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Artikel 74 / 78

Briefe

FREIWILLIGE HILFE
aus DER SPIEGEL 20/1969

FREIWILLIGE HILFE

(Nr. 17/1969, Contergan-Verband)

So also wurden die Contergan-Spenden »ausgegeben«... es verschlägt einem die Stimme ... 3000 Mark Monatsgehälter ... Mein Gott -- wir hielten die Mitarbeiter fast alle für ehrenamtliche Helfer! Alle Spender, alle Geldsammler mit großer oder kleiner Börse fühlen sich nun brüskiert und vermutlich für immer mißtrauisch.

Düsseldorf GERT ANDERSON

Über die Handhabung der einzelnen Verbände in einer so tragischen Sache bin ich sehr empört. Könnten Sie mir vielleicht eine Stelle nennen, an die Spenden überwiesen werden können, wobei aber sicher ist, daß diese Mittel nicht zweckentfremdet verwendet werden*. Vielleicht ist es auch möglich, einen Spendenbetrag direkt an eine geschädigte, wirklich hilfsbedürftige Familie zu überweisen.

Göppingen (Bad.-Württ.) SIEGFRIED FRANK

Für den offenen und sehr detaillierten Artikel zu dem Fall »Contergan-Verband« möchte ich Ihnen meinen Dank aussprechen.

Bonn KURT KIELWEIN

Was sich Staat, Gesellschaft und die Contergan-Verbände in bezug auf die Förderung und Unterstützung der Contergan-Kinder bis jetzt geleistet haben, ist erschütternd. Dafür haben also die Spender ihr Geld gegeben. Wo ist der Staatsanwalt, der diesen Herren endlich das Handwerk legt?

Schweinfurt (Bayern) RICHARD SCHMIDT

* Spenden können überwiesen werden an die Orthopädischen Universitäts-Kliniken in Heidelberg, Hamburg oder München.

Die Contergan-Affäre zeigt, wie viele andere Beispiele auch, wie unfähig die Bonner Regierung doch ist, derartige Geschehnisse überhaupt zu verhindern, oder, wenn auf Grund ihrer mangelnden Gesetzgebung in puncto Arzneimittelschutz derartige Fälle doch auftreten, durch finanzielle Hilfe so gut wie möglich zu lindern.

Ahrensburg (Schl.-Holst.)

REINHARD WOLTER

Sie schreiben hauptsächlich in bezug auf die deutsche Arzneimittelkontrolle: »Obwohl die USA von der Contergan-Tragödie weitgehend verschont blieben, wurden ... aus der Tragödie kaum Konsequenzen gezogen.« Wenn es möglich wäre, vollkommene Arzneimittel herzustellen, was wollten dann wohl die Ärzte machen (ausgenommen die Diagnostiker)?

Im Gegensatz zu den erwähnten Zitaten schrieb am 2. September 1968 »Life« in dem Artikel »The Thalidomide-Generation« In Germany, solutions that America missed.« ("Deutschland, Lösungen, die Amerika verpaßt hat«.) Darin wurde vorwiegend die Orthopädische Universitätsklinik in Heidelberg erwähnt, die in Ihrem Bericht nicht erwähnt wird. Außerdem sagt in diesem Bericht Karl-Hermann Schulte-Hillen: »Die verschuldeten Staats- und Bundesregierungen haben uns Millionen gegeben.«

Wie sich doch die (Krankheits-)Bilder (in der Presse) gleichen! Nicht genug, daß Eltern solche Kinder bekamen, nein -- jetzt werden die Thalidomid-Kinder noch mit ihren Eltern gestraft.

Gammertingen (Bad.-Württ.) HANS OSSYRA

Der Bericht über den Streit im Contergan-Verband könnte bei manchen Lesern den Eindruck erwecken, daß die Beanstandungen, die gegen die Geschäftsführung dieses Verbandes hin -- sichtlich der Verwendung der Spendengelder vorgebracht werden, auch für die Stiftung Delphin gelten. Im Namen des Vorstandes der Stiftung Delphin darf ich dazu feststellen: 1. Die vom Bundesverband der Eltern körpergeschädigter Kinder e. V. --Contergankinder-Hilfswerk -- errichtete Stiftung Delphin bezweckt in erster Linie, aber nicht ausschließlich, die Unterstützung thalidomidgeschädigter Kinder, die infolge ihrer körperlichen und geistigen Beschaffenheit auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Die Stiftung Delphin ist kein Finanzierungsinstitut für den Contergan-Verband, sondern eine selbständige und unabhängige Stiftung. Zuwendungen aus Mitteln der Stiftung erfolgen auf Antrag für Einzelvorhaben, Von den Zuwendungsempfängern wird eine ordnungsgemäße Abrechnung mit Belegen gefordert.

2. Von den der Stiftung in den Jahren 1967/68 zugeflossenen Spenden von annähernd 500 000 Mark sind Mittel für dem Stiftungszweck entsprechende Vorhaben in Höhe von 330 000 Mark zur Verfügung gestellt worden. Damit konnten die Konstruktion und Anschaffung von Schulbussen, Gymnastikgeräten, Spezialfahrrädern. Spezialmöbel, Spezialkieldung, Lehr- und Lernmittel wie Lichtschreiber und pneumatische Schreibmaschinen, Lehrschwimmbecken. Sonderschuleinrichtungen, Ferienerholung und anderes mehr gefördert und finanziert werden.

3. Die Stiftung wird von einem Vorstand verwaltet, der ehrenamtlich tätig ist und auch keine Aufwandsentschädigung erhält, sondern lediglich Anspruch auf Ersatz seiner huren Auslagen hat. Daher fallen Verwaltungskosten nur für gelegentliche Vorstandssitzungen, die Unterhaltung einer Geschäftsstelle mit einem Angestellten, den notwendigen Telephonverkehr und den für Dankschreiben und Spendenbescheinigungen sowie Anfragen und Antragsbescheide nicht unbeträchtlichen Schriftverkehr an.

4. Die Stiftung Delphin untersteht als gemeinnützige Stiftung der Rechtsaufsicht der Senatskanzlei der Freien und Hansestadt Hamburg als Stiftungsaufsichtsbehörde. Beanstandungen über die Geschäftsführung und die Verwendung des Spendenaufkommens sind bisher von seiten der Stiftungsaufsicht nicht erfolgt.

5. Es kann keine Rede davon sein, daß das Vorstandsmitglied Helmut Hering die Stiftung Delphin »im Interesse seiner privaten Ambitionen« steuert, wie nach dein Bericht über den Contergan-Verband von anderer Seite unterstellt wird. Herr Hering ist nur ein Vorstandsmitglied unter vieren. Beschlüsse des Vorstandes werden bei Anwesenheit von mindestens drei Vorstandsmitgliedern mit Mehrheit gefaßt. Im übrigen übt Herr Hering bis zur Klärung der gegen ihn von anderer Seite erhobenen Anschuldigungen seine Tätigkeit im Vorstand der Stiftung Delphin nicht aus. Die Stiftung ist von dem Streit im Contergan-Verband -- abgesehen von den abträglichen Nebenwirkungen in der Öffentlichkeit nur insoweit betroffen, als sie der Rautenberg-Stiftung auf Antrag st) Otto Mark zweckgebunden für Renovierungsarbeiten an den Kureinrichtungen der Rautenberg-Stiftung in Bad Höhenstadt zur Verfügung gestellt hat. Da die vom Freistaat Bayern genehmigte und beaufsichtigte Bautenberg-Stiftung gemäß ihrer Satzung der Errichtung und dem Betrieb eines Kurzentrums für körpergeschädigte Kinder dient, betrachtet der Vorstand der Stiftung Delphin dieses als ein dem Stiftungszweck entsprechendes Vorhaben. Es wird dafür Sorge getragen werden, daß die Zuwendung ihrer Zweckentsprechung abgesichert wird. Notfalls bleibt der Stiftung das in der Satzung verankerte Recht auf Widerruf der Zahlung.

Bad Godesberg HERBERT SCHLÖMANN

Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung Delphin

Ihr Bericht macht uns in zweifacher Hinsicht Sorge.

1. Dürfte die Öffentlichkeit nun nur zu leicht geneigt sein, alle Elternverbände in einen Topf zu werfen, obwohl das alles nur auf einen, einen der kleinsten, zutrifft.

2. Wird durch diesen Bericht erneut die Gefahr verstärkt, statt der Probleme aller körperbehinderter Kinder und Jugendlicher wieder nur die der Contergan-Kinder zu sehen, obwohl deren Anteil weniger als fünf Prozent beträgt.

Sie sprechen von einer Lex Contergan. Dagegen wenden wir uns entschieden. Wir meinen, daß jeder Behinderte entsprechend der Schwere seines Leidens unterstützt werden muß und nicht kategorisiert nach vermuteten Schadensursachen. Die notwendigen Vorschläge zur Verbesserung des Bundessozialhilfegesetzes haben wir, nicht der Contergan-Verband, gemacht.

Vorhaben anderer Elternverbände werden von dort ja nach wie vor gefördert. (Ob ausreichend, sei hier nicht diskutiert.) Sie unterliegen damit einer Kontrolle, die die geschilderten Mißstände ausschließt. Auch mit anderen Verbänden arbeiten wir zunehmend besser zusammen, und selbst Fachleute erkennen unsere Arbeit, die von Laien also, an und unterstützten sie.

Es bleibt nur zu hoffen, daß wenigstens die Kinder nicht Schaden leiden unter Dingen, mit denen ihre Väter nicht zurechtkamen.

Augsburg H. KRAIS*

Das Fazit für jeden unbeteiligten Leser muß der Eindruck sein, daß die Arbeit der Eltern unter dem Zeichen einer Konzeptlosigkeit, eines finanziellen Chaos und der Verschwendung von Spendengeldern bis zu meinem Ausscheiden als erster Vorsitzender des Bundesverbandes im Jahre 1967 gestanden habe. Diesem Eindruck muß schon im Hinblick auf die wertvolle Arbeit in den über vierzig örtlichen

* Vorsitzender des Verbands Deutscher Vereine zur Förderung und Betreuung spastisch gelähmter Kinder e. V.

Elternverbänden entgegentreten werden.

Irgendwelche finanziellen Unregelmäßigkeiten sind bis zu meinem Ausscheiden im Jahre 1967 nicht aufgetreten. Über sämtliche Einnahmen und Ausgaben ist dem zuständigen Finanzamt gegenüber ohne Beanstandung Rechnung gelegt worden. Über die in Zusammenarbeit mit dem Grünen Kreuz, im Jahre 1962 gesammelten und im Herbst 1963 und Frühjahr 1965 auf uns übergeleiteten Gelder wurde sowohl dem Finanzamt als auch gegenüber der Arbeits- und Sozialbehörde Hamburg Rechnung gelegt. Bei dieser und bei der im November 1965 durch das Gesundheitsministerium durch zwei seiner Beamten bei der Vermögensverwaltung in Hamburg durchgeführten Überprüfung unserer Kassen und Buchführung ist keine Beanstandung erfolgt.

Vom Verband war eine für den Laien nicht lesbare, jedoch vorn Finanzamt anerkannte und weder vom Ministerium noch von der Arbeits- und Sozialbehörde beanstandete Maschinenbuchführung mit Kennziffersystem eingerichtet worden. Diese ist dann von den Kassenprüfern. nachdem die Buchführung rückwirkend bereits auf eine einfache Spaltenbuchführung umgestellt worden war, zunächst als undurchsichtig beanstandet worden.

Eine Entlastung ist nie verweigert worden, sondern wurde auf meinen Antrag hin bis zur abschließenden Überprüfung der Bücher durch Verbandsmitglieder bis Januar 1968 zurückgestellt. Nachdem die in dem von Ihnen zitierten Zwischenbericht enthaltenen offenen Fragen geklärt wurden sind, wurde dem gesamten alten Vorstand bis Januar 1967 Entlastung erteilt.

Im Jahre 1968 versuchte eine Mehrzahl von Mitgliedsverbänden Herrn Hering zu bewegen, sich einer außerordentlichen Mitgliederversammlung wegen verschiedener Vorkommnisse, unter anderem der Lumpensammelaktion und der Rautenberg-Stiftung, zu stellen. Das Landgericht Arnsberg übertrug, wegen der Dringlichkeit der anstehenden Fragen und der Weigerung von Herrn Hering, den Verbänden, die Einladung selbst vornehmen zu dürfen. Die am 4. Januar 1969 einstimmig erfolgte Abwahl, die in der Mitgliederversammlung vom 1. Februar 1969 wiederholt wurde, erkannte Herr Hering nicht an. Mit gerichtlichen Schritten versuchte er die Eintragung des neuen Vorstandes zu verhindern. Aufgrund weiterer Verdachtsmomente hat der neue Vorstand im Februar ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Ich gehöre weder einer Gruppe noch einer harten« Richtung an. sondern fühle mich allein als mitbetroffener Vater mitverantwortlich.

Finanzielle Gespräche über Lösungsmöglichkeiten des Schadenersatzproblems sind seit mehreren Monaten zwischen Verteidigern und der Nebenklage geführt weiden. Diese Gespräche sind augenblicklich abgebrochen. Ich habe mich weder bereit erklärt, noch habe ich durchblicken lassen, daß ich mich für eine »leitende Position in einer Firmenkonstruktion

Die Zahl der von mir vertretenen Nebenkläger hat sich seit Prozeßbeginn erhöht. Das Oberlandesgericht Köln hat festgestellt, daß eventuelle Fristversäumungen nicht vorgelegen haben, und meine juristische Auffassung bestätigt.

Ich würde mich freuen, wenn die Leser des SPIEGEL auch in Zukunft den örtlichen Elternverbänden ihr Vertrauen schenken würden, die sich in harter Arbeit darum bemühen, Versäumnisse verantwortlicher Behörden in der Vergangenheit aufzufangen.

Hüttental (Nrdrh.-Westf.) KARL-HERMANN SCHULTE-HILLEN Rechtsanwalt

Bitte den Verfassern des aufrüttelnden Conterganbeitrages meine und vieler Freunde Anerkennung zu übermitteln.

Berlin EHRENSENATOR BUSSE

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