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AFGHANISTAN Friedhof der Invasoren

Im Kampf gegen die Gotteskrieger und ihren Terroristen-Gast Bin Laden starteten Amerikaner und Briten die zweite Stufe ihrer militärischen Eskalation: den Bodenkrieg am Hindukusch. Das Risiko ist enorm, die Nordallianz noch kein schlagkräftiger Partner.
aus DER SPIEGEL 43/2001

Foreign Military Studies Office« steht in fetten Lettern über der Analyse aus Amerikas Generalstabsakademie in Fort Leavenworth (Kansas). Klein Gedrucktes weist darauf hin, dass hier »nicht unbedingt« die Meinung der US-Regierung wiedergegeben wird.

Und doch gehört dieses Papier zur Pflichtlektüre jener Spezialeinheiten, mit deren Einmarsch vergangene Woche in Afghanistan der Einsatz von Bodentruppen begann - die zweite Phase der Jagd auf Amerikas Staatsfeind Nummer eins, den Terrorchef Osama Bin Laden. Über knapp fünf Seiten geben die Autoren Einblick in einen ganz besonders gefährlichen Kampf, der den amerikanischen Kommandosoldaten nun bevorsteht - den Tunnelkrieg.

Bis in die unzähligen, zum Teil etliche Kilometer langen, jahrhundertealten Bewässerungstunnel werden die Suchtrupps von Washingtons Eliteeinheiten vordringen müssen, fürchten Pentagon-Strategen, wenn sie die Führer des Terrornetzwerks al-Qaida und der Taliban im zerklüfteten Bergland am Hindukusch fassen wollen. »Das können Flugzeuge nicht leisten. Die können nicht auf dem Boden herumkriechen und Menschen aufspüren«, erläuterte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld den nun bevorstehenden Kampf. Ein Kampf buchstäblich bis aufs Messer.

Und den haben die Spezialisten - sei es der Delta Force, der Navy Seals, der Green Berets, der Fallschirmjäger, der Army Ranger und der britischen SAS - vorige Woche begonnen: in kleinen Gruppen, vom Norden eingeflogen, zunächst im zentralen Bergland sowie im Westen der Taliban-Zitadelle Kandahar.

Nach einem Bombardement von zwölf Nächten und fast ebenso vielen Tagen »tanzten schließlich nur noch die Trümmer«, berichtete ein Pilot, wenn die US-Kampfflugzeuge ihre Bombenlast abwarfen. Praktisch alle militärisch bedeutsamen Objekte - Kasernen, Waffenlager, Öltanks - waren zerstört, die wenigen flugtauglichen Kampfjets Kabuls in rauchende Blechklumpen verwandelt.

Wegen fehlender Ziele wurden den angreifenden Piloten schließlich »killing zones« zugewiesen: Gebiete, in denen sie ihre Waffen nach eigenem Ermessen gegen feindliche Kräfte, Truppenansammlungen etwa, Artilleriestellungen oder Panzer einsetzen durften.

Spätestens als das Pentagon dann »fliegende Artillerie«, zwei langsame Propellermaschinen vom Typ AC-130 U »Spooky II«, über Kandahar und der Hauptstadt Kabul herumkreisen ließ, stand fest: Auch die ältliche Luftabwehr der Gotteskrieger war schachmatt.

Nun sei es an der Zeit, »befreundeten Truppen« den Weg zu ebnen, hatte auf dem Weg zum Gipfeltreffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation (Apec) der oberste Kriegsherr George W. Bush ausgeplaudert. Er habe lediglich die Kämpfer der oppositionellen Nordallianz gemeint, beeilten sich Berater des US-Präsidenten zu versichern.

Möglichst wenig soll bekannt werden über diesen Krieg, der weitgehend im Dunkeln geführt wird. Und was bekannt wird, will das Pentagon selbst bestimmen - es hat deswegen gleich nach den ersten Fehlschlägen der »Präzisionsangriffe«, die sehr wohl zivile Opfer forderten, alle Satellitenfotos der Firma Space Imaging aufgekauft: Auf den Bildern ihres Ikonos-Spähsatelliten waren einzelne Taliban beim Marsch zwischen verschiedenen Ausbildungslagern zu erkennen. Luftaufnahmen mit toten Zivilisten hätten jedoch das Propagandakonzept der Washingtoner Strategen empfindlich gestört.

So gab es über die Opfer der zweiwöchigen Bombenkampagne unter der afghanischen Bevölkerung nur unzuverlässige Angaben. Von »mehreren hundert« Toten sprachen die Taliban. Fehlgeleitete Raketen hätten Wohnviertel in Kabul, einen voll besetzten Bus bei Kandahar, zwei von Nomaden bewohnte frühere Guerrilla- Camps getroffen.

Das Regime der Gotteskrieger verbreitete Durchhalteparolen. Ihr religiöses Oberhaupt Mullah Mohammed Omar, offenbar selbst nur knapp einer US-Attacke entgangen, rief seine Milizen zum Märtyrertod auf im Dschihad gegen die Supermacht der Ungläubigen, den »großen Kafir«. Allah werde die Taliban triumphieren lassen, versprach ihr Führer in Sätzen von manisch anmutender Todessehnsucht: »Der Tod kommt am zugewiesenen Tag, es gibt nichts zu fürchten. Wir sollten als Muslime sterben.«

Wo sich der von den USA gejagte »Chefterrorist« Osama Bin Laden mit seiner arabischen Prätorianergarde verbarg, blieb ungewiss. Berichte, Kabuls Außenminister Muttawakil habe bei einem Geheimbesuch in Islamabad die Auslieferung Bin Ladens für ein Gerichtsverfahren in einem neutralen Land angeboten, erwiesen sich als Rohrkrepierer. Dem Gast Osama »geht es gut«, beteuerte Kabuls Mann in Islamabad, der Schwarzturban-Botschafter Saif. Niemals werde sich Afghanistan den »ungerechten Forderungen« Amerikas beugen, »unsere Moral ist hoch«.

Allerdings räumte auch die Terrortruppe al-Qaida erste Verluste mit dem Tod von Gefolgsleuten bei Jalalabad ein. Aber Bin Ladens Militärkommandeur Mohammed Atif dräute, wie in Somalia würden getötete US-Soldaten demnächst auch »durch die Straßen Afghanistans geschleift«.

Vergebens forderten internationale Hilfsorganisationen und zahlreiche Politiker einen Bombenstopp. In solch einer Feuerpause, so der wohlmeinende Vorschlag, sollten über humanitäre Korridore die Notleidenden am Hindukusch mit Lebensmitteltransporten versorgt werden - angefangen mit jenen Provinzen, aus denen die Taliban bereits vertrieben wurden, also dem Norden. Nach Uno-Schätzungen sind 7,5 Millionen Menschen innerhalb Afghanistans und in grenznahen Flüchtlingslagern binnen weniger Wochen vom Hungertod bedroht, sind Hunderttausende obdachlos und auf der Flucht.

Doch die alliierten Militärs, Amerikaner und Briten, lehnten einen Bombenstopp ab. Eine Unterbrechung der Attacken, so die Begründung, helfe nur den Hardlinern bei den Taliban und Bin Laden.

Denn längst hatte der Countdown für die nächste Stufe der militärischen Eskalation in Asiens Herzland begonnen. Der selbst ernannte Sprecher des Bündnisses gegen den Terror, Briten-Premier Tony Blair, ließ keinen Zweifel mehr: Der Befehl zum Bodenkrieg war ergangen - und mit ihm hatte »die Zeit der Prüfungen« (Blair) begonnen.

Auch die Schlacht am Boden soll weitgehend geheim geführt werden. »Vieles wird man nicht sehen«, hatte Rumsfeld verkündet. Nicht nur eigene Verluste, auch die der Taliban sollen möglichst nicht bekannt werden, um einen Mitleidseffekt bei unsicheren Kantonisten unter Amerikas islamischen Partnern im Bündnis gegen den Terrorismus zu verhindern.

Denn jetzt drohen wirklich jene blutigen Gefechte, vor denen Politiker und Militärs seit Wochen warnen und die die Amerikaner im Kosovo-Krieg vermeiden konnten. Die Undercover-Kommandos, die Sabotagespezialisten, die Fernspäher und die kampfstarken Killertrupps dringen ein in ein Land, dessen Topografie sie nicht kennen, dessen Sprache sie nicht sprechen, dessen Kultur sie nicht verstehen und dessen kriegerische Geschichte sie nicht teilen. Wie schon so viele Eindringlinge vor ihnen könnten nun auch die Amerikaner scheitern auf diesem Friedhof der Invasoren.

In unbekanntem Terrain kann jeder Schritt der letzte sein, wenn er auf einer Mine landet, die zu Millionen in dem von 23 Kriegsjahren verwüsteten Land herumliegen. Hinter jedem Felsbrocken, hinter jeder Wegbiegung können fanatische Glaubenskämpfer hocken, die den eigenen Tod nicht scheuen und nur darauf warten, einem überlegenen Gegner schwere Verluste beizubringen.

Und die Gotteskrieger werden - getreu den Guerrilla-Lehren von Mao Tsetung - schwimmen wie Fische in den Flüchtlingsströmen und den Stämmen der Paschtunen, aus denen sie ihre Gefolgschaft hauptsächlich rekrutieren. Die herrschende Clique der Koranschüler lieben diese Menschen zwar nicht. Aber die ungläubigen »Befreier« aus dem Okzident hassen sie.

Auf die Hilfe jener, die sie von der Gewaltherrschaft der Taliban befreien wollen, dürfen Washingtons GIs nicht unbedingt vertrauen. Etliche der Überläufer, die von der Nordallianz bereits als Kombattanten verbucht worden waren, vollzogen vergangene Woche erneut einen Schwenk und wechselten zurück auf die Seite der Herrscher von Kabul. Und dann hat den Amerikanern auch noch einer der einst mächtigen Bürgerkriegsfürsten vorausgesagt, sie würden »sich noch nach Vietnam zurücksehnen": der aus dem iranischen Exil zurückdrängende Ex-Premier Gulbuddin Hekmatjar mit seinen Fundis von der Hisb-i-Islami (SPIEGEL 42/2001).

Selbst in der Nordallianz gibt es Kräfte, die statt des Bürgerkriegs nun lieber Afghanistans uralten Kampf gegen alle Fremden aufnehmen möchten. Auf Schritt und Tritt müssen die westlichen Alliierten - neben US-Truppen und britischen SAS-Soldaten vielleicht auch australische, kanadische und womöglich auch deutsche Eliteeinheiten- sich darüber im Klaren sein: Sie bewegen sich in einem zutiefst feindlichen Land.

Waffen trägt hier praktisch jeder Mann. Und keine Uniform unterscheidet den Kombattanten vom friedfertigen Bürger. Was eben noch wie ein Hilfe suchender Flüchtlingstreck aussah, kann sich wenig später als tödlicher Hinterhalt entpuppen. Solche Taktik kostete in drei anglo-afghanischen Kriegen Tausende Briten das Leben.

Mit äußerster Vorsicht werden sich deswegen die meist weniger als ein Dutzend Mitglieder zählenden Kommandos bewegen müssen. Schon das nächtliche Eindringen mit den schnellen, geräuschreduzierten Black-Hawk-Hubschraubern ist voller Risiken: Vor allem schultergestützte »Stinger«-Raketen, mit deren Hilfe die Mudschahidin einst die sowjetischen Besatzer in die Flucht schlugen, sind eine große Gefahr. Allerdings verfügen die US-Flieger über Leuchtfackeln, die speziell das Spektrum von Hitzestrahlen abgeben, auf welche die Suchköpfe der »Stinger« geeicht sind.

Einmal gelandet, stehen die Truppen vor anderen Schwierigkeiten. Um dort zu kämpfen, warnte ein britischer Stratege, brauche man »ein Bild von der Schlachtordnung des Gegners, aus dem sich ergibt, gegen wenn man kämpft und wo genau - das alles wissen wir noch nicht«.

Ein knappes Dutzend Spionagesatelliten richten ihre Spähsysteme auf das Land am Hindukusch. Der neueste Vertreter der KH-11-Serie, erst kürzlich auf seine elliptische Umlaufbahn gebracht, kann aus über 300 Kilometer Höhe noch wenige Zentimeter große Gegenstände identifizieren.

Drei supergeheime Spezialsputniks sollen weitere detailreiche Aufnahmen liefern. Kunststerne vom Typ »Lacrosse« machen selbst in tiefster Nacht, durch Wolken und bei Nebel Kriegsgerät sichtbar, das der Gegner gut verhüllt wähnt.

Und da die Weltraumspäher nur alle paar Stunden bestimmte Regionen überfliegen können, sind ständig Aufklärungsflugzeuge über Afghanistan unterwegs:

* U2-Höhenaufklärer, deren Präzisionskameras auch noch die Haarfarbe von Menschen erkennen lassen;

* Maschinen der »signal intelligence« wie etwa die RC-135 »Rivet Joint«, deren hoch empfindlichen Antennen kein Funkspruch, kein Handy-Gespräch, kein Radarsignal entgeht, das in Reichweite abgestrahlt wird;

* und schließlich noch unbemannte Drohnen wie der »Predator« oder der »Global Hawk«. Sie können viele Stunden lang in großer Höhe, aber mit superscharfen Objektiven ein Gebiet überwachen und alles, was sie sehen, in Echtzeit den Eliteeinheiten oder Kampfpiloten auf die Bildschirme senden.

Was aber fehlt zum kompletten Bild, ist die »humint«, die human intelligence, der menschliche Agent mit Augen und einem Hirn, die jedes Hightech-System schlagen.

Deswegen sind präzise Aufklärungsergebnisse Voraussetzung für den Beginn dieses Bodenkriegs. Eigens dafür ausgebildete Trupps der Eliteeinheit Green Berets, zu denen jeweils ein sprachkundiger Einheimischer gehört, waren die Ersten, die in Phase zwei in Afghanistan eindrangen. Ihre Aufgabe: Kontaktaufnahme mit Kräften der Nordallianz, aber auch mit Stämmen in Landesteilen, die den Taliban nicht gerade freundlich gesinnt sind.

Währenddessen begeben sich Fernspäher der SAS, der Ranger oder der Navy Seals auf Zielsuche im Kampfgebiet. Aus ihren Verstecken halten sie Ausschau nach allem, was sich bewegt: Fahrzeugkolonnen, marschierende Truppenteile, vielleicht noch der eine oder andere fliegende Hubschrauber. Per codiertem Funksignal führen sie eigene Luftstreitkräfte heran. Vielfach markieren sie deren Ziele dann auch noch mit einer Art Zeigestab - einem Laserstrahler, dessen Reflexion einer anfliegenden Bombe oder Rakete als Orientierungshilfe dient, um das anvisierte Objekt genau zu treffen.

Nur: Alleine kann diese Hightech-Truppe die Schlacht gegen die Taliban und Bin Ladens »Araber« kaum gewinnen. Sie ist auf die Schubkraft lokaler Partner angewiesen.

Doch noch immer ist die Kampfkraft der Nordallianz-Truppen eher mäßig, das Kriegsglück wechselte vorige Woche fast täglich die Fronten: Mal war die Allianz auf dem Vormarsch, dann wieder schlugen die Gotteskrieger zurück.

Rund um das strategisch wichtige Masari-Scharif, nur 56 Kilometer von der Grenze zu Usbekistan entfernt, hatten sich Taliban und Nordallianz-Truppen festgebissen. Der Kampf tobte bereits in den Vororten Marmol und Scherdian sowie rund um den Flughafen. Aber nicht Usbeken-General Dostam, früher wichtigster Warlord in Masar, war der Erste vor Ort, sondern Kommandeur Ustad Atta - ein Paschtune und ebenso berühmt in den Reihen der Mudschahidin.

In der Grenzstadt Hairatan, nicht weit von der Brücke über den Amu-Darja, die Afghanistan mit dem usbekischen Termes verbindet, hielten bis zum Freitag rund 2000 Taliban unbeirrt aus - wohl wissend, dass eine Aufgabe jenes Gebiets den Verlust des gesamten Nordens bedeutet. Ist die Straße zwischen Usbekistan und Masari-Scharif erst einmal frei, kann schwerer militärischer Nachschub ohne Umwege direkt in die Depots der Nordallianz rollen.

Auch die Amerikaner waren dringend an der Einnahme Masars interessiert: Sie wollen dort Basen für ihre Bodentruppen installieren. Die Taliban völlig vom Amu-Darja wegzubomben, vermochten sie zunächst jedoch nicht - weil sich in der von Inseln durchsetzten Flusslandschaft Tausende von Flüchtlingen befinden.

Die Mehrheit der jungen Soldaten der Nordallianz kennt den zehnjährigen Kampf gegen die sowjetischen Besatzer, der die Mudschahidin an die Macht brachte, nur vom Hörensagen. Am Frontabschnitt südlich des Kukschta-Flusses kann sich allein Kommandeur Mohammed Assam rühmen, schon mit den Russen, den »Schurawi«, gefochten zu haben. Die blutjungen Soldaten hier geloben, »hundertprozentig zum Angriff bereit« zu sein gegen »Bin Laden und die Terroristen«. Doch nicht nur Kämpfer, die Besucher schon mal um eine Spende für neues Schuhwerk bitten, bestärken den Verdacht, dass die Nordallianz bislang nicht einmal mit Hilfe der Weltmacht USA zur kriegsfähigen Armee aufgerüstet werden konnte.

Auch in den oberen Diensträngen der Truppe wachsen Enttäuschung und Groll über die ausbleibende Hilfe der vermeintlichen Alliierten. »Die Russen geben uns keine neuen Waffen, und die Amerikaner landen nicht«, klagt ein General, der eine Einheit am Pjandsch-Fluss bei Ay Khanom an der Grenze zu Tadschikistan befehligt.

Als Vortrupp der freien Welt gegen den islamischen Extremismus ist die Nordallianz, die ein Gebiet von der Größe Litauens kontrolliert, nicht nur deshalb schlecht gerüstet, weil ihre teils berittenen Kämpfer mehr an Karl May als an Hightech-Krieger erinnern. Im Alltag ist der Unterschied zwischen dem »Islamischen Staat Afghanistan« der Nordallianz und dem »Islamischen Emirat Afghanistan« der Taliban ebenso schwer auszumachen wie der Frontverlauf in Staub und Dunst am Hindukusch.

Gegenüber dem Schleierzwang der Taliban gewährt die Nordrepublik Wahlfreiheit: Frauen dürfen selbst entscheiden, welche Farbe der Schleier zeigen darf, der das Gesicht zu bedecken hat: Blau, Weiß oder Rot. Tragen sie ihn nicht, »bekommen sie Schläge von ihrem Mann«, gesteht Abdullah, Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes.

Kurz vor Beginn der nun angelaufenen Bodenoperationen machte sich in den nördlichen Anrainerstaaten Afghanistans Unruhe breit. In den früheren Sowjetrepubliken Mittelasiens geht die Angst um, die Anti-Terror-Aktion des Westens könne ihre Länder in Mitleidenschaft ziehen.

Vor allem Tadschikistan, derzeit wichtigstes Tor zur Außenwelt für die Nordallianz, befürchtet einen Gegenschlag der Taliban. In Duschanbe wurden daher vorige Woche die Wachen vor Kraftwerken und Staudämmen verstärkt. Als extrem gefährdet gilt der Pamir-Stausee Sares mit 16 Milliarden Kubikmeter Wasser.

Im benachbarten Kirgisien ist der Anteil jener, die sich in Umfragen gegen die Militäroperation der Amerikaner aussprechen, in den letzten Tagen auf 55 Prozent gestiegen - nur noch eine Minderheit steht hinter Präsident Akajew und dessen Ja zur Befriedung Afghanistans.

Sorgen macht sich der Westen aber vor allem um Usbekistan, dem einzigen Land der Region, das seine Grenzen für westliche Truppen geöffnet hat. Mit üppigen finanziellen Versprechen versucht Washington, Usbeken-Führer Islam Karimow bei der Stange zu halten: So soll die Armee demnächst für 35 Millionen Dollar mit neuen Waffen aufgerüstet werden - ein lange gehegter Wunsch Karimows. Auch Weltbank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung schließen Finanzspritzen für den Muslim-Staat nicht mehr aus.

Die verstärkte Anlehnung Taschkents an die Amerikaner verunsichert allerdings die Deutschen. Vorige Woche fragten sie beim usbekischen Präsidialamt an, ob Außenminister Joschka Fischer auf der Rückreise aus dem tadschikischen Duschanbe nicht für zwei Stunden Station machen sollte in Taschkent. Doch die Usbeken zeigten dem Botschafter die kalte Schulter: kein Interesse an einem Gespräch.

Der stramme Vormarsch der Amerikaner am Hindukusch machte auch Bushs wichtigsten politischen Partner in der Anti-Terror-Allianz - Wladimir Putin - zunehmend nervös. Mittwoch voriger Woche befahl der Kreml-Chef Russlands führende Generäle zu sich, um einen Plan zur »Sicherung russischer militärischer Interessen in Afghanistan und anderen Staaten Zentralasiens« festzulegen. Die geopolitische Lage in der Region sei »von Grund auf verändert«, klagten seine Militärs, seit Washington Moskaus früheren Satelliten Usbekistan als Aufmarschplatz benutze. Dafür hätten die USA Taschkent bereits Finanzhilfen von acht Milliarden Dollar in Aussicht gestellt.

Man müsse den wachsenden amerikanischen Einfluss schnellstens »neutralisieren«, appellierte die Armeeführung an ihren Oberkommandierenden. Moskau solle ebenfalls den Geldhahn öffnen und der Nordallianz Bares zukommen lassen - um wenigstens den Norden Afghanistans unter russischem Einfluss zu halten.

Auch auf andere Weise wollen die Generäle deutlich machen, dass am Hindukusch mit Russland noch zu rechnen ist: Sie setzten 1500 Soldaten an die tadschikisch-afghanische Grenze in Marsch - Tschetschenien-erprobte Kämpfer aus dem Uralgebiet. OLAF IHLAU,

SIEGESMUND VON ILSEMANN, UWE KLUSSMANN, CHRISTIAN NEEF

Uwe Klussmann
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