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Pakistan »Freispruch oder Galgen«

aus DER SPIEGEL 14/1995

SPIEGEL: Salamat und Rehmat, Sie wurden wegen angeblicher Verunglimpfung des Propheten Mohammed zum Tode verurteilt, in zweiter Instanz jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Dennoch sind Sie geflohen und in Deutschland untergetaucht. Hat der Freispruch Sie nicht frei gemacht?

Rehmat: Nach der Aufhebung des Todesurteils forderten fanatische Moslems, man solle die Richter aufknüpfen und alle töten, die uns verteidigen oder schützen. Ein Parlamentsabgeordneter hat vor der Nationalversammlung zur Ermordung unserer Anwältin aufgerufen und das Töten von Gotteslästerern zur heiligen Pflicht aller gottesfürchtigen Moslems erklärt. Diese Fanatiker werden die erste Gelegenheit nutzen, uns umzubringen.

Salamat: Ich liebe Pakistan. Pakistan ist meine Heimat. Aber seit sie meinen Onkel - er war mit uns angeklagt - auf offener Straße erschossen haben, weiß ich, daß sie auch uns jederzeit töten können. Er wurde von zwölf Kugeln getroffen; sechs Kugeln durchschlugen meine Hand, und Rehmat bekam fünf Bauchschüsse ab.

Rehmat: Die Mörder fuhren Motorräder. Wir können sie identifizieren. Einer von ihnen stammt aus meinem Dorf; er arbeitet dort als Mechaniker. Doch obwohl es noch andere Augenzeugen gibt, wurde er gegen Kaution freigelassen. Wie können wir uns da sicher fühlen in Pakistan?

SPIEGEL: Ein Zusammenschluß von 33 islamischen Parteien und Gruppierungen fordert von der pakistanischen Regierung, Ihre Auslieferung zu betreiben und ein neues Verfahren gegen Sie zu eröffnen. Der Führer der Fundamentalistenpartei Jamiat-Ulema-e Pakistan hat angedroht, Sie weltweit verfolgen zu lassen. Fühlen Sie sich dennoch in Deutschland geschützt?

Rehmat: Der Schriftsteller Salman Rushdie lebt schließlich auch noch, trotz der Todesdrohungen mächtiger iranischer Ajatollahs.

SPIEGEL: Das Berufungsverfahren wurde ungewöhnlich zügig durchgeführt. Fundamentalisten unterstellen der Regierungschefin Benazir Bhutto, sie habe wegen des Aufsehens, das der Fall weltweit erregte, die Richter unter Druck gesetzt.

Rehmat: Nein, die Mullahs haben die Richter im ersten Verfahren unter Druck gesetzt. Obwohl es keinerlei Beweise gegen uns gab und die angeblichen Augenzeugen widersprüchliche Aussagen machten, wurden wir zunächst zum Tode verurteilt. Selbst der Staatsanwalt fühlte sich derart bedroht, daß er das Verfahren weiter betrieb, obwohl die Kläger zweimal versuchten, ihre Anzeige zurückzuziehen.

SPIEGEL: Der Anwalt des Klägers konnte einen Brief von Salamats Vater präsentieren, der Sie, Rehmat, schwer belastete. Danach haben Sie Salamat angeblich aufgehetzt, prophetenfeindliche Pamphlete _(* Bei der Verkündung des Todesurteils ) _(und im deutschen Exil. ) in der Dorfmoschee auszulegen. Sie sollen ihn dafür sogar bezahlt haben.

Rehmat: Ich habe Salamat erst im Gefängnis kennengelernt. Wir kommen nicht aus demselben Dorf. Wir sind auch nicht verwandt. Das Ganze ist ein Racheakt.

SPIEGEL: Hätte denn jemand Grund gehabt, sich an Ihnen zu rächen?

Rehmat: Ich gehörte der christlichen Minderheit in meinem Dorf an. Und weil ich für die dörflichen Verhältnisse einigermaßen gut gestellt war - ich besaß 25 Morgen Land, einen Traktor, ein Motorrad und ein geräumiges Haus -, hatten die Christen mich zu ihrem Sprecher ernannt. Vor ungefähr zwei Jahren haben wir mit einer Unterschriftensammlung die Versetzung des Dorflehrers gefordert, weil er die Kinder von Christenfamilien nicht am Unterricht teilnehmen ließ. Wenig später habe ich der Kirche einen Lautsprecher gestiftet. Warum sollte unser Gotteshaus nicht auch, wie die Moschee, einen Lautsprecher haben, über den der Priester zum Gebet rufen kann?

SPIEGEL: Können Moslems einen christlichen Lautsprecher als Provokation empfinden?

Rehmat: Lautsprecher sind Teil unseres Alltags, niemand hatte zunächst etwas dagegen. Erst nachdem der Lehrer Beschwerde eingelegt hatte, gab es Proteste, und wir mußten den Lautsprecher entfernen. Kurze Zeit später machten die Mullahs der umliegenden Dörfer mit ihren Lautsprechern Front gegen mich. Ich wurde öffentlich der Blasphemie bezichtigt. Ich hatte damals keine Ahnung, was das bedeutete und welche Konsequenzen ein solcher Vorwurf haben könnte. Seither sind sämtliche Moslems Pakistans gegen mich.

SPIEGEL: Salamat, in deinem Fall sollen Tauben den Unfrieden gesät haben, der zu deiner Verhaftung führte.

Salamat: Ich hatte eine Prügelei mit einem Freund, weil der zwei Tauben, die mir entflogen waren, nicht mehr herausrücken wollte. Zwei Tage später holten Polizisten mich und meinen Onkel zu Hause ab. Ich habe einmal 35 Tauben gehalten. Doch seither kann ich ihren Anblick nicht mehr ertragen.

SPIEGEL: Die Blasphemiegesetze wurden bisher von keiner Regierung Pakistans angefochten. General Zia-ul Haq hatte sie in den achtziger Jahren eingeführt, um mit Hilfe der Mullahs seine Macht zu festigen. Benazir Bhutto hat bisher ihr Wahlversprechen nicht eingelöst, diskriminierende Gesetze wie die Blasphemiebestimmungen zu revidieren.

Rehmat: Trotzdem würde ich mein Leben für Benazir geben, und ich bete zu Gott, daß sie Pakistan noch lange als Regierungschefin erhalten bleibt. Unter ihrem Vorgänger Nawaz Sharif wäre ich vermutlich am Galgen geendet. Ich wäre niemals gegen Kaution aus der Haft entlassen worden.

SPIEGEL: Bhuttos Regierung kann Sie dennoch nicht vor der Selbstjustiz radikaler Moslems schützen. Der Vater von Salamats ermordetem Onkel forderte alle Christen auf, das Land zu verlassen. Andere plädieren für die Gründung eines eigenen Christenstaats »Takistan«. Ist ein friedliches Zusammenleben zwischen Moslems und andersgläubigen Minderheiten nicht länger möglich?

Rehmat: Hunderte von Moslems haben uns während des Verfahrens unterstützt; sie haben den Mullahs offen widersprochen. Doch die Menschen in Dörfern wie dem meinen sind ohne Schulbildung. Sie verstehen den Islam oder das Christentum nicht und glauben das, was die Kleriker ihnen erzählen. Wir Christen sind nicht die einzigen, die unter Verfolgung und Diskriminierung leiden.

SPIEGEL: Hat die Aufhebung des Todesurteils das Selbstbewußtsein von Christen und anderen Minderheiten gestärkt?

Rehmat: Ich denke ja. Bevor wir freigesprochen wurden, fühlten sich viele akut bedroht.

SPIEGEL: Als das Todesurteil verkündet wurde, wirkten Sie beide sehr gefaßt. Haben Sie schon damals damit gerechnet, daß es nicht vollzogen würde?

Rehmat: Ich wußte, es gab nur zwei mögliche Entscheidungen - Freispruch oder Galgen. Ich war darauf vorbereitet, daß das Urteil gegen uns ausfallen könnte. Ich hatte deshalb meine Schlüssel und das Geld, das ich noch besaß, in eine Tüte gepackt, die ich meinem Anwalt mit der Bitte überreichte, sie an meine Familie weiterzugeben. Aber natürlich hoffte ich, daß ich in einem Berufungsverfahren freigesprochen würde.

Salamat: Ich hatte Tausende von Briefen aus der ganzen Welt erhalten. Ich wußte, all diese Menschen unterstützten mich. Ich konnte nicht verstehen, wieso man mich trotzdem hängen wollte. Ich hatte auch niemals einen Galgen gesehen, bevor der Gefängnisaufseher ihn mir zeigte. Irgendwie wurde ich dabei das Gefühl nicht los, daß ich selbst mit dem Ganzen nichts zu tun hatte.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, nach Pakistan zurückzukehren?

Salamat: Ich möchte endlich lesen und schreiben lernen. Wenn sich der ganze Sturm gelegt hat, werde ich vielleicht meine Familie besuchen können.

Rehmat: Solange die Blasphemiegesetze nicht abgeschafft sind, werde ich nicht zurückgehen. Y

* Bei der Verkündung des Todesurteils und im deutschen Exil.

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