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ENGLAND Friß oder stirb

Rund 100 000 Bergarbeiter streiken, weil die Regierung 20 Zechen schließen will. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Zunächst kämpften die Streikposten vor der Zeche Yorkshire Main gegen die Morgenkälte an, als sie in kleinen Gruppen um das Feuer einer Kohlenpfanne drängelten. Dann floß plötzlich Blut: Sechs Techniker, die zu Wartungsarbeiten an den Männern vorbei wollten, gerieten in einen Steinhagel. Ein Ingenieur kam mit einer Platzwunde ins Krankenhaus.

Vor den Eisentoren anderer Kohlenbergwerke waren 29 000 Kumpel vorigen Montag gar nicht erst zur Arbeit erschienen, um gegen die Schließung von zwei Zechen anzustreiken.

Die Auseinandersetzung um geplante Stillegungen eskalierte rasch: Die Bergarbeiter-Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM) führt gegen die konservative Regierungschefin Margaret Thatcher einen »Kohle-Krieg« ("Daily Mail").

Seit dem Wochenende streiken in Yorkshire, dem mit 56 Zechen größten Kohlerevier Großbritanniens, 56 000 Grubenarbeiter. Jack Taylor, Präsident der NUM-Gewerkschafter in Yorkshire: »Man behandelt uns nach der Methode friß oder stirb. Es ist Zeit, daß wir aufstehen und zeigen, wie groß wir sind.«

Die staatliche Kohlenbehörde NCB ließ in den vergangenen vier Jahren über 40 Zechen schließen, die keine Gewinne mehr abwarfen oder deren Flöze nicht mehr abbauwürdig schienen. 48 000 _(Am 22. Februar in Northumberland, kurz ) _(nach dem Zusammenstoß mit Bergarbeitern. )

Kumpel verloren ihre Arbeitsplätze. Die Zahl der Bergarbeiter, vor 30 Jahren noch eine Großmacht von 750 000 Mann, schrumpfte bis zum vorigen Jahr auf 207 000.

Die Premierministerin Frau Thatcher aber will Englands verlustbringende Kohlenindustrie marktwirtschaftlich orientieren und am Ende ganz vom Staat abkoppeln.

Nur 24 Stunden nach dem Streikbeschluß in Yorkshire verkündete NCB-Vorsitzender Ian MacGregor, 72, daß allein bis April 1985 noch 20 weitere Zechen schließen müßten, 21 000 Kumpel würden dabei »freigesetzt«. MacGregor wertet allerdings den radikalen Schnitt nur als »bescheidenen Abbau«. Und: »Für einen Markt, den es nicht gibt, können wir nicht noch mehr produzieren.«

In Wirklichkeit plane die Kohlebehörde, insgesamt 70 Zechen stillzulegen, behauptete demgegenüber MacGregors schärfster Widersacher Arthur Scargill, 45, Präsident der NUM und der radikalste unter den Gewerkschaftsführern seines Landes.

»MacAbwracker«, höhnte Scargill nach einem vierstündigen Meeting mit MacGregor, plane eine »wilde Schlächterei«. »Wir werden alles tun«, sagte der Kumpelführer, »ihn bei dem Verbrechen zu hindern, unsere Leute auf die Abraumhalden abzuschieben.« Scargills Zornesausbruch reichte, um auch die 14 000 Bergarbeiter Schottlands zu einem unbefristeten Ausstand zu bewegen. Am vergangenen Wochenende riefen auch Gewerkschaftsführer aus Südwales, Durham und Kent weitere 36 000 Kumpel zum Streik auf.

Die Bergleute fürchteten nicht nur um ihre Jobs, sondern auch um hart erkämpfte Privilegien an der Lohnfront. Mit 775 Mark pro Woche inklusive Überstunden haben sie Platz neun der britischen Lohnskala erreicht (Platz eins: die Feuerwehrleute).

Seit MacGregors Amtsantritt vor einem Jahr wuchs der Mißmut bei den Bergarbeitern. Der Kohle-Manager gefiel sich mit starken Sprüchen und schlug vor, auch Frauen sollten unter Tage werken dürfen (was in England seit 1842 untersagt ist).

Ein neues Zulagensystem begünstigt die Kumpel auf modernen Zechen. Als MacGregor am 22. Februar in Northumberland eine Grube mit computergesteuertem Abbau besuchte, drückten ihn Demonstranten, die auf alten Zechen arbeiten, über einen Lattenzaun. Mac-Gregor stürzte und war kurze Zeit bewußtlos.

Im vergangenen Herbst lehnte der Chefmanager eine 23-Prozent-Lohnforderung der Kumpel ab und bot 5,2 Prozent, weniger als die durchschnittliche Steigerungsrate in den anderen Industriebereichen. 188 000 Bergarbeiter leisten deshalb seit November keine Überstunden mehr.

Am 22. Februar in Northumberland, kurz nach dem Zusammenstoß mitBergarbeitern.

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