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IRAK Frieden ist langweilig

Die Soldaten der 2. Brigade aus Fort Stewart in Georgia waren die Helden der Schlacht um Bagdad. Nun wollen sie nach Hause, aber sie müssen bleiben und die Feinde von gestern Demokratie und Kapitalismus lehren - am besten ganz schnell. Von Klaus Brinkbäumer
aus DER SPIEGEL 21/2003

Der Lieutenant Colonel Philip de Camp war neun Jahre lang in Deutschland stationiert und kann auf Deutsch ziemlich weise Sätze über den Krieg sagen. »Wenn man mit den Fußen lauft«, sagt er, »hat man in Krieg wenig Spaß. Im Panzer hat man mehr Spaß.«

Das kann der Lieutenant Colonel Philip de Camp beurteilen, denn er verbrachte den Krieg in einem M1A1 Abrams-Panzer, 4,3 Millionen Dollar teuer, 56 Gallonen Spritverbrauch pro Stunde, gerüstet mit einer 120-Millimeter-Kanone, einem 12,7-Millimeter-Maschinengewehr und zwei 7,62-Millimeter-MG. Behütet wurde dieses Monster von oben durch die Luftwaffe und von hinten durch die Artillerie.

Der Feind kam zu Fuß, mit Bussen zum Schlachtfeld gekarrt und in Schussweite abgesetzt, manchmal kam der Feind auch in Lastwagen oder per Boot über den Tigris. Der Feind lag im Gebüsch und in Sandkuhlen, der Feind stand auf Hausdächern und unter Brücken, der Feind trug Uniform oder Jeans und T-Shirt, der Feind schoss viel und traf nur die Wände des Panzers, der Feind ist besiegt.

Wie viele Iraker haben Sie erwischt, Sir? »I don't care«, sagt Lieutenant Colonel de Camp, »ich habe meine Mission erfüllt.«

Lieutenant Colonel de Camp sitzt im Regierungsviertel von Bagdad in Udais Büro, Udai ist oder war der Sohn Saddam Husseins. Lieutenant Colonel de Camp holt sich eine Coke und ein Stück Pizza aus Udais Kühlschrank. Eine Scheibe Salami liegt auf der Pizza und eine Olive, kein Käse, keine Tomaten, »die beste Pizza, die ich je hatte«, sagt er. Zwei Handwerker stehen draußen am Fenster und sammeln Glasscherben ein, es ist viel zu Bruch gegangen in Udais kleinem Palast. Darum hat de Camp die Handwerker bestellt, sie kriegen fünf Dollar am Tag, und de Camp hat ihnen seine Handschuhe geliehen; jetzt sind sie fertig, sagen »Bye-bye, Sir« und rennen weg. Und de Camp muss die Wache rufen, die den Männern seine Handschuhe abnimmt. »Du darfst diesen Kerlen nicht den Rücken zudrehen«, sagt er.

Was genau, Sir, war Ihre Mission? »Die Menschen des Irak sind befreit«, sagt er, und dann steht er auf.

Es ist acht Uhr morgens in Bagdad, draußen in Udais Salon liegen seine Jungs und trinken Coke und gucken »Apocalypse Now«, hundertmal gesehen, immer wieder geil. Der Lieutenant Colonel muss los. Denn Philip de Camp, 41, Sohn eines Generals, bei der U. S. Army seit 23 Jahren, Kommandeur jener Task Force 4-64 der 2nd Brigade der 3rd Infantry Division, die Bagdad erobert hat, hat zwei neue Missionen: Die Nakha-Schule soll ihre 460 Jungs wieder unterrichten, und die Tankstelle ein paar Blocks weiter soll Benzin verkaufen, ohne Schießereien an der Zapfsäule.

»Let's roll! Another day in paradise«, ruft de Camp und springt in seinen Humvee. »Wohin, Sir?«, fragt sein Fahrer, Sergeant Mark Macey.

»Zur Schule, Macey«, sagt der Lieutenant Colonel. An die Decke seines Fahrzeugs hat er seinen »shitter chair« gebunden, einen Klappstuhl mit eingesägtem Loch für den Stuhlgang im Kriegsgebiet.

Fünf Minuten später ist er auf dem Schulhof, patscht zwei Jungen auf den Kopf, nimmt eine Putzfrau in den Arm, tröstet die Lehrer, die auf ihr Geld warten, und überlegt, was er tun kann: Die Schüler kommen nicht, weil sie oder die Eltern Angst haben. Vor der Straße, vor Überfällen, vor diesem ganzen neuen schweren Leben.

Der Lieutenant Colonel, der ungefähr so aussieht wie der junge Herbert Grönemeyer in Uniform, überlegt nicht lange, das macht er nie. In 23 Army-Jahren lernt man, Entscheidungen zu treffen, im Krieg hatte er hundertmal am Tag irgendetwas zu entscheiden. Der Lieutenant Colonel hat seine Jungs gleich am ersten Tag nach dem Krieg die Schule räumen und neue Tische besorgen lassen, er hat Dollar-Scheine an die Lehrer verteilt, das Problem ist nicht, dass er faul wäre. Er arbeitet 16 Stunden am Tag, der Lieutenant Colonel ist schnell und scharf, das Problem ist, dass Bagdad matt ist und müde. Das Problem ist, dass in Bagdad zwei Welten zusammengeprallt und nun grotesk ineinander verhakt sind, die harte, klare Welt der U. S. Army und die Welt der Iraker, die sich in 24 Jahren unter Saddam längst eingerichtet hatten und nicht befreit werden wollten, jedenfalls nicht von Lieutenant Colonel de Camp und seinen 400 Soldaten und deren Monstern.

»U. S. Army, you'll die« steht an Häuserwänden, »Give us back our human rights« steht auf einer Mauer.

»The Big Show« haben die Soldaten der 2. Brigade aus Fort Stewart in Georgia auf ihre Panzer geschrieben.

Zwei Welten sind das, die nichts miteinander zu tun haben: Ihre Bewohner misstrauen sich und sind ungeduldig und verzeihen deshalb der anderen Seite keinen Fehler. Ein wenig ist es in Bagdad wie 1990 in Ostdeutschland, der Unterschied ist, dass es im Irak einen Krieg gab. Mit Demütigungen und Toten, mit zerstörten Häusern, mit Siegern und Verlierern.

Und nun sagt de Camp zu den Lehrern im Hof der Nakha-Schule: »Ihr müsst euer Schicksal selbst in die Hand nehmen, ihr müsst euch selbst beschützen. Das ist die Freiheit. So ist Amerika. Ihr seid selbst für euch und für die Gemeinschaft verantwortlich.« Er redet schnell, er redet breit, nicht mal der Englischlehrer Hamad Ali Hussein versteht ihn. »Der Mister gibt sich ja Mühe«, sagt der Englischlehrer, als de Camp wieder verschwindet, »aber vorher hatten wir eine Regierung, jetzt haben wir keine.« Dann, ganz leise: »Wir wollen sie einfach nicht hier haben. Der Mister gehört zu der Macht, die unser Land besetzt hat. Illegal.« So tief wie der Graben zwischen Amerika und dem Irak war der zwischen Wessis und Ossis nie.

Es ist jetzt Mittag in Bagdad, es sind 40 Grad, die Telefonzentrale im Stadtzentrum brennt, auch das noch, aber de Camp muss zum Neuen Präsidentenpalast, zu einem Meeting.

Die Nachrichten: Es gab wieder einen toten US-Soldaten, es war ein Scharfschütze, von einem Hausdach. Ein Major hat auf dem Weg zum Flughafen auf dem Highway 8 gewendet und ist auf eine Mine gefahren. Es war schon seine zweite Mine im Irak, der Major sollte zu den Minensuchern wechseln, great joke, aber es war eine lausige Mine, es hat gewackelt, mehr nicht. Und sonst so? Schießereien in der Nacht, ein missglücktes Attentat auf US-Soldaten mit Handgranaten, Plünderer, eine Demonstration. Man kann nicht sagen, dass es ruhig würde in Bagdad.

Man kann allerdings sagen, dass die Amerikaner den Krieg besser beherrschen als den Frieden.

Die 2. Brigade aus Fort Stewart ist schon im September zum Training nach Kuweit geschickt worden, und als es losging, da waren die Männer fit. Am ersten Tag schafften sie 300 Kilometer durch die Wüste, mit 2000 Fahrzeugen. Nach zehn Tagen vierteilte sich die Brigade, kämpfte an vier Orten zugleich, zerschlug die Medina-Division und die restlichen Truppen der Republikanischen Garde und kam auf vier Wegen durch die Enge von Kerbela. Die Iraker erwarteten den Angriff auf Bagdad von Süden, wo die anderen amerikanischen Einheiten waren, aber die 2. Brigade nahm Bagdad von Westen ein. Nach 18 Tagen, am 7. April um 10.30 Uhr, standen die Monster vor dem Neuen Präsidentenpalast.

Sie sind immer noch da, Panzer und 25 000 amerikanische Soldaten, verteilt auf die ganze Stadt und den Saddam International Airport, und die 2. Brigade bewohnt nun die Paläste und Gästehäuser Saddams.

Der Neue Präsidentenpalast, gebaut, weil Saddam seine Gattin beglücken wollte, ist eine Kathedrale aus gelblichem Stein und goldigem Kitsch. Hinten am Tigris gibt es Teiche und Blumenbeete, vorn gibt es Aufgänge aus Marmor, oben gibt es eine blaue Glaskuppel. Drinnen sind die Räume hoch, voller Marmor, und die Möbel sind schwer, dunkel, grässlich. Jedes Zimmer hat einen eigenen Stromkreis, das hat mit Saddams Paranoia zu tun, und überall liegt Saddams Stuss herum: Spazierstöcke, mit denen man schießen kann, Aktenkoffer mit eingebautem Maschinengewehr, Gemälde, mehr Gemälde, alle von Saddam. Es sieht hier im Palast nicht mehr ganz so aus wie vor dem Krieg: Die rechte Hälfte der Kathedrale hat eine Bombe zertrümmert, und deshalb bedeckt eine dicke Staubschicht nun die linke Hälfte, wo die Krieger wohnen, ohne fließendes Wasser und mit Strom aus den mitgebrachten Generatoren.

Die Kommandanten der Brigade residieren im Erdgeschoss, die Captains im Keller, und oben im ersten Stock sitzen die Jungs vom 10th Engineer Battalion, die nun Bagdad zum Laufen bringen sollen. Und draußen, rund um den Palast, stehen die Feldbetten der GIs. Sie gucken DVDs und liegen auf ihren Feldbetten herum. Sie bewachen die Plünderer, die sie auf Saddams Tennisplatz eingesperrt haben. Sie würgen Kartoffelchips und diese verdammten MRE ("meals ready to eat") herunter und sind glücklich, wenn es endlich mal Kebab gibt und Wasserpfeifen. Fucking great party, man. Und sie alle verlieren im Schach gegen Mastergunner Sergeant First Class La Pointe.

Amerikas Krieger sind seit neun Monaten dreckig, sie schwitzen, sie haben genug vom Frieden.

»Ich freue mich darauf, in ein richtiges Klo zu scheißen«, sagt Sergeant First Class La Pointe.

»Ein Steak. Ein Glas Wein. Ein Bier«, sagt Captain Glaser.

»Wie funktioniert Ficken noch mal?«, fragt Private Miller.

»Here I am. Send me«, ist das Motto der 2. Brigade, es stammt aus dem Buch Jesaja. »Send me home«, haben GIs auf die Armaturenbretter ihrer Wagen gekritzelt.

Und jetzt müssen die Krieger den Menschen, die sie befreit haben und die nicht befreit werden wollten, die Demokratie und die Freiheit made in USA beibringen. Sie tun das, indem sie überall Checkpoints mit Betonbarrieren, Sandsäcken und sehr viel Stacheldraht aufbauen, natürlich auch vor den Palästen, und die sind für die Menschen von Bagdad deshalb genauso verschlossen wie vorher, nur die Macht hat gewechselt.

In der Nachkriegszeit hat man in zerschossenen Häusern wenig Spaß. In Palästen hat man mehr Spaß.

Die Soldaten lehren Demokratie und Freiheit, indem sie verspiegelte Sonnenbrillen aufsetzen und Menschen anbrüllen, die einen Tisch durch die Gegend tragen: »You Ali Baba?« Es gab zu viele Selbstmordattentate im Krieg, zu viele irakische Kämpfer in Zivil - die amerikanischen Soldaten wollen keine Iraker beschützen, sie wollen auch kein Vertrauen aufbauen und keinem Iraker vertrauen. Sie wollen verhindern, dass es sie nach Kriegsende doch noch erwischt.

Der Archäologieprofessor Abdullah Fadhil, der nicht weiß, wie die Uni künftig arbeiten soll, eine Uni, vor deren Tor gestern wieder ein Dozent erschossen wurde, sagt: »Wasser, Strom, Sicherheit, so etwas interessiert die Amerikaner nicht. Auch unsere Befreiung interessierte sie nicht. Sie wollten unser Land erobern und die Karte in Nahost ändern.«

Aber wenig im Leben ist derart simpel, Bagdad schon gar nicht. Iraker haben zertrümmert, was zu zertrümmern war, Schulen, Krankenhäuser, Museen, Wasserwerke. Die Banken von Bagdad sind Brandruinen, die Geschäfte in der Raschid-Straße verrammelt und verwaist. Und oben in Saddams Palast zeigt Major Mike Poloquin, 10th Engineer Battalion, aus dem kugelsicheren Fenster und sagt: »In dem Gaswerk da drüben müssten alle vier Schornsteine dampfen. Das Ding soll ganz Bagdad versorgen!« Ein Schornstein dampft. Denn Bagdad ist ein Schrottplatz, und dafür haben Saddam, die Amerikaner und die Plünderer gemeinsam gesorgt. Natürlich versuchen Leute wie Lieutenant Colonel Philip de Camp mit ihren vielen Entscheidungen und mit Rastern, die sie über ihre Satellitenfotos legen und die Bagdad in Zonen aufteilen, endlich Ordnung in den Moloch zu bringen. Natürlich sammeln Major Poloquins Männer Tag für Tag Hunderte Waffen ein. Sie schulen Polizisten, und sie haben eine Firma angeheuert, die die Straßen säubert vom Schutt der Schlacht und von Schuhen und Mützen der toten Iraker. 1000 Dollar am Tag kriegt die Firma, es ist so etwas wie die Aufnahme wirtschaftlicher Beziehungen.

Und wenn im Zoo ein blinder Bär in ein Loch gefallen ist, dann rückt ein Platoon der 2. Brigade an und schweißt das Loch zu, und wenn zwei Löwen entweichen, kommen Scharfschützen und erlegen sie.

Und natürlich gibt es hier im Palast auch Leute wie Colonel Eric Wesley, ruhig und nachdenklich, die glauben, »dass das unglaubliche Experiment, in dieser Region einen demokratischen Staat zu kreieren und dann den Irak den Irakern zurückzugeben«, tatsächlich gelingen kann. Und dass sich dann Syrien und Jordanien dem Westen und Israel annähern müssen. Und dass auf dem Schrottplatz Bagdad irgendwie ein besserer Naher Osten geboren wird und damit irgendwann eine bessere Welt.

Denn Leute wie Colonel Wesley, 38, verstehen sich als »soldier statesman« und lieben diese Aufgaben, bei denen sie »an der Spitze der nationalen Strategie der USA und im Fokus der Welt« sind. Sie lieben diese Mischung aus Militär und Politik und die Kraft, die in der Verbindung liegt. Wesley befehligt 3500 Leute, er ist der Chef der 2. Brigade der 3. Infanteriedivision. Am 7. April dirigierte er die Schlacht um Bagdad im TOC, dem Tactical Operation Center, draußen vor der Stadt, so lange, bis in Wesleys Humvee eine Rakete einschlug, die fünf Männer tötete. Er überlebte. Und jetzt dirigiert er den Frieden.

Wesley, in Yorba Linda in Kalifornien geboren, war schon so ziemlich überall, wo es brannte. Aus dem Kosovo und aus Bosnien weiß er, »dass wir nicht viel Zeit haben. Die Menschen werden unruhig, die Chance für Fanatiker wächst mit der Unzufriedenheit«.

Die Frage ist, warum dann Krieger, von denen George W. Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice sagt, sie seien »bestimmt nicht dafür ausgebildet, eine Zivilgesellschaft aufzubauen«, nun eine Zivilgesellschaft aufbauen sollen. Warum die Regierung einen Cowboy wie Jay Garner als Bushs Statthalter in Bagdad installieren und damit vier Wochen verschwenden konnte. Warum Organisationen wie UNHCR und World Food Program nicht tun dürfen, was sie beherrschen, und warum der Flughafen immer noch so fest im Griff der U. S. Army sein muss, dass Hilfslieferungen spärlich bis gar nicht ankommen.

Seine Soldaten jedenfalls seien ausgebrannt, »smoked«, sagt Wesley. »Friedenstruppen müssen her«, sagt de Camp, aber deren Einsatz verschiebt das Pentagon seit Wochen um Wochen nach hinten.

Also weiter. Der Lieutenant Colonel setzt den Helm auf, zieht die Schutzweste an, er trägt eine beigefarbene Uniform und Raulederstiefel wie alle amerikanischen Soldaten hier, und zumindest die Farben passen ganz wunderbar nach Bagdad, zum Sand und zum Staub.

Lieutenant Colonel de Camp wurde in Fort Benning in Georgia geboren, er ist Soldat in der vierten Generation und ziemlich froh, dass sein drittes Kind ein Junge wurde; er hat ihn Alexander-Philip genannt, nach Alexander dem Großen und nach Philip de Camp. De Camp ging in vier Jahren auf vier verschiedene High Schools, er ist ein Mann, der in Westpoint, New Orleans und Washington oder in Vilseck in Germany gelebt hat, alle zwei Jahre woanders, ein Mann, der schon im ersten Golfkrieg einen Panzer befehligte.

Er sieht Missionen, keine Menschen, er ist Soldat.

Er ist ein Mann, der die Regeln der Army liebt: kurze Haare, täglich rasieren, auch in der Schlacht, denn »wir sind keine Tiere«, kein Alkohol, kein Sex im Nahen Osten. Wer sein Gewehr verliert, geht sechs Monate in den Bau. Der Untergebene spricht den Vorgesetzten mit »Sir« an, der Vorgesetzte nennt den Untergebenen beim Nachnamen.

»Wohin, Sir?«

»Zur Tankstelle, Macey.« Sergeant Macey ist einer der vielen hier, die nach dem 11. September 2001 angeheuert haben, weil sie dachten, sie müssten etwas tun für ihr Land. Für die Vereinigten Staaten von Amerika, nicht für heulende, stinkende Iraker. Sergeant Macey trägt eine verspiegelte Sonnenbrille und kaut Kaugummi.

Soldaten bewachen die Tankstelle, winken ein Auto nach dem anderen herein. 50 Liter dürfte jeder Bürger von Bagdad pro Tag tanken, 50 Liter kosten 1,30 Dollar, vorausgesetzt, es gibt Benzin. Es gibt nur selten Benzin. Deswegen sind die Schlangen an den Tankstellen zum Teil vierspurig und viele Kilometer lang; wer sich nachts um vier einreiht, bekommt mittags um zwölf sein Benzin. Eine Menge Tricks haben die Kunden drauf, falsche Papiere, wechselnde Nummernschilder, Kanister, die mit Leitungen an den Tank angeschlossen sind. Die Kunden wollen mehr als 50 Liter, weil sie den Sprit auf der Straße weiterverkaufen wollen. Schlauch in den Tank, mit dem Mund ansaugen, Schlauch in den Kanister oder den Tank des Käufers und laufen lassen, es ist ganz einfach, es bringt Geld. Am Anfang wussten die Amerikaner nicht, ob nicht genau das Kapitalismus ist: kaufen und verkaufen, uramerikanisch, aber irgendein General hat entschieden, nein, das ist Schwarzmarkt, das ist verboten.

Dass ausgerechnet Öl zu einer Sorge der Iraker wurde, dass deshalb ausgerechnet amerikanische Soldaten Planwirtschaft predigen, ist endgültig absurd. Aber die Förderung stockt. Zwölf Millionen Liter braucht das Land pro Tag, fünf Millionen werden produziert. »Irak ist nun ein ölimportierendes Land«, sagt de Camp. Um seine Tankstelle zu versorgen, lässt er Trucks durch die Gegend fahren.

Die Trucks saugen Saddams Vorräte aus den Palästen ab, und sie sammeln vergammelte Tanks am Fluss ein, da kann der Sprit noch so verdreckt sein, man kann es ja mixen. »Saddam-Sprit plus Dreck-Sprit ergibt Okay-Sprit«, sagt de Camp, und der Tankwart lacht.

Dann erzählen sich die zwei Männer Geschichten von Udai: wie Udai Gäste, die etwas Falsches gesagt hatten, an seine Löwen verfüttert hat; wie Udai mit seinem Tiger an der Leine ins Restaurant ging, den Tiger am Eingang festband und ohne Belästigung speisen konnte. Ein Amerikaner und ein Iraker lachen gemeinsam, oft kommt so etwas nicht vor in Bagdad.

Und dann gehen sie ins Büro, ein Büro ohne Papiere, und der Tankwart sagt, dass er gern noch ein paar Freunde einstellen würde. »Du hast neun Leute hier. In Deutschland würden das zwei erledigen«, sagt de Camp. Dann der tägliche Tadel: Die fünfte Pumpe funktioniert immer noch nicht, die Wände sind immer noch nicht gestrichen. »Wofür bezahlen wir dich? Das hier wird Wettbewerb. Get ready, man, I'm talking big!«

Es ist jetzt 19 Uhr, Lieutenant Colonel Philip de Camp von der Task Force 4-64 fährt zurück in Udais Palast. Zwei Stunden lang sind heute ein paar Jungs in der Nakha-Schule unterrichtet worden, und die Tankstelle hat immerhin 6000 Liter Benzin abgegeben. Ein guter Tag? »Ein Tag im Paradies eben«, sagt er. Der Lieutenant Colonel holt eine Dose Coke aus Udais Kühlschrank.

In Udais Wandschrank hat er einige Flaschen Dom Pérignon von 1985 gefunden. Kriegsbeute, wenn das Pentagon es gestattet. Lieutenant Colonel Philip de Camp wird das Zeug in Fort Stewart trinken. Nach der Parade. Wenn er den Silver Star der U. S. Army erhalten hat für die Schlacht um Bagdad, jene dreckige Stadt im Nahen Osten, die er erobert hat und die weit weg sein wird beim Ball der Helden.

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