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BUNDESLÄNDER / NIEDERSACHSEN Frohe Pirsch

aus DER SPIEGEL 39/1968

Zwölf Jahre lang dirigierte der niedersächsische Landwirtschaftsminister Wilfried Hasselmann, 44, in seinem Heimatdorf den Chor des »Männergesangvereins Nienhof von 1906«. Seit vorletzten Sonnabend leitet er eine Gruppe, der es an Harmonie und Stimmgewalt bislang fehlte: die CDU in Niedersachen.

Am Heiderand in Nienhof (460 Einwohner), wo er einen 85-Hektar-Hof (35 Kühe, zwei Traktoren) bewirtschaftet, brachte Hasselmann seine Männer nicht nur dazu, daß sie »um zwölf besser sangen als um acht«. Er gab auch sonst den Ton an: »Anschließend haben wir dann beschlossen, was der Gemeinderat zu tun hatte.«

Ähnlich will der neue CDU-Landesvorsitzende Hasselmann nun mit seinen Christdemokraten verfahren: Die drei Landesverbände Hannover, Braunschweig und Oldenburg (insgesamt 28 159 Mitglieder), die unter dem Zepter von »Kaiser« Otto Fricke aus Goslar stets mehr gegeneinander intrigiert als zusammengearbeitet hatten, sollen so »geschlossen auftreten«, daß man auch in Bonn »künftig weiß, daß man Niedersachsen fragen muß«. Denn: »Die bayrische CSU fragt man ja auch.«

Nach acht Jahren glückloser Fricke-Herrschaft hatte die niedersächsische CDU schon im Mai auf Ihrem Landesparteitag in Bad Rothenfelde in eine neue Zeit ziehen wollen. Doch die damals vollzogene Wahl von Justizminister Bosselmann, 53, zum CDU-Chef blieb nach dessen eigener Auslegung und auch nach Ansicht seines Gegenkandidaten, des Kultusministers Richard Langeheine, 68, »schwebend unwirksam«, weil man sich -- Bonns Unions-Fraktionschef Barzel: »Das gehört in die Abteilung Sport und Spie-

* Beim Ferkelbraten auf seinem Hof in Nienhof.

le« -- über die Stimmenauszählung nicht einig war. Hasselmann: »Die haben beide dadurch Schaden genommen.«

Tatsächlich war weder von Bosselmann (der lieber Landesvater werden möchte) noch von Langeheine (der sich mittlerweile doch zu alt fühlt) die Rede, als die CDU-Delegierten vorletztes Wochenende in den »Wülfeler Brauerei-Gaststätten« in Hannover eintrafen, um den Rothenfelder Schaden auszubeulen. Der einzige Kandidat war der jugendfrische Hasselmann, der unter Hallo gewählt wurde.

Dabei hatte Wilfried Wilhelm Edmund Hasselmann« Neffe und Patenkind des Bauernführers Edmund Rehwinkel und seit 1962 Vorsitzender des »Bundes der deutschen Landjugend« (120 000 Mitglieder), ausnahmsweise gezögert, ob er das CDU-Amt übernehmen solle.

Noch verlockender erschien ihm zunächst, die Nachfolge seines Onkels Edmund anzustreben, doch dann kam ihm der Gedanke, daß so etwas vielleicht »nach Familienklüngelei« aussähe. Und außerdem: »Man hat mich nicht gefragt.«

So klare Fronten möchte der ehemalige Oberleutnant der Artillerie, der aus dem Krieg das EK II, das Sturmabzeichen und einen »schlichten« (Hasselmann) Beinschuß mitbrachte« auch bei der CDU schaffen: »Meine Geschäftsgrundlage ist Loyalität, Information und Absprache. Ich werde testen, ob das geht.«

Weder ihm noch dem Parteivolk macht es etwas aus, daß Hasselmann der CDU erst seit 1962 angehört und er vorher ein wenig mit Heinrich Heliweges Deutscher Partei »geliebäugelt« hat, an der ihm »die Mitglieder eher als das Programm« gefielen, denn da war »Wort gleich Unterschrift«.

Was seinen Parteifreunden umgekehrt an ihm gefällt, ist seine unverwüstliche Niedersachsenart. Wenn Hasselmann das Restaurant im hannoverschen Landtag betritt, wissen die Kellner schon, was sie auf die Tabletts stellen müssen: Bier und Aquavit. der im Landtag »Hassel-Wasser« genannt wird.

Auch »nach aufregenden Versammlungen« schläft er zehn Minuten später schon »tief und fest« in seinem Ministerauto, und wenn er stärkere Entspannung braucht, springt er »in di Aller hinter meinem Hof«, fährt mit seinen beiden Söhnen (10 und 12) Ins Hallenschwimmbad, spielt am Klavier Beethoven vom Blatt oder sieht sich im Fernsehen »alle Programme« an, einschließlich Emma Peel und Bonanza. Und wann immer Zeit ist, geht er auf frohe Pirsch, weil »das die beste Entspannung« ist.

Auch in seinem neuen CDU-Chefamt will sich der gelernte Landwirt (mit Meisterprüfung) etwas aufs Korn nehmen: Als »Fernziel« hat Hasselmann eine »Norddeutsche Union« im Visier, eine CDU vom Harz bis an das Meer und so weit die braune Heide reicht -- »und da werden wir nicht vor Hamburg und Schleswig-Holstein haltmachen«.

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