neubers Bankern als Sicherheit für einen Kredit, den Wichmann zur Anschaffung eines neuen Flugzeugs bei der WestLB bekommen hatte.

Der Flug nach Brac dauerte laut Bordbuch genau 1 Stunde und 35 Minuten. Nach der Rückkehr um 16 Uhr legte sich der bereits schwerkranke Pilot ins Bett, um einige Stunden zu schlafen. Am Sonntag drauf war wieder sein Einsatz geplant - Chefbanker Neuber musste von Düsseldorf nach Frankfurt jetten.

Kurz vor 12 Uhr stellte Wichmann seinen Wagen vor der Halle 3 in Lohausen ab, wo die Privatjets geparkt sind. Neuber kam eine Stunde später. Als er und Wichmann gerade das Flugzeug besteigen wollten, griff die Staatsmacht zu - Wichmann wurde verhaftet.

Dies sei, erinnert sich seine Witwe, eine »regelrechte Inszenierung« gewesen: »Warum sind die nicht am Freitagnachmittag oder am Samstag gekommen? Warum ist er vor Neubers Augen mitgenommen worden?«

Das alles muss sich Schleußer auch gefragt haben, als er von seiner Reise zurückkam. Die Antwort liegt zumindest für denjenigen, der sich über Wichmanns hinterlassene Akten beugt, auf der Hand.

Die Herren von der Steuerfahndung sind die Einzigen, vor denen ein Machthaber wie Neuber in seinem Land Angst haben muss. Dass sein Freund Schleußer die Leute nicht im Griff hat, war ja spätestens daran zu erkennen, dass sie die WestLB gefilzt und Verfahren wegen Schwarzgeldgeschäften gegen mehrere Bankmitarbeiter eingeleitet hatten.

Nun hatten sie Peter Wichmann im Loch. Die Taktik ist aus anderen Ermittlungsverfahren in NRW gut bekannt: Wichmann sollte geröstet werden, bis er eine Aussage gegen Neuber macht.

Und er hätte was zu erzählen gehabt. Schließlich wusste Wichmann nach langjähriger Zusammenarbeit mit dem Bankchef fast alles über das System Neuber.

Sabine Wichmann, die oft genug auf den Reisen dabei war, erzählt: »Wenn Neuber abends aus war, ließ er seine Aktentasche bei mir im Hotelzimmer, damit ich sie bewache. Klar, dass mein Mann die Nummer des Zahlenschlosses gekannt hat.«

Wichmann genoss ja das Vertrauen der ganz großen Tiere. In seinem Nachlass finden sich herzliche handgeschriebene Dankesbriefe von Größen wie dem damaligen Salzgitter-Vorstand Ernst Pieper, dem Ex-VW-Chef Toni Schmücker, von Bankvorständen auch der WestLB. Familiär fast war, ein altes Foto zeigt es, das Verhältnis zum Landesvater Rau.

»Die Staatsanwaltschaft sowie Steuerfahndung möchten von Herrn Wichmann eine Zeugenaussage schon zum zweiten Mal haben. Herr Wichmann kann sich nicht vorstellen auszusagen, da die Folgen ein unbekanntes Ausmaß annehmen könnten«, heißt es in einem Entwurf, den Wichmann kurz vor seinem Tod seiner Ehefrau aufschrieb. Sie sollte diesen Wortlaut für einen Brief an Neuber verwenden. Sabine Wichmann tat das nicht. Der Text klang ihr zu sehr wie ein Erpresserbrief.

Neuber spurte auch so. Um Hilfe für den inhaftierten Piloten gebeten, ordnete er an, dass die WestLB die Kautionskosten im Rahmen einer Bankbürgschaft übernahm. Wichmann kam frei.

Der Urlauber Schleußer musste sich ebenfalls große Sorgen machen. Zwar war die Rechnungsstellung für den gerade absolvierten Brac-Flug erst mal blockiert. Was aber, wenn bei der ganzen Affäre auch seine anderen Privatflüge auffliegen würden?

Der Finanzminister tat das einzig Vernünftige: Er überwies am 29. Oktober ganz schnell und leise und - wie er später einräumte, »gemäß Absprache« mit Neuber - den Betrag, den nach Auskunft der WestLB seine Reise vor einem Jahr gekostet hatte: 29 743,50 Mark.

Den Betrag der neuerlichen Privatreise vom Oktober 1996 konnte er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kennen. Die Rechnung ruhte noch im Schreibtisch von Sabine Wichmann, ging erst später zur WestLB und wurde dann erst am 20. November von der Bank beglichen. Schleußer will, so erklärt er dem SPIEGEL, »mit denen« über einen vierwöchigen Zahlungsaufschub nie geredet haben.

Schleußers Hilflosigkeit führte dazu, dass er nun, als die Sache vor wenigen Tagen erneut hochkam, die falsche Ausrede benutzte. Er habe mit seiner Überweisung die »zwei Flüge bezahlt«, die er privat unternommen habe. Dabei ist doch der Betrag identisch mit der Flugrechnung von 1995, und die 96er Rechnung gab es nach Auskunft der Liquidatorin noch gar nicht.

Als dem Finanzminister deutlich wurde, dass ihm das niemand glauben würde, fand er etwas Neues: »Die Rechnungslegung durch das Charterflugunternehmen warf in 1995 Fragen auf. Die angesetzten Flugstunden entsprachen etwa dem Doppelten.« Diesen Fehler habe er gegenüber Neuber »moniert« und folglich mit der Bezahlung einer Rechnung den Wert von zwei Flügen beglichen.

An der Erklärung ist etwas dran - wie die meisten Vielflieger von der WestLB eigentlich wissen müssten. Peter Wichmann hat seinen größten Auftraggeber und Kumpel Friedel Neuber mit den Flugrechnungen erbarmungslos abgezockt. Nur selten einmal entsprach - das ergibt sich aus dem SPIEGEL vorliegenden Flugunterlagen - die wahre Flugzeit der abgerechneten.

Allzu dreist waren die Fälschungen. Die »Block-Time«, die Zeit vom Losrollen bis zum Stillstand der Maschine am Ziel, ist beispielsweise für Schleußers Lustreise von 1995 hin und zurück mit 3 Stunden und 49 Minuten ausgewiesen. Handschriftlich hat Wichmann nach der Rückkehr die Zeit auf 6 Stunden 37 Minuten geändert.

Beim zweiten Brac-Flug 1996 hat er dann auf die Minute genau wieder dieselbe erfundene Zeit abgerechnet: »Wenn die das einmal akzeptiert haben, akzeptieren die das auch wieder«, soll er nach Erinnerung seiner Frau gesagt haben.

Und auch dies: »Ich sterbe ja sowieso, bevor das rauskommt.«

Dass die weit überhöhten Rechnungen erst auffielen, als Schleußer sich, um seinen Kopf zu retten, darauf berief, wirft neue Fragen auf: Wie kann es sein, dass ausgerechnet eine Bank sich so plump betrügen lässt und über Jahre Millionenbeträge herausrückt?

Und: Wenn Schleußer, wie er behauptet, bereits 1995 die Höhe des Flugpreises beanstandet und Neuber informiert hat - wieso flog dann der ganze WestLB-Vorstand weiter mit Wichmann? 1995 waren es weit über 200 Flüge, 1996 nicht weniger.

Und: Warum zahlte dann die WestLB am 20. November 1996 so anstandslos die zweite, gleichfalls überhöhte Schleußer-Rechnung?

Entweder hat keiner was gemerkt, dann sagt Schleußer die Unwahrheit. Oder zumindest hat er, wie er behauptet, etwas gemerkt - und ist trotzdem weiter geflogen. Dann müsste die Staatsanwaltschaft gegen Schleußer und die übrigen Bank-Oberen ermitteln.

Das Gestrüpp, in das sich der Vielflieger Schleußer da verstrickt hat, gibt ihn nicht mehr frei. Erklärungen für die merkwürdigen Geschäfte mit der Firma Wichmanns weisen in den Bereich abenteuerlicher Spekulationen: Wenn alle gewusst haben, dass Wichmann den doppelten Preis kassiert - wer hat dann von den zu Unrecht vereinnahmten Millionen profitiert? Wirklich nur Wichmann?

Jedenfalls haben die Düsseldorfer Regierenden etwas zu verbergen: Auf die erste Anfrage der CDU-Fraktion, ob Mitglieder der Landesregierung, die nicht wie Schleußer und Clement im Verwaltungsrat der Bank sitzen oder saßen, auch mit Wichmann-Jets geflogen seien, antwortete das Finanzministerium: »Nein.«

Als die ersten Details über Rau-Flüge auf Neubers Kosten bekannt wurden, verloren die Vernebler die Nerven. Schleußers Sprecherin erklärte, nach der Rechtsauffassung des Hauses gehöre der Ministerpräsident nicht zur Landesregierung.

Prusten bei der Union.

Nächster Versuch: Jedenfalls seit 1996, so Clement laut dpa, »nutzt die Landesregierung keine von der WestLB gecharterten Jets mehr« - »wegen Unregelmäßigkeiten« der Fliegerfirma.

Ein Blick in die Passagierliste von 1996 zeigt: Rau flog mindestens fünfmal.

Mal reiste der MP mit Schleußer nach Hannover. Mal ließ er sich den Flug nach Brüssel zum Neujahrsempfang der NRW-Vertretung sponsern.

38 872,30 Mark kostete allein ein Rau-Trip am 20. Mai 1996. Erst wurde von Düsseldorf-Lohausen nach Berlin geflogen, um in Potsdam Parteifreund Manfred Stolpe zum Geburtstag zu gratulieren. Um 13.30 Uhr startete der Jet mit der Kennung D-CHEF Richtung Frankfurt, wo Rau ein Grußwort bei der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung loswerden wollte.

Im Februar desselben Jahres ließ sich Rau samt Sicherheitsleuten mit dem zweiten Learjet der Chartergesellschaft zu einer Feier anlässlich des 125. Geburtstags von Friedrich Ebert fliegen. Knapp 14 000 Mark kostete der Ausflug. Wieder zahlte die WestLB.

Raus Nachfolger Clement, der nach Angaben seines Sprechers »gar nicht gern fliegt«, hat es in seiner Zeit als Wirtschaftsminister mindestens viermal auf sich genommen, mit einem Privatflieger zu verreisen. Davon allein drei Flüge im September 1996. Seine Reise zur Verkehrsministerkonferenz nach Rostock am 19. und 20. September, die von der WestLB bezahlt wurde, kostete 61 996,60 Mark, weil die Maschine über Nacht zurückflog mit einem Zwischenstopp in Köln - Clements Heimatflughafen.

Besonders häufig konnte Kapitän Wichmann Minister Schleußer an Bord begrüßen. Ein bescheidener Gast, der sich meist mit Keksen zufrieden gab. Viermal startete der Minister allein im Mai vor drei Jahren gen Stuttgart. Dort nahm er an mindestens zwei Tagen an Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst teil. Eine der Reisen kostete über 25 000 Mark. Dabei fliegt die Lufthansa mehrmals täglich von Düsseldorf nach Stuttgart, Kosten in der Business-Class: 813 Mark - Kekse gibt''s auch.

Mehrfach ließ sich Schleußer zudem nach Brüssel fliegen, was je nach Dauer und Flugzeuggröße bis zu 20 000 Mark gekostet hat. Dabei ist Brüssel ganz bequem per Sabena zu erreichen (768 Mark in der Business-Class).

Die Düsseldorfer Dementis werden immer dünner. In allen Fällen, in denen die Landesregierung von der WestLB gecharterte Maschinen für dienstliche Zwecke genutzt habe, seien die Kosten mit den Gewinnausschüttungen der Bank verrechnet worden. Andererseits: Zwei Clement-Flüge seien wohl eher doch aus der Staatskasse bezahlt worden.

»Quatsch, alles Quatsch«, lässt Bundespräsident Rau verlauten, natürlich sei er nie mit Wichmann privat geflogen. Frau Wichmann allerdings will sich erinnern, wie ihr Mann den MP bei allerschlechtestem Wetter an die Nordseeküste geflogen habe - damit der die Fähre zu seinem Ferienhaus auf Spiekeroog erreiche.

Einmal sei sie dabei gewesen, erinnert sich Sabine Wichmann, wie zwei Herren in Gummistiefeln und mit Angelzeug im Gepäck in den Learjet ihres Mannes gestiegen seien: Schleußer und der inzwischen verstorbene SPD-Politiker Klaus Matthiesen auf dem Weg zum Angeln nach Sylt.

Quatsch, alles Quatsch?

Schleußer bestätigt den Flug nach Sylt, an dem auch noch die Ministerkollegen Heinemann und Schwier teilgenommen hätten. Allerdings habe keiner geangelt. Ziel sei ein Besuch der schleswigholsteinischen Landesregierung gewesen. Na ja: »Nicht auf Sylt, sondern von Sylt aus.« Die Hauptstadt Kiel aber liegt an der Ostsee, Sylt in der Nordsee.

Peter Wichmann starb am 1. Oktober 1997. »Raus Pilot ist tot«, hieß es damals im »Express«. In Wichmanns Computer fand Witwe Sabine einen letzten Text ihres Mannes. »Wenn ich tot bin, musst du die ganze Sauerei dem SPIEGEL erzählen.«

Das hat sie getan.

GEORG BÖNISCH, THOMAS DARNSTÄDT,

BARBARA SCHMID, ANDREA STUPPE

* Mit dem damaligen NRW-Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen(2. v. l.) und Flugpersonal.

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