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NACHRUF Fritz Fischer

aus DER SPIEGEL 49/1999

Wenige Historiker bleiben über ihre Lebenszeit hinaus ein Begriff. Fritz Fischer zählt zu ihnen. Mit seinem Namen verbindet sich untrennbar die »Fischer-Kontroverse« der sechziger Jahre: eine gesellschaftliche Großdebatte, wie sie die alte Bundesrepublik nicht wieder gesehen hat, den Historikerstreit von 1986 eingeschlossen.

Als Sechsjähriger erlebte der gebürtige Franke Fischer 1914 die »Juli-Krise« und den Ausbruch des Ersten Weltkriegs; als gut 50-jähriger Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Hamburg, wo er von 1947 bis 1973 lehrte, lieferte er seine Deutung dieses Ereignisses - und stach 1961 mit seinem Buch »Griff nach der Weltmacht« in ein Wespennest.

Die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft fühlte sich durch Hitler und Holocaust schuldbeladen genug und hatte sich bis dahin nur zu gern das entschuldigende Aperçu des britischen Premiers Lloyd George zu eigen gemacht, die Staaten Europas seien 1914 in den Krieg »hineingeschlittert«. Die Historikerzunft hielt leichter Hand an einer weich gespülten Version der Vorkriegsagitation gegen die »Kriegsschuldlüge« fest.

Fischer aber förderte aus den Archiven noch Unbekanntes zu Tage. Das angehäufte Material, voran das von Fischer entdeckte, berüchtigte »Septemberprogramm« des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg, verdichtete er zu einer provozierenden These: Die Führung des Wilhelminischen Reiches habe 1914 eine aggressive »Kriegszielpolitik« (so Fischers bleibende Formel) verfolgt und Europa aus Hegemonie- und Weltmachtstreben vorsätzlich in den Weltkrieg getrieben.

Den Nerv der Nation traf vor allem die Implikation: Wenn es schon vor dem NS-Staat einen aggressiven deutschen Imperialismus gegeben hatte - stand dann nicht Hitler in einer Tradition, war mithin nicht als »Ausrutscher« oder »Betriebsunfall« abzutun?

Der Fachdisput um Fischers Buch weitete sich rasch zur publizistischen Schlacht um die historische Deutungsmacht in Deutschland (West) aus. Die konservativen Eliten reagierten mit heftigen persönlichen Angriffen und denunzierten den zurückhaltenden Gelehrten als Vaterlandsverräter. Franz Josef Strauß verlangte, die Bundesregierung möge »alle ihr zu Gebote stehenden Mittel« nutzen, um solche »bewusst in den Dienst der Auflösung der westlichen Gemeinschaft gestellten Verzerrungen der deutschen Geschichte und des Deutschlandbildes« zu unterbinden.

Die sich sammelnden Liberalen in der ausgehenden Adenauer-Ära dagegen fanden in der Fischer-Kontroverse einen intellektuellen Kristallisationspunkt, geradezu eine Cause célèbre. Der SPIEGEL bescheinigte Fischer, er habe »an das gute Gewissen der Deutschen eine Mine gelegt«, und druckte in drei Folgen Auszüge aus dessen Studie über die Juli-Krise.

Die Wende zu Gunsten Fischers brachte der Berliner Historikertag 1964. Aus einer fünfstündigen Redeschlacht gingen Fischer und seine Anhänger als Gewinner hervor. Nicht ohne Ironie war es, dass 24 Jahre später ein Historikertag wieder annähernd vergleichbare Aufmerksamkeit erregte, als die Zunft 1998 die bis dahin beschwiegenen NS-Verstrickungen von Koryphäen wie Theodor Schieder und Karl Dietrich Erdmann diskutieren musste - beide entschiedene Gegner von Fritz Fischer.

Der Hamburger Historiker hat das nationalkonservative Geschichtsbild ein für alle Mal revidiert, auch wenn er mittlerweile selbst in manchen Details widerlegt wurde. Am vergangenen Mittwoch ist Fritz Fischer im Alter von 91 Jahren in Hamburg gestorben.

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