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Afghanistan »Frieden ohne Freiheit«

Die Taliban, radikale islamische Gotteskrieger, eroberten Kabul und führten fundamentalistisches Recht und Lebensart ein: Steinigen von Ehebrechern, Händeabhacken bei Dieben, öffentliches Prügeln. Am schlimmsten unterdrückt werden die Frauen. Doch fast der gesamte Westen schweigt - die Ultras passen ins geopolitische Konzept.
Von Birgit Schwarz
aus DER SPIEGEL 41/1996

Seit Tagen ist die Ärztin Raschida* nicht zur Arbeit erschienen, obwohl sie endlich keine Angst mehr haben muß, auf dem Weg dorthin von einer Granate getroffen zu werden. Bärtige Krieger mit schwarzen Turbanen patrouillieren neuerdings durch die Straßen Kabuls. Die fürchtet Raschida mehr als die Geschosse jener rivalisierenden Milizenführer, die Afghanistans Hauptstadt seit vier Jahren umkämpfen.

Im Sturm hatten die Taliban, eine Sammelbewegung fanatischer Moslems, am Freitag vorvergangener Woche das Machtzentrum des in 17 Jahren Krieg und Bürgerkrieg verwüsteten Landes genommen. Noch im Morgengrauen des darauffolgenden Tages proklamierten die neuen Mullahs unter dem Vorsitz des einäugigen Mohammed Omar einen islamischen Gottesstaat, der drastischer in das Leben von Raschida eingreift, als es der Krieg je vermochte.

* Name von der Redaktion geändert.

Es war gegen halb sechs Uhr morgens, als von den Minaretten der Moscheen Verordnungen ergingen, die Raschida wie ein Todesurteil empfand: Frauen ist ab sofort jede berufliche Betätigung verboten; das Haus dürfen sie nur noch verschleiert verlassen.

Raschida hat noch zu Zeiten sowjetischer Besatzung an der Akademie der Wissenschaften von Kabul studiert. Als die Mudschahidin 1992 die Russen-Satrapen verjagten und die Macht übernahmen, versteckte sie zwar Jeans und Lippenstift im Schrank; ihrem Beruf ist die heute 40jährige aber weiter unbehelligt nachgegangen. In wadenlangen Röcken und ärmellosen Blusen, ein Tuch locker um den Kopf gewunden, behandelte sie Bomben- und Minenopfer, unterernährte Kinder und anämische Frauen.

Niemand hatte ihr Auftreten je beanstandet. Und nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, sich jenen afghanischen Intellektuellen anzuschließen, die zu Tausenden das Land am Hindukusch verließen. Doch seit die Taliban in Kabul Einzug hielten und ihr Willkürregime die Bevölkerung, vor allem die Frauen, terrorisiert, hegt sie abwechselnd Flucht- und Selbstmordgedanken. »Wenn die Unfreiheit der Preis für den Frieden ist, dann wird dieser Frieden mich das Leben kosten«, sagt sie.

Tagelang hat sie wie gelähmt vor dem Radio gesessen und dem Programm der neuen Machthaber gelauscht. Selbst die Musik haben die bärtigen Turbanträger verboten. Aus dem Äther erreichen nur noch düstere Botschaften Raschidas Ohr: Sechs Frauen wurden vor dem Außenministerium im Zentrum der Stadt für ihre »unmoralische Kleidung« - sie waren nicht voll verschleiert - unbarmherzig gezüchtigt, berichtete der Nachrichtensprecher. Um »Anstand« in sie hineinzuprügeln, schlugen die Sittenwächter auf Rücken und Gesicht ein. Ähnliches widerfuhr Krankenschwestern in Raschidas Hospital.

Männer haben jetzt noch 35 Tage Zeit, sich gesetzlich vorgeschriebene Bärte wachsen zu lassen; die Mullahs sind angehalten, jeden anzuzeigen, der nicht fünfmal täglich in der Moschee betet; Jungen ist Sport in Shorts verboten; alle Schulen für Mädchen werden geschlossen.

Mit der Außenwelt nur durch ihr Radio verbunden, versucht Raschida, den drohenden Nervenzusammenbruch mit Hausarbeit abzuwenden. Sie wäscht selbst jene leuchtenden Seidenblusen und geblümten Röcke, die sie fortan nicht mehr wird tragen dürfen. Sie fegt mehrmals den Innenhof, um den herum sie mit Bruder, Schwester und deren Familien wohnt. Zwölf Menschen leben von ihren Einkünften.

Alles hätte die Ärztin dafür getan, die Träume ihres achtjährigen Neffen zu erfüllen: Ingenieur wollte er werden, um sein zerstörtes Land wieder aufzubauen. Nun scheint selbst diese Hoffnung zerstoben. Die Schule ist geschlossen; die Lehrerinnen wurden entlassen. »Wie kann ein Land eine Zukunft haben, das seine Frauen so erniedrigt?« fragt Raschida.

Noch vor zwei Jahren waren die Taliban ("Schüler") weitgehend unbekannt. Ende 1994 startete die geheimnisvolle Gruppe jugendlicher Glaubenskrieger vom Volksstamm der Paschtunen ihren ersten Feldzug - und zeigte sich bald erstaunlich bewandert im Kriegshandwerk: Die fundamentalistischen Milizionäre hatten in pakistanischen Medressen offensichtlich mehr als den Koran studiert, sie konnten perfekt mit Panzern, Raketenwerfern und Schnellfeuergewehren umgehen.

Seit die Radikalislamisten dann die erste afghanische Provinz eroberten, lassen sie keine Zweifel an ihrer grimmigen Entschlossenheit: Wo immer die vermeintlichen »Koranschüler« regieren, wagt keine Frau mehr, ohne den Ganzkörperschleier vor die Tür zu gehen.

Westlich dekadente Ablenkungsmöglichkeiten vom rechten Glauben wie Kino oder Konzert sind verboten. Auch Fotografieren gilt als verwerflich, weil der Islam die Menschenabbildung verbiete. Die Scharia, das islamische Recht, tritt in Kraft: Ehebrecherinnen werden öffentlich gesteinigt, Dieben Hände und Füße amputiert.

Die neuen Herren streben ein Regime des »reinen Islams« an, einen Modellstaat für die gesamte moslemische Welt - und lassen so selbst die rigiden iranischen Mullahs als vergleichsweise liberal erscheinen. In Herat, nahe der persischen Grenze, haben afghanische Intellektuelle begonnen, ihre Töchter zur Erziehung »hinüber« nach Iran zu schicken.

Gebildete und an ihre Selbständigkeit gewöhnte Frauen wie Raschida, die ein Leben lang gläubige Mosleminnen waren, läßt die mit Zwang und Repression durchgesetzte Ordnung des frommen Scheins am Glauben verzweifeln. »Wenn das der reine Islam sein soll«, meint Raschida, »dann bin ich die längste Zeit Moslemin gewesen.«

Besorgt, der Fanatismus der Taliban könnte ihre eigene, mehrheitlich moslemische Bevölkerung erfassen, haben bisher einzig Rußland und die mittelasiatischen Republiken des ehemaligen Sowjetreiches versucht, der Entwicklung in Afghanistan entgegenzuwirken. Am vergangenen Freitag trafen sich die Staatschefs zum Krisengipfel.

Pakistans Außenminister Asif Ahmed Ali dagegen feierte die neuen Machthaber in Kabul als »gottesfürchtige Männer« mit »großem Respekt für den Islam«. Raschida hat das nicht sonderlich erstaunt. Lange schon wird vermutet, daß die Regierung von Benazir Bhutto den Radikalislamisten, womöglich gemeinsam mit dem US-Geheimdienst, finanzielle und logistische Unterstützung gewährt.

Doch daß man auch in Washington wenig Verwerfliches an den bisher von den Taliban getroffenen Maßnahmen erkennen konnte, daß das US-Außenministerium die Taliban gar als »Befreier« des Landes lobte, hat die Ärztin entsetzt und ihr jede Hoffnung auf einen Frieden in Freiheit genommen. Die USA setzen offensichtlich darauf, daß die neuen, sunnitischen Herren von Kabul im »Great Game« um die Macht zwischen Kaukasus und Pamir ein wichtiges Gegengewicht zum schiitischen Iran werden könnten. Außerdem öffnen sich so neue Handelswege, auch für eine lukrative amerikanisch-saudisch finanzierte Öl- und Erdgaspipeline von Turkmenistan über Afghanistan nach Pakistan.

»Großmachtpolitische Interessen haben unser Land an den Rand der Zerstörung gebracht«, sagt Raschida. »Keinen im Westen kümmert, daß sie uns Frauen sogar die Menschenrechte rauben.«

Nach einer Woche zermürbenden Hausarrests hat die Ärztin jetzt beschlossen, wieder erste Schritte vor die Tür zu wagen. Raschida hat den Ausschnitt ihres Kleides mit einer Brosche verkleinert, eine lange Hose untergezogen und den schwarzen Tschador übergeworfen, den sie vor vier Jahren angeschafft, aber seither nie gebraucht hatte.

In der Taxe, die sie zum Haus einer Freundin bringen soll, zupft sie beim Anblick bewaffneter Turbanträger nervös an den zu kurzen Ärmeln ihres Kleides. Die Straßen wirken wie ausgestorben; selbst die Basare sind nicht sonderlich geschäftig, obwohl die Preise gefallen sind. Wo Schneider samt Kunden verprügelt werden, weil sie mit Frauenkleidern handeln, verspürt kaum jemand den Drang zum Einkaufsbummel.

Auf dem Teppich im Wohnzimmer der Freundin hocken eine in die Arbeitslosigkeit gezwungene Bauzeichnerin sowie eine junge, aus dem Kultusministerium entlassene Sekretärin. Sie debattieren über die neueste Verordnung der Taliban: Ab sofort darf keine Frau mehr das Haus ohne die Burka verlassen, den Umhang mit den vergitterten Augenschlitzen, der den Körper der Frauen von Kopf bis Fuß mitsamt der provozierenden Haarsträhnen verhüllt.

Damit ist auch Raschidas vorsichtiger erster Befreiungsversuch gescheitert: Die Burka kostet mehr als einen Monatsverdienst - und nicht nur das: Um sich korrekt zu verschleiern, muß sie erst mal nach Hause, dann zum Markt. Immer voller Angst, vorbei an den Tugendwächtern.

* Name von der Redaktion geändert.

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