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Briefe

Freundschaft ohne Heirat
aus DER SPIEGEL 52/2002

Freundschaft ohne Heirat

Nr. 50/2002, Außenpolitik: Unruhe nach deutschfranzösischem Vorstoß für einen EU-Beitritt der Türkei; Interview mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber über die politischen und kulturellen Grenzen Europas

In der Tat, wenn schon frühere EU-Politiker den Wahnsinn begangen haben, Kleinasien zu Europa zu rechnen und der Türkei leichtsinnige Versprechungen zu geben, so wird es höchste Zeit, dies zu korrigieren. Hier hätte es unserem Kanzler im Interesse eines funktionierenden Europa gut angestanden, den Pressionen der USA zu widerstehen. Wir verlangen doch auch nicht, dass die USA sich mit Mexiko vereinen, obwohl dies viel logischer wäre, zumal keine so gravierenden Unterschiede in der Religionstradition bestehen. Ich bin für Freundschaft mit der Türkei, für ein gut nachbarliches Verhältnis und für unsere Hilfe, so weit es geht, aber man muss doch den Nachbarn nicht gleich heiraten, wenn man sein Freund sein will. Ich fordere eine Volksabstimmung.

LEINFELDEN-ECHTERDINGEN (BAD.-WÜRTT.) PEER HOCHBACH

Als türkischstämmige Mitbürgerin bin ich über die Haltung Deutschlands bezüglich des Beitritts der Türkei in die EU sehr enttäuscht. Gerade von Deutschland haben sich die vor über 40 Jahren eingewanderten Türken eine hundertprozentige Einwilligung erhofft. Darüber hinaus werden sicher viele eingebürgerte türkische Wähler in Zukunft genauer überlegen, wem sie ihre Stimme geben. Ob die Aussagen Herrn Stoibers ehrlich sind, sollte diskutiert werden. Ist Herr Stoiber wirklich aus wirtschaftlichen oder ist er aus kulturellen, religiösen und historischen Gründen gegen den Beitritt der Türkei in die EU?

MAINTAL SEMIHA TASDEMIR

Die Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU war stets das außenpolitische Ziel, gerade der CDU/CSU-FDP-Koalition unter Kanzler Kohl und den liberalen Außenministern. Wenn Herr Stoiber nun sagt, die Türkei könne niemals Mitglied der EU werden, da sie sich auf andere Werte gründe, so habe ich da eine völlig andere Meinung: Wenn sich das Land am Bosporus in den nächsten Jahren reformiert - vor allem im Bereich der Menschenrechte, der wirtschaftlichen Entwicklung und bei der Zurückdrängung des Militärs - so kann es natürlich auch als Staat mit islamischer Mehrheitsbevölkerung Vollmitglied der EU werden. Es kann wirklich nicht sein, dass das »Gesangbuch« eines Landes über die Mitgliedschaft entscheidet. Innerhalb der Nato ist die Türkei dazu aufgerufen, auch christliche Werte militärisch zu verteidigen, und erhält dafür Unterstützung. Weshalb soll das in der EU anders sein, die ja auf kulturelle Pluralität ausgelegt ist?

MÜNCHEN SABINE LEUTHEUSSER-SCHNARRENBERGER BAYERISCHE FDP-LANDESVORSITZENDE

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