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KONJUNKTUR / KONKURSE Friedhof der Schwachen

aus DER SPIEGEL 36/1967

Der Tod kam am Wochenende. Nach einem letzten Telephongespräch mit einem Bankier schied der Chef der Warsteiner Eisenwerke AG, Dr. Franz Laaff, aus dem Leben. Man fand ihn im Badezimmer seines Privathauses. Er hatte sich erhängt,

Dem Direktor des größten Industrieunternehmens im sauerländischen Warstein graute vor dem Tag der Erniedrigung -- dem Tag, an dem alle Welt erfuhr, daß die Gesellschaft pleite ist. Nach Dr. Laaffs Freitod mußte die Verwaltung der Aktiengesellschaft Vergleich anmelden. Jetzt stehen im Warsteiner Werk sowie im hessischen Zweigbetrieb Holzhausen alle Räder still; 850 Arbeitern wurde gekündigt.

Wie Dr. Laaff verloren viele Männer der Wirtschaft in den letzten Wochen plötzlich die Nerven.

In der Garage neben seinem Auto erschoß sich in Arnstein bei Würzburg der Privatbankier und Landmaschinenhändler Franz Sauer mit seinem Jagdgewehr. Er gab sich an seinem 66. Geburtstag selbst den Tod -- wie schon sein Vater im Krisenjahr 1928. Jetzt wurde über Sauers spärlichen Nachlaß der Konkurs verhängt.

Angesehene Geschäftsleute, die als wohlhabend oder sogar als reich galten, gerieten über Nacht in Zahlungsschwierigkeiten. Sie kamen um ihren bürgerlichen Ruf, wenn sie den Offenbarungseid leisten mußten.

Im Wuppertaler Amtsgericht trat der grauhaarige Industrielle Joachim Baumgart, 69, vor den jungen Konkursrichter. Mit zitterndem Arm bekräftigte der Inhaber der Firma »Stahl und Tempergießerei Baumgart« im Gerichtssaal, daß seine Finanzen völlig erschöpft sind und daß er keine Vermögenswerte versteckte.

Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, und der jähe Zorn schrie aus ihm, als er im Rücken die feindseligen Blicke seiner 180 Gläubiger spürte: »Was wollen Sie denn noch? Meinen Opel-Admiral hat man mir doch schon weggenommen und sogar das Telephon abgeschnitten.«

Dann wankte er schweren Schrittes aus der Spießruten-Arena. Baumgart schuldet seinen Lieferanten und Mitarbeitern 7,7 Millionen Mark. Das Finanzamt, die Krankenkasse und die Bank für Gemeinwirtschaft haben sich das Anlagevermögen (7,4 Millionen Mark) bereits durch Grundpfandrechte gesichert.

Hunderte von westdeutschen Unternehmern sind wie Richard Kimble ständig auf der Flucht. Sie wollen aus dem Krisensumpf heraus und ihren Gläubigern entkommen, aber die meisten schaffen es nicht. Der Pleitegeier macht von Tag zu Tag mehr Beute. Aus der Konjunkturkrise entwickelte sich eine Hochkonjunktur der Konkurse.

Nach 16 Jahren stürmischen Aufschwungs gingen Tausende von Geschäftsleuten in die Knie. Dem Boom der Profite folgte der Boom der Bankrotte. Das Jahr 1967 scheint einen Rekord des Tiefgangs zu liefern. Seit Kriegsende schnellte die Sterbeziffer der Firmen noch nie so bedrohlich empor wie in diesem Jahr, das nach den Prognosen des Bundeswirtschaftsministers die große Wende, »den Start zu neuen Ufern bringen soll.

Von Januar bis Ende Juni erhöhten sich die Insolvenzen im Vergleich zum ersten Halbjahr 1966 um 40 Prozent. Jeden Tag hasten in der Bundesrepublik 20 bis 25 Fabrikanten, Kaufleute und andere Gewerbetreibende zu den Amtsgerichten, um Konkurs oder Vergleich anzumelden. Das ist für sie die letzte und härteste Konsequenz der Konjunkturkrise.

Mit jeder Betriebsliquidation schrumpft die Zahl der Arbeitsplätze. Jede neue Pleite verschärft die sozialen Spannungen, dämpft die Massenkaufkraft und trägt neue Unruhe ins Volk.

Die Misere begann 1966, als die Rezession 3301 westdeutsche Unternehmen ins Konkursunglück stieß. 382 mußten sich wegen ihrer Schuldenlast mit den Gläubigern vergleichen.

Die Justizbehörden registrierten im vergangenen Jahr 14,5 Prozent mehr Pleiten als 1965 und fast doppelt so viele Millionen-Konkurse. 1959 präsentierten die Gläubiger nur in 43 Konkursverfahren Forderungen von einer Million Mark und mehr, 1966 betrug die Schuldensumme bei 232 Pleiten jeweils mehr als eine Million. Dazu kamen in diesem Jahr bis Ende Juni 133 weitere Millionen-Konkurse.

Die Konjunkturlage einzelner Wirtschaftszweige läßt sich deutlich an der Kurve der Insolvenzen ablesen. Unter den Händen der Konkurs- und Vergleichsverwalter starben 1966 in der Bundesrepublik unter anderem:

> 552 Unternehmen des Baugewerbes,

> 93 Produktionsfirmen der Textilbranche und

> 84 Maschinenbau-Unternehmen. Sie wurden alle -- ohne Kranz -- auf dem Friedhof der Marktwirtschaft begraben. Die tödliche Krankheit hieß Auszehrung der Ertragsfähigkeit und des Eigenkapitals.

Im Handel erloschen 861 Firmen durch Konkurs oder gerichtlichen Vergleich, davon knapp die Hälfte Einzelhandelsgeschäfte wie Lebensmittel-, Hausrat- und Textilläden. Nach den Konjunkturgeschädigten folgen auf der Totenliste die Opfer der Strukturkrise in Bergbau und Landwirtschaft:

> etwa 80 Landmaschinenfabrikanten und Zulieferer der Montanindustrie, die zum Teil ihre Fabriken freiwillig stillegten oder ausschlachten ließen.

In Dortmund versuchte die Bergwerksmaschinenfabrik Schüchtermann & Kremer-Baum AG, eine Ersatzfertigung in Gang zu bringen. Sie baute Autobahn-Toilettenhäuschen, aber nachdem sie 300 Kabinen geliefert hatte, versiegten die Aufträge.

Jeder dritte Pleitebetrieb war bis zur Neige ausgehöhlt, als er in Konkurs ging. Über 1,1 Milliarden Mark verlangten im vergangenen Jahr die geprellten Gläubiger von ihren Schuldnern (1965: 660 Millionen Mark), 1261 Konkursanträge mußten jedoch mangels Masse abgelehnt werden.

Der Kölner Staatsanwalt Dr. Günther Bähr stellte in Dutzenden von Fällen fest, »daß buchstäblich bis zur letzten Sekunde gewirtschaftet wurde und enormen Verbindlichkeiten ein lächerlicher Restwarenbestand aus alten Ladenhütern gegenüberstand, der noch nicht einmal ausreichte, um im Falle der Versilberung die Verfahrenskosten zu decken«.

Dr. Bähr schätzt, daß »die durch Wirtschaftsstraftaten -- wie Insolvenzdelikte -- verursachten Schäden um ein Vielfaches größer sind als diejenigen, die durch andere Täter, etwa Diebe, Räuber und Erpresser, angerichtet werden. Unter Berücksichtigung der Dunkelziffer, das heißt der nicht angezeigten und aufgeklärten Fälle, beträgt der Schaden jährlich zwischen einer und 1,5 Milliarden Mark«.

351 343 Wechsel mit insgesamt 604,5 Millionen Mark unerfüllter Zahlungsversprechen gingen im vergangenen Jahr zu Protest, und 733 237 Schecks im Werte von 649 Millionen Mark waren nicht gedeckt (1960: 307 Millionen Mark).

Während in vielen Betrieben, vor allem in der Textilindustrie, immer noch kurz gearbeitet wird, müssen Konkurs- und Vergleichsverwalter Überstunden leisten. In Köln klagte der Erste Staatsanwalt, daß er mit seinen wenigen Hilfsleuten die Flut der dubiosen Insolvenzen selbst in Tag- und Nachtarbeit nicht mehr bewältigen könne. Er forderte beim Landeskriminalamt in Düsseldorf Verstärkung an -- vergeblich, denn überall grassiert der Pleitevirus in der breiten Mittelschicht und im Parterre der Wirtschaft.

Wenn in früheren Jahren der Pleitegeier die Schwingen spreizte, suchte er seine Opfer vor allem unter den Großen. So packte er den tüftelnden Automobilfabrikanten Carl Borgward, der kein Kaufmann war; den Ruhr-Industriellen Hugo Stinnes jun., der seine Kräfte beim Konzern-Neubau überschätzt hatte; den entthronten Strumpfkönig

Peter Margaritoff und den Nachkriegsmillionär Willy Schlieker.

Heute wütet die Pleite vorwiegend im Parkett. Das wirtschaftliche Sterberegister 1967 reicht zur Zeit vom Maurermeister Dieter Ammon in Fürth bis zum Metailhandeishaus Friedrich Zöllner in Köln. Das Krisengewitter traf alle Schwachen, und man erkennt deutlich, wo der Blitz einschlug.

An der grünen Peripherie der Städte stehen die Ruinen des gestoppten Wohlstands -- halbfertige Eigenheime und Reihenhauskolonien. Ihren Bauherren ist die Kreditquelle versiegt, oder sie sind pleite. Oft waren es schnelle Konjunkturritter, Makler oder Immobilien- und Bauträger-Gesellschaften, deren Chefs schon seit Jahren auf dünnem Seil balancierten.

Bei Lüneburg verödete eine ganze Wohnsiedlung. Aus den fast fertigen Bauten rissen die Handwerker Heizkörper und Installationen wieder heraus, als sie erfuhren, daß über den Bauträger -- die Elementbau GmbH -- Konkurs verhängt ist. Die Gesellschaft investierte etwa 9,5 Millionen Mark in Grundstücken und Bauten, aber 15,5 Millionen Mark wären noch erforderlich, um die Häuser fertigzustellen. Elementbau-Geschäftsführer Uwe Kummer behauptet, daß ihm Zwischenkredite verweigert wurden. In der Wiesbadener Innenstadt rührt sich auf dem Betonskelett eines Parkhochhauses keine Hand mehr; der Bauherr, die Terra-Baubetriebe GmbH, Braunschweig, machte Konkurs. In Soltau blieb ein Krankenhausprojekt im Rohbau stecken; der Generalunternehmer, die Clinomobil-Hospitalwerk GmbH, ging in Konkurs. Im oberbayrischen Waldkraiburg am Inn kam kürzlich der Großbau eines Altenwohnheims für 3,2 Millionen Mark unter den Hammer. Die Baugesellschaft Heimwerk GmbH ist so pleite, daß der Konkurs mangels Masse eingestellt wurde.

Bundeswirtschaftsminister Schiller mußte sich in den letzten Wochen immer wieder das Krisengeschrei der durchgerüttelten Branchen anhören.

Seit die Bundesregierung dem Krupp-Konzern über die Klippe half, fordern viele Konjunkturgeschädigte. die gleiche Hilfe. »Was Herrn Krupp recht ist, muß künftig jedem deutschen Unternehmer billig sein«, trompetete das Organ der Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer. Der Präsident des Gesamtverbandes der Textilindustrie, Nicolaus H. Schilling, rückte mit seinem Stab in Bonn an und verlangte Drosselung der Hongkong-Einfuhren. Im letzten Halbjahr mußten 81 Textilbetriebe und 109 Bekleidungsfabriken mit insgesamt 41 833 Beschäftigten ihre Tore schließen. In der Strumpfindustrie gingen seit 1960 rund 60 Betriebe ein.

Das Unternehmersterben wurde auch durch die EWG-Konkurrenz beschleunigt, die ungehemmt in die Bundesrepublik brandet. So war zum Beispiel die Warsteiner Eisenwerke AG der Importschwemme italienischer Badewannen nicht mehr gewachsen. Die Italiener liefern zu Preisen, die in War-

* SPIEGEL 24/1957, 51/1980, 31/1962, 3311962.

** Stehend -- am 9. März vor der Bundespressekonferenz in Bonn.

stein kaum die Material- und Lohnkosten decken.

Die Schuhindustrie steht ebenfalls unter hartem Druck, weil fast jeder dritte neue Schuh an den Beinen der Bundesbürger aus dem Ausland -- vorwiegend aus Italien -- stammt. Der Umsatz rein deutscher Lederschuhe schrumpfte im vergangenen Jahr um 5,3 Millionen Paar, obwohl die Westdeutschen nach den US-Amerikanern die zweitgrößten Schuhverbraucher der Welt sind (jährlich 3,5 Paar je Einwohner).

Während der letzten Monate mußten in der Pfalz sieben Schuhfabrikanten Vergleich oder Konkurs anmelden, weil die Italiener sie mit ihren modischen Pumps, Pantoletten, Trotteurs und Slippers aus den Schaukästen des Einzelhandels verdrängten*. Seit Jahrzehnten -- teils seit Generationen -- hatten die Hinterpfälzer Schuhe produziert, aber als sie versuchten, mit den welschen Preisen mitzuhalten, gerieten sie in die roten Zahlen.

In der Elektrobranche setzen die italienischen Kühlschrank- und Waschmaschinenhersteller ihre westdeutschen Kollegen unter Dampf. Jüngstes Opfer: das Volkskühlschrank-Werk Alaska Dieter Schildbach KG, Bergneustadt. Der 1000-Mann-Betrieb, der unter anderem für das Großversandhaus Quelle produzierte, mußte Vergleich beantragen.

Der Stuttgarter Waschmaschinenfabrikant Albert Glemser (Marke Frauenlob) kapitulierte freiwillig vor den Italienern; er gab den Betrieb auf und betätigt sich jetzt als Vertreter.

An der Spitze der Konjunkturgeschädigten steht jedoch die Bauwirtschaft. Sie leidet noch unter Blessings vorjähriger Kreditoperation und der Ebbe in den öffentlichen Kassen. Es vergeht kein Tag, an dem nicht Bauunternehmer, Maurer- oder Zimmermeister, Architekten oder Bauingenieure, Heizungsbauer, Fertighaus-Monteure, Parkett- oder Fliesenleger die bundesdeutschen Insolvenzlisten um mehrere Namen verlängern.

1966 kletterte die Pleitequote im Baugewerbe um 36 Prozent, aber die harte Auslese geht weiter. Jahrelang herrschte im ganzen zementhaltigen Gewerbe Goldgräberstimmung. Die Branche gebar wie durch Zellteilung immer neue Unternehmer-Existenzen. Geschickte Facharbeiter, Baggerführer oder Maschinenwärter machten sich selbständig.

Sie waren von dem Profit geblendet, den ihre hemdsärmeligen Chefs mit ein paar modernen Baumaschinen oder Muldenkippern einfuhren. Die Unternehmerrekruten kauften für wenige tausend Mark altes Gerät, etablierten ihre Firma in der Wohnküche und mauserten sich während

* Miranda-Schuhfabrik, Rieger & Weber GmbH in Thaleischweiler; Wilhelm Cronauer Schuhfabrik, Burgalben: Heros-Schuhfabrik Hermann Euringer, Rodalben; Ludwig Ledermann GmbH, Pirmasens; Brödel & Co., Trippstadt; die Wasgau Schuhfabrik Karl Reinhard KG, Ludwigswinkel, und die Friedr. Reinhard KG, Bundenthal und Pirmasens.

des Baubooms zu robusten Geldverdienern, ohne jedoch solide kaufmännische Kenntnisse zu erwerben.

Auch der Handel quoll auf. Ehemalige Vertreter oder Filialleiter verkauften Baumaschinen und Material auf eigene Rechnung. Sie kamen zurecht, solange die Konjunktur blühte. Banken gaben Darlehen und die Fabriken großzügig Lieferantenkredit, um die vielen neuen Roboter der Bautechnik absetzen zu können. Im Tal der Konjunktur bekam jeder vierte Bauarbeiter die Papiere, und jede vierte Baumaschine -- meist noch gar nicht abbezahlt -- stand plötzlich still.

Seit 1950 hatte die Baumaschinenindustrie ihre Kapazität um das Achtzehnfache vergrößert; sie wuchs dreimal so stark wie der gesamte westdeutsche Maschinenbau. Auch Kleinbetriebe, die früher etwa gußeiserne Stallfenster, Viehtränken und Düngerlader produziert hatten, stellten sich auf Bagger, Betonmischmaschinen und Planierraupen um. Geschickte Konstrukteure bauten nach, was auf den Baumessen gerade Dernier cri war.

Schließlich drängten 280 westdeutsche Fabrikanten den Bauunternehmern ihre neuesten Kipper und Kräne auf. Im harten Konkurrenzkampf mit den amerikanischen Riesen Caterpillar, Massey-Ferguson und Ford verwöhnten sie ihre Kundschaft mit Rabatten und Vergünstigungen. Sie nahmen alte Maschinen großzügig in Zahlung und rechneten erst ab, wenn die neuen Geräte den Anschaffungspreis schon fast verdient hatten.

In der ganzen Baubranche war das gewagte Unternehmerspiel -- Aufschwung auf Pump -- sehr beliebt. Im größten Stil wurde es in Augsburg von einem jungen Streber, dem Bauingenieur Werner Günther, betrieben. Der leidenschaftliche Sportflieger -- begehrtester Junggeselle der Stadt -- hatte von seinem Vater Eusebius eine bescheidene Firma, mehrere Grundstücke und eine Kiesgrube geerbt. Drei Banken und acht Teilzahlungsinstitute halfen ihm mit rund acht Millionen Mark, den modernsten Baubetrieb Schwabens aufzuziehen. Günther stellte 320 tüchtige Facharbeiter ein, zahlte ihnen Spitzenlöhne, kaufte 100 Lastwagen und führte seine Garde zu den Großbaustellen der öffentlichen Hand.

Der Bund, das Land Bayern und eine Anzahl Gemeinden gaben ihm Millionenaufträge. Seine Umsätze kletterten auf zehn bis zwölf Millionen Mark jährlich, doch die Erlöse reichten kaum aus, um die Betriebskosten zu decken und den Schuldenberg abzutragen.

Von Zins- und Wechselverpflichtungen gepeinigt, drehte der Besitzer von drei Sportflugzeugen gewagte Loopings. Er stach bei Ausschreibungen oft die Mitbewerber durch billigste Angebote aus und setzte dadurch bei Arbeiten auf einem Bundeswehr-Schießplatz eine halbe Million Mark zu, beim Ausbau der Bundesstraße 12 sogar 750 000 Mark.

Stiller Gewinner war der Staat, der ihn Mitte vergangenen Jahres plötzlich im Stich ließ, als die öffentlichen Aufträge wegen der Haushaltsmisere gestoppt wurden. Günthers teure Mischanlagen, die Millionen gekostet hatten, standen still. Sie hatten sich schon vorher als Fehlinvestition entpuppt und waren knapp zur Hälfte ausgelastet.

Mit Hilfe seines zukünftigen Schwiegervaters und der ganzen Günther-Sippe, die den aufmuckenden Banken Grundstückssicherheiten, Bürgschaften und Bargeld im Gesamtwert von 4,2 Millionen Mark gaben, versuchte der Augsburger, die Flaute zu überwinden. Vor einigen Monaten krachte das aufgeblähte Unternehmen jedoch unter der Last von 12,1 Millionen Mark Schulden zusammen. Kürzlich mußte Günther den Offenbarungseid leisten.

Die ungesunden Usancen des Aufschwungs auf Pump rissen auch solide Unternehmer ins Verderben. 1945 war der württembergische Baumaschinen-Industrielle Paul Böhringer auf der Flucht vor den Russen durch die Moldau geschwommen, 1966 versank er als einer der ersten seiner Branche im Strom der Liquiditätskrise. Um mehr verkaufen zu können, hatte er seinen

Kunden Baumaschinen auf Wechsel überlassen, für die ihm Teilzahlungs-Banken Bargeld vorstreckten.

Als Böhringers Kunden -- meist kleine Bauunternehmer -- die mehrmals prolongierten Wechsel nicht einlösen konnten, verlangten die Banken schließlich von dem Fabrikanten Kasse: insgesamt 17,3 Millionen Mark. Das bedeutete Konkurs.

Jeder fünfte Baumaschinenhändler in der Bundesrepublik mußte Vergleich oder Konkurs anmelden, weil seine Abnehmer nicht zahlen konnten oder schon pleite waren. Da sich wegen der tristen Situation nur noch wenige Baufirmen Neuanschaffungen leisteten, schrumpfte der Umsatz der Baumaschinen-Industrie im vergangenen Jahr von 2,1 Milliarden Mark (1965) auf 1,8 Milliarden. Auf den Fabrikplätzen stauten sich für eine halbe Milliarde Mark unverkaufte Bagger, Mischer und andere technische Tatzelwürmer.

In Buir bei Köln starb die Bagger-Firma M. & K. H. Schreiner, weil ihre Banken für 250 000 Mark Überbrückungskredit 28 Prozent Zinsen und Gebühren verlangten. Das war für das geschwächte Unternehmen zuviel.

In Velbert bei Essen trugen zwei kräftige Männer im Januar ihren toten Chef, den Betonmischer-Fabrikanten Karl Pototzki, aus dem Direktionszimmer. Sein Herz, mit Existenzangst überladen, hatte ausgesetzt. Einen Tag vor seinem Begräbnis beantragte sein Anwalt ein gerichtliches Vergleichsverfahren. Pototzki war nicht nur unter der Last der Baukrise zusammengebrochen -- auch die Automobilindustrie, für die der Westfale in seinem modernen Betrieb Stanzteile herstellte, hatte ihn im Stich gelassen.

Die Absatzkrise der Automobilfabriken warf ihre Schatten noch auf viele andere Satelliten. So gaben zum Beispiel Daimler-Benz und das Volkswagenwerk der schon seit längerer Zeit notleidenden Bedburger Wollindustrie AG bei Köln den Todesstoß, als sie keine Polsterstoffe mehr abnahmen. Bis dahin hatte die Weberei fast zur Hälfte von solchen Aufträgen gelebt.

Wirtschaftsprüfer und Wirtschaftswissenschaftler untersuchten mit akademischer Gründlichkeit eine große Anzahl Insolvenzen, um hinter die Ursachen der vielen finanziellen Herzinfarkte zu kommen. Sie stellten in den meisten Fällen fest:

> zu geringes Eigenkapital,

> Überschuldung durch zinsteure Fremdmittel,

> rückläufige Beschäftigung,

> Über-Investitionen, aber auch

> grobe Fehler im Management.

Wegen solcher Fehler kam selbst ein so routinierter Geschäftsmann wie der Münchner Finanzier Rudolf Münemann mit Firmen, die er protegierte, in den Sog der Pleiten. In letzter Zeit fiel sein Name oft im Zusammenhang mit dem Konkurs der Clinomobil-Hospitalwerk GmbH, Langenhagen bei Hannover, die rollende und fliegende Krankenstationen -- Clinomobile und Clinocopter -- herstellte. 1954 hatte der frühere Kleinfabrikant zahnmedizinischer Artikel Hermann Heise die Gesellschaft gegründet. Münemann finanzierte das Unternehmen aus einer humanitären Regung: »Wir haben soviel Scheußlichkeiten auf uns geladen und sollten jetzt dafür sorgen, daß die Negerfürsten sagen: »Die Deutschen haben wirklich ein Herz für uns. Sie helfen uns, die bösen Krankheiten zu bekämpfen."«

Dieses Argument leuchtete auch Bundespräsident Heinrich Lübke ein, der auf seinen Repräsentationsreisen 24mal Clinomobile -- das Stück zu 75 000 Mark -- verschenkte. Als Heise jedoch, auf Großaufträge erpicht, seine Autokliniken auf Kosten der Bonner Entwicklungshilfe exportieren wollte, stieß er auf Ablehnung. Er mußte das Risiko selbst übernehmen.

Während der geschäftlichen Anspannung verlor er seinen kaufmännischen Direktor Werner Graf von der Schulenburg, der bei Bielefeld mit seinem Wagen auf einen querstehenden Lastzug prallte. Der Graf hatte Heises überschäumende Phantasie oft gezügelt; nach seinem Tod fehlte diese Bremse.

Obwohl die Clinomobil GmbH nur eine Million Mark Grundkapital besaß, gab Heise fünf Millionen Mark für technische Experimente aus. Als er sich neben seinen mobilen Objekten auch noch mit dem Bau stationärer Kliniken befaßte, brach seine Gesellschaft zusammen. Gönner Münemann gewährte seinem Favoriten zwar ein Moratorium, aber die anderen Gläubiger trieben ihn unerbittlich in den Konkurs.

Auf der Talsohle der Konjunktur rächten sich alle Sünden schlechter Betriebsführung oft in grotesker Weise. Aus solchen Mängeln braute sich die bisher schlimmste Pleite des Jahres in Köln zusammen. Dort mußte vor kurzem die Metallhandeisgesellschaft Friedr. Zöllner OHG (Jahresumsatz 300 Millionen Mark) wegen 64 Millionen Mark Verluste Vergleichsantrag stellen.

In knapp einem Jahr hatte ein Prokurist fast das ganze Firmenvermögen an der Börse verspielt. Die beiden Inhaber der Firma, Hellmuth und Ernst Zöllner, zwei alte Gentlemen der Kölner Society, hatten die einträglichste Abteilung ihres Hauses, den Kupferhandel, ihrem Prokuristen Rolf Dünwald übertragen.

Der stämmige Westfale kaufte über viele Firmen Altmaterial auf und ließ es in der Berliner Kupfer-Raffinerie umschmelzen, die das regenerierte Material dann über die Londoner Metallbörse wieder in den Handel brachte.

Das Geschäft florierte, bis der Präsident der jungen afrikanischen Republik Sambia, Dr. Kenneth Kaunda, vor einem Jahr den internationalen Kupfermarkt unter Druck setzte. Bis dahin hatten Sambia, der Welt größter Kupferexporteur, und die meisten anderen Erzeugerländer ihre verhütteten Minen-Produkte (Primär-Kupfer) nur direkt an die Großabnehmer zu relativ niedrigen Festpreisen geliefert.

Außerdem wird Kupfer noch an der Londoner Metallbörse gehandelt, wo der Preis je nach Angebot und Nachfrage stark schwankt. Als der Börsenpegel im April den Sambia-Preis um das Doppelte überragte, wurden die Afrikaner lüstern. Die Minengesellschaften kündigten alle Kunden-Verträge und zogen nun auch an die Warenbörse. Seither drückt dort ihr starkes Angebot den Kurs.

Der Preissturz brachte Zöllners Berliner Interessenpartner in Schwierigkeiten. Um mit den Afrikanern konkurrieren zu können, mußte Dünwald der Raffinerie den Schrott billiger liefern. Schließlich verlangte der Berliner Großabnehmer so hohe Preisabschläge, daß die Kölner dabei mehrere Millionen Mark einbüßten.

»Zunächst war uns unverständlich«, sagt Zöllners Rechtsberater Dr. Erich Grüter, »warum Dünwald diese verlustreiche Belieferung nicht stoppte. Er berief sich immer auf angebliche Vertragsbindungen.«

Bei einer Zeugenvernehmung des Kölner Amtsgerichts stellte sich jedoch heraus, daß Dünwald eine Ankaufsoption auf fast die Hälfte der Anteile an der Holding-Gesellschaft der Kupfer-Raffinerie, Transitmetall GmbH in Zürich, besaß. Die Familie Zöllner sieht in diesem privaten Engagement ihres Prokuristen, das er ihnen verheimlichte, den ersten verhängnisvollen Schritt zum Abgrund.

Um die Verluste im Berlin-Geschäft zu vertuschen, begann Dünwald, in großem Stil an der Metallbörse zu spekulieren. Der Prokurist verkaufte über Londoner Börsenmakler fast ein Jahr lang Tausende von Tonnen Kupfer -- freilich nur auf dem Papier der Kontrakte. Der Preis wurde jeweils bei Kontraktabschluß festgesetzt. Die Ware sollte nach etwa drei Monaten geliefert werden. Auf weiteres Absinken der Preise hoffend, glaubte Dünwald, die Partien, die er nie besaß, inzwischen möglichst billig einkaufen zu können. Dann wäre kräftig verdient worden.

Doch schon das erste Luftgeschäft brachte Verlust. Wegen der politischen Spannungen durfte Sambias Kupfer nicht durch Südrhodesien zu den Verschiffungshäfen rollen; statt der erwarteten tiefen Baisse registrierte das Börsenbarometer leichte Hausse. Auch bei allen übrigen Termingeschäften hatte Dünwald Pech; immer wieder warfen ihn politische Affären oder Streiks ins Defizit.

So ritt er die Firma ohne Wissen der Chefs in den Schuldensumpf, denn nach jedem verunglückten Termingeschäft mußte der Prokurist die Verlustdifferenz an der Londoner Börse durch Banküberweisungen ausgleichen. Da Dünwald Generalvollmacht besaß und das Kölner Familienunternehmen seit drei Generationen in hohem Ansehen stand, schöpften die Hausbanken keinen Verdacht und gaben großzügig Kredit, als die Guthaben erschöpft waren -- insgesamt 25 Millionen Mark.

Hellmuth Zöllner -- der Chef, der keiner war -- kam gerade aus dem Urlaub zurück, als Dünwald nicht mehr weiter wußte und sich mit Selbstmordgedanken trug. Der Angestellte mit 2000 Mark Monatsgehalt, der über viele Millionen verfügen durfte, beichtete erst, nachdem der Chef der Deutschen Bank in Köln, Dr. Franz von Bitter, Mitte März ungedeckte Zöllner-Schecks zurückgewiesen hatte.

Tags darauf ließ die Dresdner Bank Zöllner-Wechsel platzen. »Meinem Vater und meinem Onkel brach eine Welt zusammen«, sagt Junior-Chef Klaus Zöllner. »Sie können es nicht fassen, daß nach 90jähriger Firmengeschichte alles zu Ende sein soll. Dünwald hat zwei Familien ins Unglück gestürzt.«

Der einzige männliche Zöllner-Erbe bekennt aber auch, daß in der Geschäfts-Zentrale am Kölner Barbarossa-Platz der Boß fehlte: »Mein Onkel Hellmuth kümmerte sich traditionell nur um Erze, und mein Vater leitete die Akkumulatorenfabrik in Hoppecke«, eine Nebengesellschaft, die wie die Zöllner-Villen und das übrige Privatvermögen jetzt den Banken und Gläubigern geopfert werden muß.

Diese bisher größte Insolvenz des Jahres 1967 wird wahrscheinlich noch eine Kette von Pleiten im Metallhandel auslösen, weil eine Anzahl Zöllner-Lieferanten den Verlust, den sie auch im günstigsten Fall beim Vergleich tragen müssen, nicht überleben werden.

In Kürze wird der Name Zöllner noch einmal in der Weltpresse auftauchen, wenn in New York ein zweiter Prokurist -- Rolf Duenbier, Vizepräsident der Zoellner Corporation in USA -- vor den Richter treten muß. Dieser ebenfalls etwas extreme Kaufmann operierte noch kühner als sein Kollege Rolf Dünwald -- er versuchte es mit Dynamit.

Während Dünwald heimlich auf Baisse spekulierte, setzte Duenbier heimlich auf Hausse. Er unterhielt in den USA ein kleines Kupfer-Depot und wollte es durch einen kühnen Handstreich in Gold ummünzen. Zusammen mit einem Desperado, der in Israel fünf Kumpel der ehemaligen Terroristenorganisation Stern anwarb, wollte Rolf Duenbier in Sambia eine Eisenbahnbrücke sprengen, über die das preislabile Kupfer zur Küste rollt. Die Explosion sollte Sambia mehrere Wochen lang vom Markt fernhalten und die Preise noch einmal kräftig in die Höhe treiben; dann wollte Duenbier mit seinem Vorrat in Amerika wuchern. Den Sprengstoff hatte er -- in eine alte Hose verpackt -- mit einem Linien-Jet schon nach Sambia gebracht, da wurden seine Komplicen in Tel Aviv verhaftet. Er selbst muß sich demnächst wegen Sprengstoffschmuggels und Luftverkehrsgefährdung vor Gericht verantworten.

»Go to hell«, antwortete der Sekretär des New Yorker Zöllner-Büros, als der SPIEGEL Duenbier fragen wollte, ob der Bombenplan tatsächlich sein eigenes Hirngespinst war und wieviel er damit zu verdienen gedachte -- für die eigene Tasche oder für die Firma.

Mit etwa jeder vierten Insolvenz befaßte sich in letzter Zeit die Strafjustiz. Viele angeschlagene Unternehmer verstanden das Wort Pleite (jiddisch: pleto) nach seinem Ursprungssinn als Flucht vor der Verantwortung. Der Slalomlauf zwischen den Gläubigern machte sie leichtsinnig.

»Ich jongliere wie Rastelli mit den Finanzen«, so rühmte sich der Braunschweiger Immobilienhändler Karl Heinz Moos noch vor einem Jahr. Gleichwohl fiel es Moos immer schwerer, Kreditgeber zu finden, als sein Ferienhaus-Geschäft nicht mehr lief. Unseriöse Firmen hatten den Handel mit zweiten Wohnsitzen in Verruf gebracht. Außerdem verlor der Bungalow im Süden -- jahrelang Statussymbol der Oberschicht -- an Reiz, seit vielen Wohlstandsbürgern die Krisenfurcht im Nacken sitzt.

Moos verhandelte sogar mit dem Vermögensverwalter des Kongo-Renegaten Moise Tshombé und wollte dessen Fluchtkonten anzapfen, auf denen 400 Millionen Dollar liegen sollen. Schließlich gründete der Braunschweiger Rastelli eine Holding, für die er Kommanditisten suchte. 60 000 Ärzte und 12 000 Unternehmer erhielten die freundliche Einladung, Kommanditanteile zu erwerben.

Die Prospekte wiesen eine urgesunde Gesellschaft aus mit hohem Beteiligungskapital und 1,735 Millionen Mark Außenständen. Die meisten Empfänger merkten nicht, daß es sich um wenig liquide Moos-Gesellschaften handelte und um Forderungen innerhalb der verschachtelten Firmengruppe.

»Moos trieb ein frivoles Spiel mit der Hoffnung«, sagte einer der Hauptgeschädigten, Kaufmann Dr. Kurt Ristau in Berlin, als der Braunschweiger kürzlich in Konkurs ging. »Heute weiß ich, daß ich einen Hasen für einen Löwen gehalten habe.«

Je mehr während der Goldgräberzeit verdient wurde, desto tiefer sank die Geschäftsmoral. Vor kurzem mußte die Prof. Lauermann GmbH in Düsseldorf, Westdeutschlands größtes Stukkatur- und Verblendunternehmen (25 Millionen Mark Jahresumsatz), Konkurs anmelden.

Die Firma hatte sich auf die Innenverkleidung von Kauf- und Bürohäusern spezialisiert; jahrelang produzierten ihre Chefs aber auch in ihrer Buchhaltung Blendwerk. Sie lenkten einen Teil der Einnahmen in die sogenannte S-Kasse (schwarze Kasse) und finanzierten mit den unversteuerten Beträgen nicht nur Luxusbedürfnisse, sondern auch Bestechungen.

Außerdem stellten sie mit gefälschten Stempeln imaginäre Lieferanten-Rechnungen her, um in der Steuerbilanz möglichst hohe Kosten auszuweisen und den steuerpflichtigen Gewinn zu mindern. Obwohl die Arbeiter niemals Weihnachtsgratifikation erhielten, wurden dafür große Summen verbucht.

Die Manipulationen sicherten durch, nachdem der Firmeninhaber Dr. Albert Stenzel seinen alten Geschäftsführer wegen Unterschlagung gefeuert hatte. Als dann bei Lauermann Steuerfahnder und Kriminalisten ein- und ausgingen und auch Kaufhaus-Konzerne in die Untersuchungen hineingezogen wurden, gab es für die Firma nicht mehr viel zu putzen.

Um ihre Arbeitsplätze zu retten, erklärte sich die halbe Belegschaft bereit, aus eigenen Ersparnissen das Gesellschaftskapital aufzustocken und das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Aber der Konkurs war nicht mehr aufzuhalten. Statt eines Geldgeschenks zum 75. Firmenjubiläum erhielten die 700 Arbeiter und Angestellten das Kündigungsschreiben.

Manche Pleiten erinnern an den Ausspruch Schopenhauers: »Reichtum gleicht dem Seewasser; je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man.« Im West-Berliner Gefängniskrankenhaus liegt zur Zeit der Geschäftsmann und Bonvivant Erich Bartsch, 55, der in den ersten Nachkriegsjahren zu Geld gekommen war. 1949 hatte er die Firma »Karl Schmolke -- Das kleine Kaufhaus« erworben, die er zu einem Schuh-Filialunternehmen ausbaute.

Seine Ladenkette reichte von Neukölln bis New York, wo er während der Berlin-Begeisterung zwei Berolina-Geschäfte eröffnete. Der expansive Kaufmann widmete sich auch dem Kataloggeschäft ("Berolina-Versand"), gründete eine Werbegesellschaft und beteiligte sich am Juwelenhandel. Um seine Finanzbasis zu verbessern, ließ er die vor 28 Jahren geschlossene Grundbesitz- und Handelsbank wieder aufleben, bei der seine Lieferanten ihr Geld deponieren sollten.

Mit dieser Bank im Rücken stürzte sich Bartsch in geschäftliche Abenteuer. Er beteiligte sich an der Nürnberger Fritsch Schuhhandelsgesellschaft, bei der er gleich sechs Millionen Mark Verluste abdecken mußte. Außerdem büßte er bei anderen flauen Geschäften rund neun Millionen Mark ein. Vergeblich lief er von Bank zu Bank, um den Aderlaß mit Krediten zu stoppen.

Da ihm niemand mehr Geld lieh, nahm er es aus den Tresoren seiner eigenen Bank. Als er sogar die amtlich vorgeschriebenen Mindestreserven angriff, kündigte einer der Geschäftsführer und alarmierte die Landeszentralbank. Nach einer Revision ließ das Bundesaufsichtsamt die ausgehöhlte Bank schließen.

In den Berliner Nobelgaststätten und Nachtlokalen zeigte der Schuhfilialist noch ein halbes Jahr lang sein verschmitztes Gesicht; dann war er mit seiner ganzen Firmengruppe am Ende. Sie ging 1966 mit 25 Millionen Mark Schulden in Konkurs. Wegen aktienrechtlicher Untreue wurde Bartsch kürzlich zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. In einem zweiten Prozeß muß er sich noch wegen Konkursverbrechens und Unterschlagung verantworten.

Die rücksichtsloseste Pleite des vergangenen Jahres leistete sich der große amerikanische Werkzeugmaschinen-Konzern H. K. Porter Company Inc. Pittsburgh (Jahresumsatz 1,18 Milliarden Mark), der 1964 in Remscheid die »Gemse«-Feilenfabrik Ernst Benner aufgekauft hatte. Amerikanische Manager krempelten den florierenden Betrieb völlig um und versuchten, mit hohen Rabatten den Markt zu erobern. Das Experiment schlug jedoch fehl.

Da Porter-Präsident J. Stuart Morrow die Verluste nicht ausgleichen wollte, obwohl der Konzern 1966 weltweit 30 Prozent mehr Gewinn erzielte als im Jahr zuvor, ging die Remscheider H. K. Porter Deutschland GmbH in Konkurs. Großgläubiger sind der frühere Besitzer Benner, der noch Anspruch auf 600 000 Mark Restkaufgeld hat, sowie das Finanzamt.

Die meisten Gläubiger werden jedoch leer ausgehen, denn das Vermögen beträgt nur noch rund 180 000 Mark. Kleine Lieferanten, darunter eine Druckerei, müssen finanzielle Opfer bringen, weil Porters Europa-Direktor J. Boyd Clarke in Westdeutschland eine Wettbewerbs-~ Bataille verlor.

Lakonisch schrieb Porter-Präsident Morrow im Geschäftsbericht: »Das Management entschied sich, alle Betriebe aufzugeben, die ihre Investitionen nicht verdienten und von denen anzunehmen ist, daß sie keine großen Wachstumschancen mehr haben.«

Da dieses harte Prinzip der Auslese die Stunde regiert, werden in der Bundesrepublik noch viele Unternehmen liquidieren müssen -- freiwillig oder auf Drängen der Gläubiger. Ihre Talfahrt ist noch nicht zu Ende. Etwa 20 Prozent der westdeutschen Industrie-Kapazität liegen zur Zeit brach.

Das Geschrei der Pleite-Raben machte die Herren des Geldmarktes vorsichtig. »Früher gingen die Bankiers mit der Konjunktur«, so stichelt der Düsseldorfer Wirtschaftsberater Dr. Carl Zimmerer, »heute zirkuliert in den Finanz-Direktorien der Spruch: »Gehste mit, biste hin."«

Als der katholische Verleger und größte süddeutsche Buchhändler Bernard Pattloch 1965 vor den Toren Aschaffenburgs eine moderne Tiefdruckerei hochziehen ließ, um sich eine zweite Gewinnquelle zu erschließen, ermunterten ihn die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank sowie andere Kreditanstalten, furchtlos den Wechsel auf die Zukunft zu ziehen.

»Die Kredite wurden uns geradezu ins Haus getragen«, erinnert sich Pattloch, »und man versprach für den Notfall Überbrückungskredite.« Als er im Januar seine Hausbanken daran erinnerte, wiesen sie ihn ab.

Der praktizierende Katholik Pattloch hatte sich mit dem praktizierenden Lutheraner und Versandhändler Gustav Schickedanz ("Quelle"> in ein gewagtes Geschäft eingelassen. Angespornt durch Meinungsumfragen, nach denen 60 Prozent aller Deutschen noch niemals Gottes Wort gelesen haben, wollte der Quelle-Chef die Heilige Schrift in einer Prachtausgabe für 98 Mark pro Exemplar unter die Leute bringen.

Doch das Quelle-Volk verschmähte das Buch der Bücher. Pattloch und Schickedanz blieben auf Zehntausenden von Bibeln mit Goldschnitt und Kunstdrucktafeln sitzen. Außerdem stoppte das Volkswagenwerk wegen der Absatzflaute plötzlich große Druckaufträge. So mußte sich der Druckereibesitzer in der Passionszeit selbst ans Kreuz schlagen und ein gerichtliches Vergleichsverfahren beantragen.

Er will freiwillig 40 Prozent seiner Schulden bezahlen und hofft: »Wenn es gelingt, so lange auszuhalten, bis das wertvolle Bibellager zu normalen Preisen verkauft ist, können wir überdauern. Wenn es jedoch heißt: »Wer kauft eine Bibel, Gebot 50 Pfennig«, ist es aus.«

Fast bei jedem Konkurs wird die Masse -- das Restvermögen des Schuldners -- auf ein Minimum abgewertet. So kam zum Beispiel 1963 auf der Zwangsversteigerung der Schlieker-Werft in Hamburg ein 100-Tonnen-Kran, der 1,6 Millionen Mark gekostet hatte, für 530 000 Mark unter den Hammer.

Der Fall Schlieker -- Deutschlands größter Nachkriegskonkurs -- schlug Wellen bis zur Moskwa. Kreml-Ideologen gilt er als moderner Beweis des alten Lenin-Axioms: »In seiner Endphase stirbt der Kapitalismus an seiner eigenen Fäulnis.« Der Moskauer Wirtschaftstheoretiker Lew Leontjew erklärte in einem Vortrag, den er als Gast in Holland hielt: »So etwas kann in unserem Land nicht passieren. Wie kann ein Staat die modernste Werft

zusammenbrechen lassen und zusehen, daß soviel Produktionsvermögen verschleudert wird.«

Während der jüngsten Talfahrt wurden im oldenburgischen Cloppenburg die Spreda Nahrungsmittelwerke verschleudert. Der moderne Fabrikbau, der die historische Cloppenburger Barockkirche St. Andreas um 35 Meter überragt, hatte vor drei Jahren 22 Millionen Mark gekostet. Jetzt erwarb ihn der Münchner Pfanni-Knödel-Millionär Werner Eckart aus. dem Konkurs für sechs Millionen Mark.

Auch über vielen, privaten Haushalten Westdeutschlands kreist der Pleitegeier, seit Kurzarbeit oder Entlassung das Familieneinkommen schmälerten. Im Mittelalter kam man in den Schuldturm, heute liegen bei den Amtsgerichten Schuldnerlisten aus. In Hamburg wächst dieses Verzeichnis Monat für Monat um rund 2000 Eintragungen. Alle säumigen Zahler, die einen Offenbarungseid leisteten, werden registriert.

In München stand »vor einigen Jahren sogar der Name einer Prinzessin

* Mit Arzt während der Gerichtsverhandlung.

aus dem Hause Sachsen-Coburg-Gotha auf der Prangerliste und dicht darüber der Name eines· bekannten Schriftstellers und Gesellschaftskritikers, der heute in Italien lebt. Beiden Prominenten wurde Haft angedroht, um sie zum Offenbarungseid zu zwingen.

Jeder Pleitegänger ist ein Kronzeuge für die Unbeständigkeit des deutschen Wirtschaftswunders. das nicht genügend fundiert war. Fehlinvestitionen, hektischer Expansionsdrang und überalterte Strukturen rächten sich, als die Auftragsschwemme verebbte und das Krisentief über Fabriken und Kontoren aufzog. In wenigen Monaten verdorrten vielfach die Früchte jahrelanger Fleißarbeit.

Wenn die Aushöhlung bereits so weit gediehen ist, daß nur noch ein Wunder die Rettung bringen kann, suchen selbst nüchterne Geschäftsleute nach einer Pythia, die ihnen weissagt, ob ihnen noch eine Chance ins Haus steht. Wie Wallenstein vor dem Pakt mit den schwedischen Heerscharen seinen Seni befragte, so konsultierten in Düsseldorf Fabrikanten, Handwerksmeister und andere Gewerbetreibende oft den greisen Astrologen Arthur Fritz, der ihnen Jahreshoroskope stellte.

Der alte Fritz forschte auch in den Sternen, wenn seine Kunden einen neuen Kredit aufnehmen wollten oder wenn sie sich endlich entschlossen hatten, zum Konkursrichter zu gehen. Vor einigen Wochen verstarb der fast erblindete Astrologe. Seine Klientel war stark geschrumpft, nachdem er in letzter Zeit nur noch düstere Prognosen verkündet hatte.

Der Sterndeuter hinterließ 8000 Mark Schulden. Über seinen Nachlaß wurde der Konkurs eröffnet.

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