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PROPAGANDA Fritzsches logische Schleifen

aus DER SPIEGEL 18/1953

Ach, hätte ich doch in meinen Rundfunkreden die Propaganda getrieben, die mir jetzt die Anklage vorwirft!«, sprach Hans Fritzsche am 31. August 1946 vor dem Nürnberger Militärtribunal. »Hätte ich doch die Lehre von der Herrenrasse vertreten! Hätte ich doch Haß gegen andere Völker gepredigt! Hätte ich doch zu Angriffskriegen, Gewalttat, Mord und Unmenschlichkeit aufgefordert! Denn, Hohes Gericht, wenn ich dies alles getan hätte, dann hätte sich das deutsche Volk von mir gewandt und hätte das System abgelehnt, für das ich sprach ... Aber das Unglück liegt ja gerade in der Tatsache, daß ich alle diese Thesen nicht vertrat, nach denen Hitler mit einem kleinen Kreis von Helfershelfern insgeheim handelte ...«

Die rhetorisch-poetische Selbstanklage dieser Worte, die in einer eleganten Kurve zur entlastenden Pointe führte, war der geschmeidigen Zunge des großdeutschen Rundfunkpropagandisten würdig. Wer an Ernst Jüngers »logischer Figur« der »Schleife« einmal herumgerätselt hat, erfaßt hier vielleicht einen trivialen Zipfel zum Verständnis dessen, was die Kurventechnik einer konsequenten Propaganda vermag, um so eher, wenn der Propagandist selbst an seine Ware glaubt. Und wer das neue Fritzsche-Buch »Das Schwert auf der Waage"*) liest, wird die »logische Schleife« nicht oft genug bewundern können.

Als Verfasserin fungiert offiziell Hildegard Springer, früher im »Promi« beschäftigt, die (laut Vorwort) den »menschlichen Ertrag« der Nürnberger Erlebnisse bei Fritzsche erkunden wollte, was schließlich dazu führte, daß sie den 1948 geschiedenen Ex-Kommentator 1951 in Aibling ehelichte. Aber nur Namen und Vorwort sind eindeutig von ihr - alle folgenden 41 Kapitel haben frappante Ähnlichkeit mit der Diktion des versierten »Promi«-Ministerialdirektors**).

Wie der Autor im »Ich«-Stil Inside-Stories aus dem Zellenleben der Gefangenen erzählt oder wie er durch den Röntgenapparat seiner Intelligenz in ihre Hirne zu sehen versucht, das könnte den Neid eines alten Scherl-Reporters wecken. Und die Überschriften enthalten von Schundromantiteln über Anreißer-Zeilen bis zum Feuilleton-Getändel alles, was die Phantasie des Boulevard-Journalisten nur kommandieren kann: »Der Film läuft an«, »Die Puppe am Galgen«, »Verschobene Brillanten«, »Schmuggeln will gelernt sein«, »Schacht bleibt Schacht«, »Wer schoß auf Göring?«, »Roch Frank den Mord?«.

Diese Aufmacher sollen das Volk in Fritzsches Panoptikum locken. Im Gegensatz zu Jahrmarktbuden erwartet die Leser aber drinnen mehr, als der Ausschreier draußen versprach. Der wendige Illusionist mit dem ruhigen objektiven Organ führt einem verblüfften Publikum immer wieder die virtuose Zugnummer der »logischen Schleife« vor. Eintrittsgeld ist Gutgläubigkeit.

Aber selbst für den Mißtrauischen ist die schnelle Verwandlung auf offener Bühne nicht immer leicht zu durchschauen. Musterbeispiel ist Fritzsches Darstellung

*) Hildegard Springer: »Das Schwert auf der Waage«, Kurt Vowinckel Verlag, Heidelberg, 271 Seiten, 12,50 DM. **) Die Nürnberger Spruchkammer I hat über Hans Fritzsche lebenslängliches publizistisches Berufsverbot verhängt. von Hermann Göring. Als er ihn zum ersten Male »vereinsamt« auf dem Hof herumstapfen sieht: »Ich gestehe, daß auch ich ihm mit einem inneren Vorwurf gegenübertrat. Hatte er nicht bei der unglücklichen Wendung des Krieges die Hände in den Schoß gelegt? Als zweithöchster Mann des Reiches war er dem entgleisenden Wagen nicht in die Speichen gefallen.«

Wenige Zeilen darauf: »Als ich auf ihn zutrat, bemühte er sich vergeblich um ein liebenswürdiges Lächeln. Aber er überschüttete mich mit teilnehmenden Fragen. Keine Antwort war ihm genau genug.« - Das Publikum muß denken: Ja, so jovial war Hermann immer.

Fritzsche erwähnt in sparsamen Dosen von nun an immer wieder die gute Haltung und Verantwortungsklarheit des ehemaligen »Reichsmarschalls« angesichts des sicheren Todes. Das entspricht sicher der Wahrheit. Fritzsche hütet sich grundsätzlich vor Tatsachenverdrehungen. Aber es ist interessant zu beobachten, wie er die halbe Wahrheit ausspielt.

Erst als Görings Charakter festgemauert vor dem Leser steht, wagt Fritzsche die große Belastungsprobe und fragt nach dem Wissen vom Judenmord: »Jetzt hörte er meine Fragen, die nicht nur Vorwürfe gegen Hitler, sondern auch gegen ihn selbst enthielten, ruhig an. Wir standen in dem schmalen Gang, der die Bänke unserer Box durchschnitt. Als ich ihm sagte, ihm könne die geheimnisvolle Tötungsaktion doch nicht ganz unbekannt gewesen sein, richtete er sich auf und fragte, ob ich denn wisse, daß diese Aktion wirklich stattgefunden habe ... Geradezu feierlich versicherte er, nicht gewußt zu haben, was sich unter dem Stichwort ''Endlösung der Judenfrage'' wirklich verbarg.«

Um den Schlußsatz geht es. An den Morden selbst zweifelt Fritzsche seit den Aussagen von Höß, Morgen, Reinicke und Ohlendorf nicht mehr. Aber für seine These, erst in Nürnberg von den Vernichtungslagern

erfahren zu haben, ist die Behauptung Görings eine wichtige Stütze: auch der »Reichsmarschall« wußte nichts. Es hätte auch zu dem anständigen Manne nicht gepaßt, der so mannentreu seinem toten »Führer« ergeben ist, daß er trotz handgreiflicher Beweise an die KZ einfach nicht »glaubt«. Gewußt haben kann er keinesfalls von derartigen Verbrechen. Denn hätte er es, er hätte sie unerschrokken auf sich genommen - für seinen Führer. (Solch ein verworrenes Gedankengeflecht zieht Fritzsche nicht nur hier dem Leser netzartig über das Hirn. Es ist ein Beispiel für viele).

Das Publikum ist nun reif für stärksten Tobak: »Die Staatsanwaltschaft hatte von ihm (Göring) das Bild des zweiten Boß eines Gangs entworfen. Jetzt hob sich aus seinen Worten das Porträt eines verantwortungsbewußten Staatsmannes und lebensvollen tatkräftigen Menschen.« Hier bringt Fritzsche keine halbe, sondern eine Viertel-Wahrheit.

Der Stoff für einen Göring-Mythos ist bereit. Fritzsche hat seine logische Schleife zu Ende gefahren. Er wiederholt das Manöver noch unzählige Male im Buch. Allerdings ist er dabei objektiv und bescheinigt einigen seiner Zellennachbarn ihre Zerfahrenheit, Jämmerlichkeit oder Dummheit in der Zeugenbox. Ribbentrop, Streicher, Rosenberg kann er moralisch nicht durchpauken. Dafür stellt er bei Seyß-Inquart und Schirach die Anständigkeits-Affidavits ohne Anstrengung aus.

Die auf der Waage zu leicht Befundenen haben für den klugen Fritzsche eine wichtige dramaturgische Funktion zu erfüllen: sie zeigen seine Unbestechlichkeit. Vor Fritzsches Privattribunal geht es menschlich, aber gerecht zu.

Jeder der 20 Mitangeklagten bekommt in einem eigenen Kapitel - mit schönen Überschriften - ein feines Porträt, richtig mit Licht und Schatten gezeichnet. Für und Wider von Anklage und Verteidigung werden sorgfältig erwogen. Und das alles ist so gut gemacht, daß man zuletzt die leisen Schleifen Fritzsches, die sich durch all die »Objektivität« ziehen, beinahe mitfährt.

Bei aller Objektivität kann Fritzsche im Grunde nicht verstehen, warum man die Deutschen aus dem Fegefeuer des KZ-Staates, von dem er nichts wußte, nicht sofort ins Kanaan der Gerechtigkeit führte. Mit jener Bescheidenheit, die einem Ober-Besiegten wohl ansteht, spielt er zart und leise immer wieder den Refrain, wie traurig es doch sei, daß in Nürnberg nicht die Göttin Justitia persönlich zugegen gewesen sei. Gegen Ende des Buches greift er einen vollen Akkord: »Wenn wir aus der Vergangenheit lernen wollen, so muß schon heute das höchste und unparteiische Gericht gebildet werden, dessen Spruch nicht auf das Verbrechen wartet, sondern Gewalt hat, die Ursachen des künftigen Verbrechens zu überwinden.«

So steigt zum Schluß aus der Asche der Promi-Meisterschule Phönix Fritzsche auf, geläutert durch erlittenes Unrecht und vom Tribunal überraschend belehrt über eigene schuldig-schuldlose Verstrickung.

Nur der Titel verrät noch Schlacken nicht ausgeglühten Ressentiments. Er erinnert an das Schwert, das Brandschatzer und Senonenhäuptling Brennus auf die Waage warf, als die Römer meinten, es gehe beim Abwägen des Lösegeldes für ihre Stadt nicht reell zu. Die höhnischen Begleitworte des Eroberers zu diesem Gewaltakt »Vae victis« (Wehe den Besiegten) blieben auch für Fritzsche »ganz eindeutig und unbestritten im Nachhall von Nürnberg« hörbar.

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