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WEHRDIENSTVERWEIGERER Frist für Reife

aus DER SPIEGEL 10/1966

Sein Bart blieb lang, sein Wehrdienst

kurz. Schon 38 Tage nach Dienstantritt wurde der technische Zeichner Horst Ludolf, 23, aus Weidenau bei Siegen aus der Bundeswehr entlassen, weil - so seine Vorgesetzten - »nichts mit ihm anzufangen war«.

Ludolf ließ sich seinen von Ohr zu Ohr reichenden Bart nicht scheren, nahm keine militärische Ausrüstung in Empfang und auch am Dienst nicht teil, denn: »Ich lehne jeden Dienst, der auch nur indirekt dazu beiträgt, mich zum Soldaten auszubilden, ab.«

Dieser »Gewissensentscheid« (Ludolf) fiel Mitte Dezember vorigen Jahres - wenige Tage nachdem der Zeichner seinen Einberufungsbefehl erhalten hatte. Flugs formulierte Ludolf einen Widerspruch und einen Antrag auf Anerkennung als Wehrdienstverweigerer. Und noch einen Tag vor dem Einrücken meldete er Polizei und Kreiswehrersatzamt den Verlust seines Wehrpasses. Doch das alles nützte nichts.

Wehrunwillige Gedanken im Kopf, mit Bart und ohne das wichtige Militärpapier, mußte Ludolf am 4. Januar in der Blücherkaserne zu Hemer bei Iserlohn antreten. Er wurde der Ausbildungskompanie 12/7 unter Hauptmann Halberstadt zugeteilt. Für den Hauptmann begann ein Nervenkrieg.

Grenadier Ludolf zog keine Knobelbecher an und setzte keinen Stahlhelm auf. Vor seinen Chef zitiert, erklärte der Bartträger, als loyaler Staatsbürger sei er zwar dem Einberufungsbefehl gefolgt und werde wohl auch zum Essenfassen raustreten, alle anderen Verrichtungen aber müsse er aus Gewissensgründen strikt ablehnen.

Bereits an seinem ersten Kasernentag wurde der Grenadier mehrfach seinem Hauptmann vorgeführt. Doch vergeblich redete Halberstadt auf seinen jüngsten Rekruten ein. Schließlich riet er ihm, die Sache noch einmal zu überschlafen. Aber Ludolf war am nächsten Tag wehrunwillig wie zuvor. Da ließ der Hauptmann den Widerständler 24 Stunden lang in eine Arrestzelle sperren. Rekrut Ludolf, bärtig und in Privatgarderobe, ging fortan zwar zur befohlenen Zeit essen und schlafen und fuhr in Wochenendurlaub. Aber wenn er nicht vor einem Arzt oder Vorgesetzten stand, blieb er auf der Stube, säuberte Aschenbecher, wischte Staub und schrieb Dienstpläne ab - »aber nur aus kollegialen Gründen«.

Überhaupt war man einander persönlich nie gram. Die Kameraden, so berichtet Ludolf, gaben sich »sehr korrekt«, die Vorgesetzten »sehr höflich«. Und dennoch: Am 10. Januar verpaßte Bataillonskommandeur Major von Czettritz dem Grenadier Ludolf 14 Tage Arrest wegen Gehorsamsverweigerung.

Beschwerde beim Truppendienstgericht, neues Verfahren vor dem Schöffengericht, Berufung beim Landgericht - Ludolf kannte den Rechtsweg und schöpfte ihn aus. Am 28. Januar bezog der standhafte Soldat in Zivil abermals eine Arrestzelle. Doch seine Vorgesetzten waren schon weich: Sie wollten den Dickschädel loswerden.

Während Ludolf noch im Bau saß, stufte der Divisionsarzt den Tauglichkeitsgrad des Grenadiers von »t« (tauglich) auf »z« (zeitlich untauglich) um

- wegen »seelischer Entwicklungsstörung mit der Möglichkeit der Ausreifung«. Am 11. Februar wurde Ludolf aus dem Arrest und der Bundeswehr entlassen. Vom Militärarzt zugebilligte Reifezeit: ein Jahr.

Panzergrenadier Ludolf (l.), Begleiter: Geduld verloren

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