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Freiheit à la Taiwan

Von Tiziano Terzani
aus DER SPIEGEL 37/1977

Taipeh, August 1977: Zu Beginn jeder Vorstellung informieren die Kinos und Theater das Publikum, wie es bei einem Luftangriff am schnellsten die Unterstände erreichen kann.

Nachts patrouillieren Soldaten in voller Kampfausrüstung mit schußbereitern Gewehr rund um die Regierungsgebäude, um Rundfunk- und Fernsehanstalten. Überall in der Hauptstadt suchen die Bedienungsmannschaften schwerer Flugabwehr-Batterien, in getarnten Betonbunkern verschanzt, den leeren Himmel nach feindlichen Flugzeugen ab.

Ausnahmezustand? Ja, doch der währt schon fast 30 Jahre, so daß niemand ihn mehr groß beachtet.

»Die Belagerungs-Atmosphäre ist ganz einfach Teil der Regierungs-Show, die auf diese Weise das Kriegsrecht motivieren und die Leute in Schach halten will«, sagt ein hier ansässiger Geschäftsmann aus dem Westen.

Widerspruch zwischen Politik und Wirklichkeit, zwischen erklärten Grundsätzen und der Praxis ist in Taiwan überall zu spüren. Die Menschen haben gelernt, damit zu leben.

Tanzen ist verboten, weil es »die Jusend korrumpiert«. Die Prostitution jedoch blüht, weil sie Touristen und Geld ins Land bringt.

Wer Beziehungen zum sogenannten Festland unterhält oder von dort Waren einführt, begeht ein Kapitalverbrechen. Dennoch sind die meisten Blue jeans, die die einheimische Textilindustrie herstellt, aus chinesischem Material gefertigt, das über Hongkong eingeführt wird.

Seit 1949, als die restlichen eineinhalb Millionen Soldaten der geschlagenen Kuomintang-Armeen des Generalissimus Tschiang Kai-schek das Festland verließen und hier Zuflucht suchten, nennt sich die Insel Taiwan »Republik China«. Seither auch behauptet die Regierung, der einzige legale Repräsentant der 800 Millionen Chinesen zu sein -- als sei der Bürgerkrieg nie durch einen Sieg der Kommunisten beendet worden.

Hier schreibt jeder Peking noch als »Peiping«, wie die Stadt bis Maos Sieg 1949 hieß. Hier nennen die Zeitungen Teng Hsiao-ping und Hua Kuo-feng nach wie vor »Banditen«.

Und die Kinder wird schon in jungen Jahren gelehrt, daß es ihre heilige Pflicht sei, für die Rückgewinnung des Festlandes zu kämpfen. Als Sicherheit, daß ihnen dies eines Tages gelingt, wurde die Leiche des Gimo (so der populäre Name für Tschiang Kai-schek). der vor zwei Jahren starb, nur »vorübergehend« bei Taipeh bestattet -- bis zur endgültigen Überführung in die ehemalige republikanische Hauptstadt Nanking.

Die Wiedervereinigung mit Festland-China ist die Obsession dieses Staates. Kein öffentlicher Redner läßt das Ziel unerwähnt, in den Schulen werden spezielle Lektionen darüber gehalten, Parolen an den Straßen und Meldungen im Fernsehen erinnern unablässig daran.

Die meisten Menschen aber haben inzwischen nicht nur erkannt, daß sich dieser Traum nie erfüllen wird, sie hoffen es sogar. Denn die einzige denkbare Form der Wiedervereinigung wäre die unter kommunistischer Herrschaft.

Selbst Regierungsbeamte geben in privaten Gesprächen heute zu, daß die Wiedervereinigung »im Rahmen der chinesischen Geschichte, in Dimensionen von Generationen zu sehen ist«.

Überdies stammen nur 15 Prozent der 16 Millionen Menschen, die heute auf Taiwan leben, aus Festland-China oder sind Kinder von Festland-Chinesen. Die Bevölkerungsmehrheit besteht aus Taiwanesen, die seit Generationen auf dieser Insel lehen -- einer Insel, die immer als Teil des chinesischen Reichs betrachtet, in verschiedenen Perioden ihrer Geschichte aber von ausländischen Mächten besetzt wurde: zum Beispiel von Japanern und heute, wie etliche Leute sagen, von den Chinesen.

»Sie wollen auf das Festland zurückkehren, weil sie dort hingehören«, sagt ein taiwanesischer Geschäftsmann in Taipeh, »doch ich bin hier zu Hause und brauche nicht auf das Festland zurückzukehren.«

»Dies ist ein Bollwerk der Freiheit, des Antikommunismus und der Prosperität«, verkündet ein riesiges Plakat außerhalb des Flughafens von Taipeh dem ankommenden Besucher.

Es ist natürlich eine Freiheit à la Taiwan. Der Ausnahmezustand gibt den Sicherheitsbehörden fast absolute Macht. In den fünfziger und sechziger Jahren fanden Hinrichtungen wegen politischer Delikte statt, heute werden vorwiegend gewöhnliche Kriminelle hingerichtet -- über ein Dutzend im vergangenen Jahr.

Verhaftet und verhört wird -- oft unter Folter -- schon aufgrund simpler Verdächtigungen. So wurde im vergangenen Jahr die Tochter eines Abgeordneten festgenommen, weil sie während ihres Japan-Aufenthalts als Studentin China besucht hatte. Einer anderen Studentin, die das Angebot, Peking zu besuchen, zwar abgelehnt, nicht aber gemeldet hatte, erging es ebenso.

Lange Haftstrafen sollen Oppositionelle im Zaum halten. So erhielt im vergangenen Jahr der stellvertretende Chefredakteur der gemäßigt oppositionellen »Taiwan Political Review« -- die schon nach Erscheinen ihrer fünften Ausgabe verboten wurde -- wegen »aufrührerischer Aktivitäten« zehn Jahre Gefängnis.

Ist die Freiheit in diesem Bollwerk mithin fragwürdig, sein Wohlstand und sein Antikommunismus florieren.

Aus der taiwanesischen Agrargesellschaft, die vom Krieg schwer angeschlagen war, hat sich ein moderner Industriestaat entwickelt -- mit einem Pro-Kopf-Einkommen, das in Asien gleich hinter dem Japans steht (im vergangenen Jahr 809 Dollar), und mit nur etwa zehn Prozent Analphabeten.

Im Gegensatz zu seinem Vater, den nicht Taiwan, sondern Festland-China interessierte, hält Gimo-Sohn Tschiang Tsching-kuo, 67, der an der Spitze der Regierung steht, die Wirtschaft für die beste Waffe im Kampf um Taiwans Überleben. Er möchte, daß seine Landsleute auf Taiwan und nicht im Ausland investieren.

Tschiang ist dennoch beliebt auf Taiwan. Selbst wenn freie Wahlen stattfänden -- was nicht der Fall ist -, würde er nach Meinung ausländischer Beobachter klar gewinnen.

Obwohl wirtschaftlich gesund und politisch stabil, gerät sein Land doch immer mehr in die Isolation, ist es auf der internationalen Bühne inzwischen zu einer Art Unperson geworden.

Zugunsten Pekings 1971 aus der Uno vertrieben, hat es eine diplomatische Verbindung nach der anderen eingebüßt. Heute unterhalten neben den Vereinigten Staaten nur noch 22 Länder offizielle Vertretungen in Taipeh, Staaten wie Saudi-Arabien, Südkorea, Südafrika und der Vatikan.

»Weltpolitisch gesehen«, so ein auf Taiwan lehrender europäischer Politik-Wissenschaftler, »ist Taiwan gar nicht präsent, sondern nur ein Problem": cm Problem für China, das seine Souveränitätsansprüche auf Taiwan angemeldet hat; ein Problem für die Vereinigten Staaten, die die Existenz Taiwans überhaupt erst ermöglichten und jetzt eine Formel finden müssen, »um es fallenzulassen, ohne es zu zerbrechen«; ein Problem für alle anderen Staaten, die ihre diplomatischen Beziehungen zu Taipeh zwar abgebrochen, aber diskrete Möglichkeiten gefunden haben, weiterhin mit ihm Geschäfte zu machen.

England und Japan etwa wickeln ihren Warenverkehr über spezielle Handelsvereinigungen ab, während Australien sich eines »freien China-Komitees« als Strohmann bedient und Spanien eine »Cervantes-Gesellschaft« unterhält.

Wird das aber so weitergehen, wenn Washington volle diplomatische Beziehungen zu Peking aufgenommen hat?

Die Bedingungen der Volksrepublik China für eine »Normalisierung« sind klar: Nichtanerkennung Taiwans, Abzug aller amerikanischen Truppen von der Insel, Aufhebung des beiderseitigen Verteidigungspakts.

Washington scheint bereit zu sein, alle diese Bedingungen zu akzeptieren. Tschiang Tsching-kuo hat die Vereinigten Staaten schon zweimal vor einem solchen Entgegenkommen gegenüber Peking »gewarnt«, die Zeitungen Taiwans sprechen bereits von »amerikanischem Verrat«. Doch selbst hohe Beamte haben längst akzeptiert, daß es zwangsläufig so kommen wird. Sie scheinen nicht einmal sonderlich beunruhigt darüber.

Vor dem amerikanischen Konsulat ist die Schlange derer, die ein Ausreisevisum in die USA beantragen, nicht größer als sonst. Selbst der Schwarzmarkt-Kurs des US-Dollars stieg nicht um einen Cent.

Seit der China-Reise Nixons rechnet die Bevölkerung Taiwans mit dem »Verrat«. Einwohner Taipehs weisen lachend darauf hin, daß das alte Gebäude der US-Botschaft schon lange keinen neuen Anstrich mehr erhalten hat -- Indiz dafür, daß die Amerikaner die Insel tatsächlich verlassen wollen.

Doch selbst wenn Taiwan den amerikanischen Schutz verliert, wäre jeder Versuch Pekings, die Herrschaft über Taiwan gewaltsam zurückzugewinnen, ein äußerst kostspieliges Unterfangen angesichts der militärischen Stärke der Insel -- einer Armee, bestehend aus einer halben Million hervorragend ausgebildeter Soldaten, die sogar in Israel hergestellte »Gabriel«-Raketen haben.

Peking könnte versuchen, seine große U-Boot-Flotte (nach westlichen Schätzungen 55 Einheiten) einzusetzen, um eine Blockade über die Insel zu verhängen und sie wirtschaftlich zu strangulieren. Wahrscheinlicher aber ist, daß Peking Taiwan als Wirtschaftszentrum erhalten möchte.

So dürfte denn der Abzug der Amerikaner auf Taiwan kaum etwas ändern. »Warum auch? Selbst wenn wir abziehen, bleiben doch die amerikanischen Firmen. Sie werden so lange bleiben, wie Geld zu verdienen ist. Das allein zählt«, sagt ein US-Diplomat.

»Taiwan«, so spekuliert ein europäischer Geschäftsmann, »wird es wie Hongkong ergehen. Alle sind sich einig, daß es chinesisches Territorium ist, aber von den Briten regiert wird. Niemand weiß, wie lange noch. Inzwischen aber floriert es.«

Während Taiwan sich rüstet, den bevorstehenden »Carter-Schock« aufzufangen, bereiten sich einige Leute in hohen Positionen für einen fluchtartigen Exodus vor -- in die Vereinigten Staaten oder nach Kanada.

»Ein Sohn oder eine Tochter, die zum Studium nach USA geschickt werden, sind eine ideale Auslandsbasis«, sagt ein junger Taiwanese. Hat ein Angehöriger im Ausland erst einmal die Staatsbürgerschaft erworben, läßt er die anderen nachkommen. Doch nur Regierungsbeamte können ihre Kinder ins Ausland schicken und so eine neue Staatsbürgerschaft erwerben.

Im letzten Jahr wurde bekannt, daß der neuernannte Direktor der taiwanesischen Nationalbibliothek amerikanischer Staatsbürger ist. Vor zwei Monaten kündigte die Regierung eine Untersuchung an, die feststellen soll, wie viele Regierungsbeamte bereits zwei Nationalitäten besitzen.

Einige Tage lang waren die Zeitungen voll davon, dann aber wurde das Thema fallengelassen. Das Ergebnis war wohl zu peinlich.

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