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Briefe

FREMDER BRAUCH
aus DER SPIEGEL 46/1967

FREMDER BRAUCH

(Nr. 42 und 43/1967, Briefe)

Herr Rechtsanwalt Kaul schreibt die in meinem DDR-Buch »Das geplante Wunder« erwähnte Tatsache, daß Herr Professor Albert Norden bei dem jetzt in Frankfurt ansässigen Auktionator Hartmut Schwenn Briefmarken gekauft hat, sei von mir »buchstäblich aus den Fingern gesogen«, denn Herr Norden habe niemals Briefmarken gesammelt. Zwar ist es verhältnismäßig belanglos, ob Herr Norden dieses von der DDR-Post durch Herausgabe einer Fülle von graphisch schönen Sondermarken geförderte Hobby betreibt oder nicht. Entschieden zurückweisen muß ich jedoch die beleidigende Unterstellung von Herrn Kaul, ich würde mir etwas aus den Fingern saugen. Dieser mancherorts gepflegte Brauch ist mir völlig fremd und gehört nicht zu meinen Arbeitsmethoden. Der von Herrn Kaul bestrittene Sachverhalt ist bereits von anderen westdeutschen Zeitungen berichtet und damals nicht von Herrn Norden dementiert worden. Darüber hinaus ist mir bekannt, daß Herr Schwenn mehrmals erklärt hat, er habe Herrn Norden in Ost-Berlin Briefmarken verkauft und Herr Norden besitze eine gutsortierte Briefmarkensammlung.

Ferner schreibt Professor Manfred von Ardenne, ich hätte »das Märchen aufgewärmt«, er verfüge über ein sogenanntes offenes Konto. Wenn dies ein Märchen ist, dann ist es eines, das zur Wirklichkeit der DDR gehört.

* Journalist und tschechoslowakischer Schachgroßmeister.

Wann immer man sich dort unter der Hand erkundigt, wie hoch die Spitzeneinkommen sind -- offiziell ist darüber nichts zu erfahren -, wird einem als erstes von diesem offenen Konto berichtet. Dies macht die Schwierigkeiten der Berichterstattung über die DDR deutlich. Da der Kontakt mit Vertretern ihrer Führungsschicht nur in Einzelfällen ermöglicht wird, ist der westliche Journalist weitgehend auf inoffizielle Gespräche angewiesen, wenn er sich nicht allein mit der Lektüre der ostdeutschen Zeitungen begnügen will.

Noch drei Sätze zu dem Vorschlag von Herrn von Ardenne, die Springer-Gruppe in eine Stiftung umzuwandeln, wie er es jetzt mit seinem Forschungsinstitut vorhat. Ich möchte daran erinnern, daß die Mehrheitsanteile der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« bei einer Stiftung liegen; auf diese Weise ist die Unabhängigkeit der Zeitung von äußeren Einflüssen gesichert worden. Gleichwohl wird sie in den ostdeutschen Zeitungen als Sprachrohr des großbürgerlichen Kapitalismus und ähnliches bezeichnet (womit wir wieder beim Aus-den-Fingern-saugen sind). Offenbar wäre also der Vorschlag von Herrn von Ardenne auch nicht geeignet, an der offiziellen Ost-Berliner Haltung zu den Springer-Zeitungen etwas zu ändern.

z. Z. Kampen (Sylt) JOACHIM NAWROCKI*

* Redakteur der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«.

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