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Bundeswehr Freudige Pflicht

Ob als Kartenabreißer oder Fahrstuhlführer, Streckenposten oder Brückenbauer -- die Bundeswehr macht sich als Rückgrat der Olympischen Spiele unersetzlich.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Die Zehnte«, Truppenzeitung der Sigmaringer Panzerdivision, wußte was Schönes: »Am Ende der Olympischen Spiele«, so meldete der Kasernen-Kurier unlängst, »erhält jeder beteiligte Soldat eine Olympia-Verdienstmedaille« die an der Uniform getragen werden kann.«

Aber das wußte nur »Die Zehnte«. Denn dem Chef-Kontakter der Bundeswehr beim Olympischen Komitee, Oberst Gerwin Schröder, »ist von Orden nichts bekannt«.

Und so können sich denn die 21 058 Hardthöhen-Hiwis für ihre »Erfüllung einer nationalen, freudigen Pflicht« (Bundeswehr-Appell) lediglich eine Erinnerungsurkunde in den Spind pinnen und zehn Mark Sonderzulage täglich kassieren.

Vom Marathon bis zur Military, vom Rudern bis zum Radeln -- die Bundeswehr ist in München, Kiel und Augsburg immer dabei:

* Sie hißt Flaggen -- mit 207 Matrosen, »denn nur sie können Gewähr dafür leisten, daß keine Pannen passieren und zum Beispiel Flaggen halbstocks steckenbleiben« (Bundeswehr-Erfahrungsbericht aus Mexiko).

* Sie bläst -- 650 Musiker stark -- die Nationalhymnen bei den Siegerehrungen.

* Sie chauffiert mit 5300 Kraftfahrern in 3300 Autos -- darunter zehn Mercedes 600 -- Könige und Kanuten, Politiker und Pressemenschen bei den »Spielen der kurzen Wege« (olympischer Werbespruch).

* Sie möbliert mit 52000 Schränken, 46000 Betten und 31 500 Stück Polstermöbel die Unterkunft für eine halbe Großstadtbevölkerung, Kostenpunkt: 55 Millionen Mark.

* Sie bekocht -- mit 1493 Küchenbullen -- Aktive wie Ex-Athleten, 500 Schweizer Unteroffiziere wie 8000 Mann »ziviles Kurzzeitpersonal«, und sie wußte bereits im November vergangenen Jahres, was es am 11. September 1972 im olympischen Jugendlager zum Abendessen gibt: 350 Gramm Putenkeule, in 20 Gramm Kochfett gebraten, dazu Reis (75 Gramm) und Pariser Karotten (125 Gramm).

»Es gibt tatsächlich nichts, wo wir nicht helfen«, erläutert Oberst Schröder die olympische Lage.

Geschockt von dem martialischen 41 000-Mann-Aufmarsch der mexikanischen Armee bei den XIX. Spielen, hatte NOK-Chef Willi Daume mit 3500 uniformierten Helfern auskommen wollen. Doch die geplanten vier Bataillone reichten nicht aus, als sich Deutschlands zivile Sportjugend Daumes Drängen versagte und den Sommerurlaub 72 der Olympiade vorzog. Daume schickte sich: »Ohne Hilfe des Militärs können heute keine Olympischen Spiele mehr veranstaltet werden.«

Die Unersetzlichen erkannten flugs die »Möglichkeit einer Selbstdarstellung, wie sie in der zurückliegenden Zeit in einem solchen Umfang nicht möglich war« (Verteidigungsstaatssekretär Karl-Wilhelm Berkhan).

Folgerichtig staffierte die Hardthöhe ihre Münchner Brigaden neu aus. Nachdem Flottillenadmiral Otto Dingeldein bündig befunden hatte: »Die Unterstützung ist Dienst und hat in Uniform stattzufinden«, sollen die Olympia-Helfer als erste die längst versprochene Bundeswehr-,"Uniform neuer Art« verpaßt bekommen, die -- laut Olympia-Oberst Schröder -- freilich die »Uniform alter Art« ist, »nur aus besserem Tuch und mit schickerem Schnitt«.

Um die Imagepflege nicht allzu aufwendig ausfallen zu lassen, sollen viele Bundeswehr-Taten als Routine-Übung deklariert werden. So wird etwa der Bau von zwölf Pionierbrücken, das lückenlose Funk- und Fernsprechnetz mit 1000 Mann und 1500 Geräten, die Einrichtung eines Leichtkrankenhauses ("einschließlich Gynäkologie") oder die Einschaltung der Militärflugplätze Fürstenfeldbruck und Neubiberg in den zivilen Verkehr von der Bundeswehr als Übung oder »vorgezogene Maßnahme« ausgegeben, »die meist ohnehin in nächster Zeit fällig gewesen wäre«.

Freilich -- was die 150 Kartenabreißer, 20 Fahrstuhlführer (TÜV-geprüft), 72 Mensa-Kontrolleure oder 15 000 Streckenposten vom Marathonlauf (alle 15 Meter steht einer) vom Gehen oder vom Radfahren für ihre militärische Ausbildung profitieren, ist nur schwer zu durchschauen.

Und auch die Kosten des Bundeswehr-Friedensdienstes sind selbst von Fachleuten kaum zu übersehen. Vizepräsident Hans-Heinrich Ammon von der Wehrbereichsverwaltung VI in München vage·. »Man spricht von etwas mehr als 150 Millionen.«

Ob das reicht, steht freilich dahin. Denn der großdeutsche Wehrmachtsstab für die XI. Olympiade in Berlin, der nur 4500 Mann zu den Ringen gerufen hatte, wurde erst mitten im totalen Krieg aufgelöst -- im Jahre 1944.

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