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STUDENTEN / BERLIN Fritz wie Franz

aus DER SPIEGEL 24/1968

Jeder Berliner Student, der mit dem SDS sympathisiert, liest drei Tageszeitungen.

Die Studenten werden nicht um so radikaler, je länger sie studieren.

Ihr Kommilitone und Kommunarde Fritz Teufel ist bei ihnen so unbeliebt wie Franz Amrehn, der Berliner CDU.: Chef.

Die Mehrheit der Hochschüler in der Inselstadt ist gegen die Große Koalition in Bonn.

Wer noch bei den Eltern wohnt, neigt dazu, daheim zu bleiben, wenn andere demonstrieren.

Die Chancen der kommunistischen SED unter den Anhängern des linksradikalen SDS sind fast gleich Null.

Zu diesen Ergebnissen kam das Godesberger Institut für angewandte Sozialwissenschaft (Infas), das im November und Dezember 1967 eine Repräsentativ-Umfrage unter den Berliner Studenten hielt. Die Zahlen wurden bis heute nicht veröffentlicht: Auftraggeber war der West-Berliner Senat, der kürzlich den Infas-Bericht erhielt und die Ergebnisse bislang nur für den Schoneberger Rathaus-Gebrauch gesichtet hat.

Dabei sind die Infas-Zahlen geeignet, Vorurteile biederer Bürger ebenso zu zerstören wie Illusionen linker Studentenführer.

Das Institut sollte und wollte per Umfrage unter den Studenten ermitteln, ob »Unordnung ihr Ziel ist, ob sie Chaos oder Anarchie wollen, ob sie Kommunismus erstreben oder linken Faschismus (was immer das sei) oder Demokratie«

Gesamtergebnis, in zahlreichen Details belegt: Die große Mehrheit der Studenten ist »weder extrem »links« noch extrem »rechts« orientiert«. Die meisten Jungakademiker wollen »das demokratische System nicht ersetzen ... sondern funktionsfähig halten oder machen«.

Die Interviewer ermittelten, wie groß die Zahl der radikalen, der gleichgültigen und der eher konservativen Kommilitonen ist:

Etwa ein Viertel der Studenten war -- nach dem Ohnesorg-Tod und vor dem Dutschke-Attentat -- politisch gleichgültig. Jeder fünfte Kommilitone stand dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) nahe. Etwa die Hälfte sympathisierte mit linken Studentenorganisationen; aber nur jeder zehnte Berliner Student wurde als Anhänger des SDS identifiziert.

Viel Mühe verwandten die Meinungsforscher darauf zu klären, warum Studenten radikal sind: ob es am Elternhaus, an der Fakultät oder an der Semesterzahl liegt.

Die Herkunft ist nicht entscheidend: Die SDSler stammen wie ihre Kommilitonen zumeist aus der Mittelschicht.

Ebensowenig ergibt sich politischer Linkskurs aus der Semesterzahl. Man dürfe -- so Infas in seinem Bericht -- »nicht in der einen Gruppe überwiegend »jugendliche Hitzköpfe« und nicht in einer anderen die »besonnenen Älteren'« vermuten, und »schon gar nicht sind die »ewigen Studenten« unter den opponierenden Gruppen zu finden Zwölf und mehr Semester hat sowohl jeder fünfte SDS- als auch jeder fünfte RCDS-Anhänger hinter sich.

Hingegen wurde in anderem Zusammenhang entdeckt: Wie politisch aktiv ein Student ist, hängt offenbar ein wenig damit zusammen wie er wohnt. Von Wohnheim-Insassen beteiligten sich 63 Prozent an Demonstrationen, von den Buden-Bewohnern und den Studenten mit eigener Wohnung lediglich etwa je die Hälfte, von denen, die noch bei Vater und Mutter blieben, gar nur ein Drittel.

Doch bis weit in die roten Reihen der Philosophischen Fakultät hinein haben weitaus die meisten Studenten mit dem Kommunismus nichts im Sinn. Für null Prozent der Studenten ist die SED die Partei ihrer Wahl.

Vor allem aber wurde erstmalig demoskopisch belegt, wie groll die Unterschiede zwischen den Fakultäten sind. Unter den Philosophen herrscht ein ganz anderer Geist als unter Medizinern und Juristen, die in Berlin -- wie vermutlich auch anderenorts -- eher der Tradition als dem Fortschritt verhaftet sind.

Eine Freie Stadt West-Berlin, wie sie von der Sowjet-Union propagiert wurde, lehnen zwei Drittel der Studenten ab (siehe Graphik). 90 Prozent wären nicht bereit, in die DDR überzusiedeln, auch wenn es ihnen dort materiell besser ginge. Und 88 Prozent würden auch der Wiedervereinigung zuliebe nicht auf eine demokratische Regierungsform verzichten.

Distanz halten die Studenten auch gegenüber ihren eigenen Repräsentanten. Etwa jedem zweiten Studenten ist »die Politik, die von der Studenten-Vertretung (ihrer Universität) augenblicklich verfolgt wird, zu extrem«.

Überhaupt verstehen die Berliner Hochschüler besser zu differenzieren, als ihre Gegner und ihre linken Wortführer es wahrhaben wollen.

Eine große Mehrheit (86 Prozent) ist zwar der Ansicht, daß keine der bestehenden Parteien sich um Studentenprobleme besonders kümmert. Trotzdem nannten fast zwei Drittel der Studenten eine der drei Bonner Parteien, als sie nach ihrer Vorliebe für eine Partei gefragt wurden: 31 Prozent entschieden sich für die SPD, 16 Prozent für die FDP und 13 Prozent für die CDU.

Einmütig verurteilten die Studenten das Knüppeln der Polizei gegen Demonstranten beim Schah-Besuch. Aber drei von vier Befragten bescheinigten dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß, er habe sich um die Aufdeckung der Zusammenhänge jenes Tages bemüht. Und mehr als die Hälfte hält das Verfahren für objektiv, das gegen den Ohnesorg-Schützen Kurras lief und das mit einem Freispruch des Polizeimeisters endete.

Wie weit innerhalb der Studentenschaft die Meinungen auseinandergehen, zeigen beispielsweise die Antworten auf die Frage, ob der Springerkonzern enteignet werden solle. Etwa die Hälfte der Studenten bejahte diese Forderung, aber die Zahl der Springer-Gegner ist auf die Fakultäten unterschiedlich verteilt: Für die Enteignung Springers sind 63 Prozent der Studenten der Philosophischen Fakultät, aber nur je ein Drittel der Mediziner und »Juristen.

Besondere Mühe verwandte Infas darauf, die SDS-Anhänger nicht nur auszuzählen, sondern auch zu lokalisieren. Sie sind in den Fakultäten verschieden stark: Jeder sechste Student der Philosophischen Fakultät, aber nur jeder zwölfte Wirtschaftswissenschaftler und sogar nur jeder 33. Mediziner sympathisiert mit dem SDS.

Besonderheiten der Berliner SDS-Sympathisanten gegenüber ihren Mit-Hochschülern: Sie haben »fast doppelt so oft noch keine genaue Vorstellung über ihr späteres berufliches Arbeitsverhältnis wie andere Studenten«. Fast die Hälfte hat schon an einer anderen Universität studiert; »die Beweglichkeit nimmt von »links« nach »rechts« rapide ab« (Infas).

Für ihre radikalsten Forderungen vermochten die SDS-Führer sogar nur einen Teil derjenigen zu gewinnen, die mit ihrer linken Schar sympathisieren.

Daß eine »echte Demokratie nur durch die Einführung des Räteprinzips möglich« sei, meint selbst von den SDS-Anhängern nur gut die Hälfte (55 Prozent). Von SHB-Sympathisanten macht sich nur jeder siebente, von den Medizinern gar nur jeder zwölfte diese Forderung zu eigen. Statt »aller Macht«, wie in der SDS-Parole, wird den Räten in Wirklichkeit nur kleine Macht gewünscht.

Und wenn, die SDS-Anhänger ziemlich einer Meinung sind, so ist die Mehrheit ihrer Kommilitonen oft gänzlich anderer Ansicht. Hie Revolution, hie Reform. Beispiel: Die Mehrheit der Berliner Studenten ist davon überzeugt, daß die Hochschulen »sich mit einer gründlichen Reform den Erfordernissen der modernen Gesellschaft anpassen« können. Unter der SDS-Minderheit aber herrscht die Meinung vor, man könne die Hoch-schulen »nur verändern, wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend ändert«.

Die meisten SDSler sehen denn auch den Sinn ihrer politischen Betätigung darin, die »völlige Umgestaltung« der Gesellschaft zu erreichen. Unter den Anhängern der ihnen am nächsten stehenden Gruppe, des SHB, denkt nur jeder elfte so; die anderen sind mit Reformen zufrieden.

Den Berliner Bürgern blieb diese Differenzierung unter den Berliner Studenten verborgen. Ihr Urteil über »die Studenten« ist negativ. 35 Prozent sind der Ansicht, ihr Verhalten sei »in jedem Fall« zu verurteilen, weitere 38 Prozent meinen, es sei »im großen und ganzen abzulehnen«. Nur jeder fünfte West-Berliner hält es für »im Grunde genommen verständlich«. Umgekehrt haben 62 Prozent der Berliner für das Auftreten der Polizei beim Schah-Besuch »Verständnis«, 21 Prozent halten es sogar für »völlig richtig«. Nur elf Prozent lehnen es »im großen und ganzen ab«, und gar nur zwei Prozent meinen, es sei »in jedem Falle zu verurteilen«.

Aber eben weil die Studenten nicht die geschlossene Gruppe sind, für die sie mancher Bürger hält, führt sie jeder Angriff von außen enger zusammen. Sie werten ihn -- so Infas -- »als Angriff auf die Studentenschaft insgesamt, was die beobachteten Solidarisierungseffekte auslöst und Versuche des Auseinanderdividierens von »Kriminellen' und »Gutwilligen' zum Scheitern verurteilt.

In Berlin, so schätzt Infas, gebe es einen »Grundanteil von einem Drittel Unruhegeistern bzw. Demonstranten«, und je nach äußerer Lage »stockt sich dieses Drittel bis zu zwei Dritteln oder mehr auf«.

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