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Freundschaftliche Beziehungen

aus DER SPIEGEL 17/1949

Chefredakteur-Stellvertreter Friedrich Karl Müller schrieb am 13. April in seiner »Frankfurter Neuen Presse«, der »Spezialarzt« Dr. Peter Richter aus Glees (Rheinland) sei »in diesen Tagen wegen erwiesener Unschuld« in Freiheit gesetzt worden. Richter ist aber schon seit einem Vierteljahr strafentlassen - keineswegs wegen »erwiesener Unschuld«.

Am 17. Juni 1929 wurde Dr. med. Peter Richter vom Bonner Schwurgericht nach fünftägiger Verhandlung wegen Mordes an seiner Geliebten, Frau Käthe Mertens, zum Tode verurteilt. Jetzt, nach zwanzig Jahren Begnadigungs-Zuchthaus, sagte er einem Bekannten an der Klosterpforte von Maria Laach: »Ich genieße mein Leben«.

Das hat er vor 25 Jahren auch schon einmal versucht. Da gab es in der Breften Straße zu Bonn, eine Treppe hoch im Hinterzimmer, den Uhrmacher und Juwelier Mertens. Weil er für den Fassadenkletterer, Ein- und Ausbrecher Metzele gehehlert hatte, wurde er zu ein paar Jahren Gefängnis verurteilt. Eines Tages, im Mai 1923, kam der junge Medizinstudent Peter Richter dorthin. Er wollte seine Uhr reparieren lassen. Da lernte er Frau Mertens kennen.

Als Mertens im Gefängnis saß, reichte er die Scheidung ein. Richter sagte vor dem Scheidungsgericht aus, er habe mit Frau Mertens nicht verkehrt, seine Beziehungen zu ihr seien nur freundschaftlicher Natur gewesen. Die Mertens wußte es besser. Das war ein Meineid. Auch hatte er an ihr einen verbotenen Eingriff vorgenommen. Die geschiedene Frau hatte ihn in der Hand.

Es kam wiederholt zu heftigen Auseinandersetzungen. Frau Mertens wollte partout von Richter geheiratet werden.

Nach einem Streit in Bingen, wo sich Dr. Richter inzwischen als Arzt niedergelassen hatte, fuhr er am 1. Dezember 1928 nach Bonn. Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht lief Frau Mertens in der Morgenfrühe, nur notdürftig bekleidet, auf die Straße und schrie, von Dr. Richter vergiftet worden zu sein. Einem Polizeibeamten erklärte sie, Richter habe ihr bei einer Untersuchung rektal ein weißes Pulver eingeführt*).

Der Polizeibeamte brachte die Frau in die Klinik. Da man an ihr keine Vergiftungserscheinungen feststellen konnte, sich ihr Erregungszustand aber ständig steigerte, brachte man sie auf die Unruhigenstation der Heil- und Pflegeanstalt. Sie starb kurze Zeit nach ihrer Einlieferung.

Dr. Richter wurde unter Mord-Verdacht verhaftet, die Leiche der Frau Mertens beschlagnahmt und ihr Herz durch den damaligen Gerichtsarzt Professor Müller-Heß (jetzt Berlin) und den Professor der Pharmakologie an der Universität Bonn, Dr. Fühner, eingehend untersucht.

Wenn die Untersuchungen auch einwandfrei ergaben, daß Frau Mertens keines natürlichen Todes gestorben war, die Art ihres Todes konnte man nicht feststellen. Erst nach langwierigen Ermittlungen tauchte die Vermutung auf, Frau Mertens sei mit Strophantin**), einem Herzgift, ermordet worden.

Um das nachzuweisen, wurde die Leiche exhumiert und ihr der Dickdarm entnommen. Aus seinem Inhalt und aus dem chemisch präparierten Herzblut gewannen die beiden Sachverständigen einen Extrakt, den sie an Grasfröschen erprobten. Der tausendste Teil eines Milligramms Strophantin, das einem Frosch unter die Haut injiziert wird, ist bei einem solchen Tier (dessen übrige Organe weiter in Tätigkeit bleiben, selbst wenn das Herz stillsteht) noch nachzuweisen.

Da Winter war, mußten erst Grasfrösche künstlich aufgetaut werden. Das Auftauen kostete 20 Mark je Stück. Nachdem die Tiere zu sommerlichem Leben erweckt waren, injizierte man einigen den aus dem Dickdarm und anderen den aus dem Herzblut der Frau Mertens gewonnenen Extrakt. Eine Stunde später waren sämtliche Frösche unter strophantinähnlichen Erscheinungen tot. Es schien einwandfrei nachgewiesen, daß Frau Mertens rektal mit Strophantin vergiftet worden war.

Dr. Richter wurde unter Anklage gestellt und Ende Juni 1929 vom Schwurgericht

*) Rektale Anwendungsweise von Arzneimitteln: durch den Mastdarm.**) Strophantin war damals erst seit ganz kurzer Zeit in Deutschland gebräuchlich. Richter hatte als Assistenzarzt zahlreiche Versuche damit gemacht. Bonn nach fünftägiger Verhandlung, in der vor allem die Gutachten der beiden Sachverständigen sensationelles Aufsehen erregten, wegen des Meineides in dem Ehescheidungsprozeß zu einem Jahr Gefängnis und trotz hartnäckigen Leugnens wegen Mordes zum Tode und zu Ehrverlust auf Lebenszeit verurteilt. Die Todesstrafe wandelte man später in lebenslängliches Zuchthaus um. Dr. Richter wurde, nachdem das Reichsgericht seine Revision als unbegründet verworfen hatte, in das Zuchthaus Rheinbach übergeführt.

Durch eine Entscheidung des Justizministers Sträter von Nordrhein-Westfalen wurde Ende 1948 die Verbüßung der Strafe bis zum 30. November 1953 mit Bewährungsfrist ausgesetzt. Seit dieser Zeit lebt Peter Richter in Glees.

An der Rheinbahnstrecke Remagen-Andernach zweigt bei Burgbrohl die Nebenbahn nach Brohl ab. Von hier kommt man in einer knappen Stunde Fußmarsch nach Glees. Dort sitzen seit alters her die Richters im 322-Seelen-Dorf, genannt die »Emmerichs«, nach Peters Groß- und Urgroßmutter.

Pastor Schulte aus Wehr betreut die Gemeinde. Sonntags halten die Patres vom Kloster Maria Laach in der kleinen alten Dorfkirche Gottesdienst. In der Weihnachtsmette 1948 wurde Peter Richter das erste Mal von der Dorföffentlichkeit bemerkt.

Richter selbst hat den Mord an der Mertens immer geleugnet. Aber er hat es mit der Wahrheit in seinem Verfahren oft merkwürdig getrieben. Etwa in seinen »freundschaftlichen Beziehungen« zu Käthe Mertens. Er leugnete hartnäckig jede Intimität. Seine Verteidiger, die Bonner Rechtsanwälte Dittgens und Dietrich, beschworen ihn damals, den Meineid zuzugeben - umsonst.

Als der Zeuge Dr. Jacobi vor der Saaltür stand - Richters bester Freund, dem er bereits vorher den Meineid eingestanden hatte - ließ die Verteidigung die Verhandlung unterbrechen. Sie nahm Richter nochmals vor: »Draußen steht Ihr bester Freund, er wird in wenigen Augenblicken sagen, daß Sie ihm den Meineid eingestanden haben - gleich wenn die Saaltür aufgeht und er hereinkommt«. Da gab Richter zu.

Seine seltenen Gäste in Glees empfängt Richter gewöhnlich oben auf der Treppe vor dem Haus stehend. Unter grauem Strickpullover grünes Hemd, englische Hose (braun gefärbt), frisches rotes Gesicht, volles graumeliertes Haar nach hinten gekämmt. In typischer »Richter-Haltung« - wie auch damals im Bonner Prozeß - : die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, freundlich lächelnd.

Richters Hauptverteidigungswaffe ist das sogenannte »Schüller-Gutachten«. Noch im Jahre 1943 behauptete Professor Dr. Schüller aus Düsseldorf, Frau Mertens könne nicht mit Strophantin vergiftet worden sein. Dr. Schüller stützte seine Behauptung auf neun Selbstversuche mit rektaler Strophantinzufuhr bis zu 0,75 Milligramm auf einmal. Er glaubt, daß der Tod der Frau Mertens durch eine Spritze herbeigeführt worden sein kann, die ihr eine Schwester in der Heil- und Pflegeanstalt verabreicht hat.

Die Spritze hat die Schwester dem damals diensttuenden Arzt und auch dem Schwurgericht bei ihrer Vernehmung verschwiegen. Professor Schüller folgert daraus, daß die Schwester höchstwahrscheinlich Morphium - Scopolamin, das auf Unruhigen-Abteilungen von Heil- und Pflegeanstalten bereitgehalten wird, statt, wie sie angibt, der Frau Mertens in die Hohlhand, in eine Vene eingespritzt habe, wodurch die Möglichkeit eines sofortigen Todes gegeben sei. Dr. Richter hatte auf Grund dieses Gutachtens gegen die Schwester die Einleitung eines Verfahrens wegen Eidesverletzung beantragt, das aber die Staatsanwaltschaft ablehnte.

Daß sein Fall die Leute beschäftigt, ist Richter durchaus nicht unangenehm. Aber die Journalisten mag er nicht. (Auf die Fotografen geht er sogar mit erhobenen Fäusten los.) Eine Ausnahme ist sein Burgbrohler Jugendfreund und jetziger Lizenzträger Dr. Hugo Stenzel. Ueber ihn kam die »Frankfurter Neue Presse« zu ihrer schiefen Story.

Auch Brixius Schlauss, der 53jährige Gleeser Gemeindevorsteher und Richters Schulgenosse, weiß Bescheid: »Als damals der Prozeß lief, bin ich nach Bonn gefahren. Ich habe mit Peters bestem Freund Dr. Jacobi zwei Stunden lang gesprochen. Er sagte: Peters Ansinnen, an der toten Frau Mertens noch eine Ausspülung vorzunehmen, war ganz merkwürdig und hat mich überrascht - wie konnte er auch so etwas machen! Und dann die Abtreibung und der Meineid. Er hat ihn ja schließlich eingestanden. Selbst wenn er eines Tages freigesprochen werden sollte - der Meineid bleibt. Er wird nicht mehr praktizieren können.« Und ein Wiederaufnahmeverfahren kostet 10000 DM.

Die zwanzig Jahre Zuchthaus in Rheinbach haben den ehemaligen Binger Arzt nicht gebrochen. In Rheinbach wurde er in der ersten Zeit mit Tütenkleben beschäftigt. Dann übertrug man ihm Arbeiten im Büro des Arbeitsinspektors. Als es im Krieg an ärztlichen Ratgebern mangelte, griff man häufig auf Dr. Richter zurück. Am 6. März 1945 fanden die Amerikaner bei der Besetzung Rheinbachs nur noch 50 Insassen in der Anstalt vor, darunter Dr. Richter.

Ende März wurde er zur Ueberprüfung nach Aachen gebracht. »Hier war die Verpflegung unglaublich schlecht, da bin ich abgehauen!« Nach Düsseldorf. Noch in Aachen lernte Richter den Häftling Hospert kennen, den die Amerikaner festgesetzt hatten. Durch ihn kam er in Hosperts Autogene Schweißerei nach Düsseldorf-Eller, wo er sich mit Schwester Gertrud befreundete. Gertrud ist vor etwa Jahresfrist plötzlich gestorben.

Landesjustizminister Sträter verfügte Richters Strafentlassung. Die Reststrafe soll ihm nach fünfjähriger Bewährungsfrist erlassen werden. »Die Justiz« - sagt Richter - »hat mir gegenüber kein Entgegenkommen gezeigt, wenn sie mich sechs Monate früher aus der Haft entließ. Sie schenkte mir sechs Monate und gab mir Bewährungsfrist von fünf Jahren. Sie wollte mich weiter fest in der Hand halten durch die Bewährungsfrist. Denn im Juni wäre ich durch die Begnadigung der Amerikaner ohnehin in Freiheit gesetzt worden. Die Justiz ist zähe, ich bin es auch, aber die Entscheidung liegt nicht in meiner Hand.«

Ein Wiederaufnahmeverfahren für Richter ("Dafür kämpfe ich, das ist doch klar!") konnten auch gewiegte Rechtsanwälte nicht durchsetzen. Einem der bekanntesten Strafverteidiger der Weimarer Republik, Doktor Alexander Meier II (Bonn) gelang es nicht; auch Mannheimer in Mainz hatte kein Glück.

»Man behauptet, Sie seien schon einmal aus dem Zuchthaus ausgebrochen?« »Nein, das war einmal, und zwar zu Anfang meiner Strafhaft.« - »Sie haben die Gitter durchgefeilt, sind aber dann in den Gitterstäben stecken geblieben?« Richter lächelt: »Ja, so ungefähr, nicht ganz so!«

»Nicht ganz so ...« - ist das Motto für Peter Richters Leben. Gemeindevorsteher Brixius Schlauss sagt: »Was ich für ihn tun konnte, habe ich getan. Die Richters sind angesehene Leute im Dorf seit jeher, da ist an keinem anderen nur ein Fehl!«

Peter Richter weiß, daß der gute Leumund in Glees allein ihn nicht rehabilitieren kann. Auch die Ausflüge (mit Rad) nach Kloster Maria Laach nicht.

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