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GLUCKWÜNSCHE Frohe Genugtuung

aus DER SPIEGEL 39/1968

Der amtierende Bundesratspräsident Klaus Schütz machte Urlaubsvertretung für den Bundespräsidenten Heinrich Lübke. Zu den Routine-Bräuchen des Staatsoberhauptes gehört es, prominenten Bürgern zum Geburtstag zu gratulieren. Und so telegraphierte Schütz am 10. September dem langjährigen Staatssekretär in Konrad Adenauers Kanzleramt, Hans Globke, zum 70. Geburtstag »in dankbarer Würdigung Ihrer Verdienste um unseren Staat« und »für die kommenden Jahre persönliches Wohlergehen und frohe Genugtuung für Ihr Lebenswerk«.

Auf der nächsten Sitzung des SPD-Bundesvorstandes wird nun beraten, ob Genosse Schütz dafür Schelte verdiene.

Das Scherbengericht hatte der sozialdemokratische Justizminister von Nordrhein-Westfalen Dr. Josef Neuberger ausgelöst, als er beim Frühstück den Globke-Glückwunsch in der Zeitung entdeckte: »Mir ist der Bissen in der Kehle hängengeblieben.«

Josef Neuberger hat auch persönliche Erinnerungen an das Wirken Hans Globkes im Dritten Reich. In jenen Jahren, als der spätere Adenauer-Intimus die Nürnberger Rassengesetze NS-gerecht kommentierte, überlebte Neuberger als einziges männliches Mitglied seiner Familie die Judenverfolgung der Nazis.

Nach dem Kriege lernte Neuberger Hans Globke persönlich kennen: Im Treblinka- und im Sobibor-Prozeß standen sich Neuberger als Nebenkläger von Hinterbliebenen und Globke als Zeuge gegenüber. Der Anwalt: »Ich habe ihn befragt, und ich muß sagen, für mich hat sich Herr Globke als gewissenloser Karrierist der NS-Zeit entpuppt.«

Neuberger empfindet den Glückwunsch für Globke »als. einen Schlag ins Gesicht der Millionen, die unter dem Nazi-Regime auch ein Opfer jener geistigen Verwirrung geworden sind, die von seinen Kommentaren ausgegangen ist«. Mit seinen Genossen vom Niederrhein ist sich Neuberger einig, daß »ein Sozialdemokrat sich hätte weigern müssen, Glückwünsche im Namen des Volkes einem Mann auszusprechen, dessen Name für alle Verfolgten in der NS-Zeit traurige Erinnerungen hinterläßt«.

Einen Anti-Schütz-Beschluß übermittelten die Düsseldorfer Sozialdemokraten dem SPD-Bundesvorstand mit der Bitte um Stellungnahme.

Auch in Berlin wurde Schütz gerüffelt: Als sich letzten Dienstag der Landesausschuß und die Spitze der SPD-Fraktion versammelten, nahmen die Genossen ihren Regierenden Bürgermeister an: »Du hast ja heute Geburtstag, da müssen wir dir ja gratulieren, aber zu der Globke-Sache können wir dir wirklich nicht gratulieren.«

Telegraphierer Schütz wiederholte an der Spree stereotyp, was er seinem Kritiker vom Rhein bereits als Entschuldigung geschrieben hatte: Nach den Richtlinien Lübkes erhalte jeder amtierende oder pensionierte Staatssekretär zum Geburtstag ein Glückwunschtelegramm des Bundespräsidenten. Er, Schütz, habe als Vertreter Lübkes »keine Möglichkeit, die Richtlinien zu ändern oder in den Automatismus ihrer Anwendung einzugreifen«. Genau wie Neuberger habe auch er »von dem Telegramm erst aus der Presse erfahren«.

Parteichef Willy Brandt knurrte: »So etwas darf aber nicht passieren.«

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