Zur Ausgabe
Artikel 27 / 80

KUNSTFASERN Frieden im Klub

aus DER SPIEGEL 41/1966

Die internationale Kollegenrunde kam in diesem Jahr im Hotel »Quisisana« auf Capri zusammen. Bei Baden und Segeln wurde freundschaftlich wieder einmal das Problem erörtert, bei wem und zu welchen Preisen die Welt ihre Polyester-Kunstfasern kaufen soll.

Im Kartellkränzchen saßen unter anderen die westdeutschen Faserproduzenten Glanzstoff AG (Diolen) und Farbwerke Hoechst AG (Trevira), die Unternehmen Rhodiaceta (Frankreich) und Du Pont (USA). Ehren-Präsident war der englische Chemie-Trust Imperial Chemnical Industries (ICI), denn er hatte vor 25 Jahren die Faser-Formel erworben, weltweit Lizenzen vergeben und von Anfang an dafür gesorgt, daß es unter den Lizenznehmern nicht zu geschäftsschädlichem Wettbewerb kam.

Als zum Beispiel vor zwei Jahren die Polyester-Patente in England und Skandinavien ausliefen, vereinbarten die ICI-Lizentiaten einen »Patentfrieden": Bis Ende 1966 dringt keiner der anderen in diese Märkte ein.

Die beiden westdeutschen Polyester-Paten Hoechst und Glanzstoff hatten 1954 von ICI Lizenzen erworben. Ursprünglich wollten sie gemeinsam produzieren, dann beschlossen sie nur einen gemeinsamen Preis. Deutsche Spinnereien und Webereien zahlen für Diolen wie für Trevira 11,25 Mark je Kilogramm. Es ist der Welt höchster Preis für Polyesterfasern. Die Rhodiaceta fordert 9,80 Mark, ICI in England 8,40 Mark und Du Pont sogar nur 7,40 Mark.

Bislang haben die beiden -Konzerne den westdeutschen Markt für sich allein, und sie teilten ihn sich brüderlich. Die Hoechster Chemiker entwickelten vor allem die Mischtechnik von Trevira mit Wolle; Glanzstoff in Wuppertal propagierte Diolen vorzugsweise als Beimischung für Baumwollgewebe. Beide warben 1965 mit insgesamt über 20 Millionen Mark für ihre Produkte. Hoechst -Vorstandsmitglied Hans W. Ohliger: »Wir rankten uns aneinander empor.«

Im Marktidyll zu hohen Preisen blühte der Umsatz. Trevira erbrachte Hoechst im vergangenen Jahr 405 Millionen Mark, Diolen der Glanzstoff AG fast genausoviel. Lizenzgeber ICI verdiente daran durchschnittlich vier Prozent.

Am Weihnachtstag 1966 allerdings, fast gleichzeitig mit dem Patentfrieden für Nordeuropa, laufen in der Bundesrepublik als einem der letzten Länder der Erde die englischen Polyester-Patente ab. Schon lange vor dem Capri-Treffen war klar, daß der Klub seinen deutschen Mitgliedern keine Neuauflage des Patentfriedens zubilligen würde: Du Pont siedelt ein eigenes Faserwerk in Unna an, ICI in Ostringen bei Heidelberg.

Dennoch sind Hoechst und Glanzstoff zuversichtlich. Der Markt ist »sehr fest und expansiv« (Glanzstoff), und in diesem Markt haben sie die unbestritten stärkste Position. Der Name Trevira, so ermittelten Marktforscher, sei bei den Verbrauchern bekannter als Persil.

Vor allem aber: Die alte Freundschaft im Lizenzklub ist keineswegs zerbrochen. Hoechst und Glanzstoff werden sich mit einer Preissenkung um etwa drei Mark je Kilogramm dem Niveau ihrer europäischen Freunde anpassen, brauchen aber darüber hinaus noch keinen harten Preiskampf zu befürchten.

Denn als das Capri-Kollegium, beschenkt mit Kunstdruckwerken von der Sixtinischen Kapelle, die Insel verließ, war beschlossen: Die Polyester-Partner der beiden deutschen Konzerne lassen ihre Preise vorerst unverändert.

* Paragraph 134 BGB: Ein Rechtsgeschäft, das gegen ein gesetzliches Verbot verstößt, ist nichtig, wenn sich nicht aus dem Gesetz ein anderes ergibt.

Trevira-Produktion bei Hoechst:

Absprachen auf Capri

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 27 / 80
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.