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CDU Frohsinn mit Methode

Der rheinische Fraktionsvize und ehemalige Karnevalsprinz Wolfgang Bosbach modernisiert heimlich die Union.
Von Tina Hildebrandt
aus DER SPIEGEL 45/2000

Beim FC Bundestag hat der Mann mit der braven Scheitelfrisur nicht mal eine feste Trikotnummer. Seit sechs Jahren kickt Wolfgang Bosbach in der Fußballmannschaft der Volksvertreter mit, »engagiert-rustikal« und mit mäßigem Erfolg, wie der CDU-Politiker selbstkritisch findet, dazu noch »peinlicherweise im linken Mittelfeld«. Er habe überhaupt erst zwei Tore geschossen, sagt der 1.-FC-Köln-Fan, das letzte liege Monate zurück: Bundestag gegen Wüstenrot. Das Urteil seines Mannschaftskapitäns Klaus Riegert (CDU) fällt trotzdem freundlich aus: »Technisch versiert und ballsicher« sei Bosbach, »auf jeden Fall einer der Aktivposten«.

Das, so die Meinung vieler Parteifreunde, lässt sich auch für die politische Performance des geschickten Aufsteigers sagen. Vor acht Monaten wurde Bosbach, bis dato allenfalls als ehemaliger Karnevalsprinz von Bergisch Gladbach bekannt, als einer von acht Stellvertretern des Fraktionschefs Friedrich Merz gewählt. Seitdem hat der 48-Jährige gezeigt, dass er Offensive und Deckung nach hinten auch auf den heiklen Feldern der Innen- und Rechtspolitik beherrscht.

Mit einer Mischung aus konservativer Rhetorik und fortschrittlicher Substanz ist es Bosbach bei den für die Union schwierigen Themen Ausländerpolitik und Homo-Ehe gelungen, das inhaltliche Vakuum seiner Partei für eine behutsame Öffnung zu nutzen.

In einem Eckpunktepapier zur Zuwanderung, das Bosbach gemeinsam mit dem saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller für das CDU-Präsidium verfasste, heißt es, dass »Zuwanderung für eine Gesellschaft auch eine große Chance der Bereicherung bietet«. Das Asylrecht bleibe gewährleistet. Nicht durchsetzen konnten sich Müller und Bosbach allerdings mit dem Versuch, den umstrittenen Begriff »Leitkultur« durch »Akzeptanz eines gemeinsamen Grundwertekanons« zu ersetzen. Fraktionschef Merz beharrte auf seinem Reizwort.

Jahrelang hatten sich liberale CDU-Politiker wie Heiner Geißler, Rita Süssmuth und die jungen Fraktionsmitglieder um Peter Altmaier zuvor an einer moderneren Ausländerpolitik abgearbeitet - ohne Erfolg. Weil sie zu viel wollten, erreichten sie am Ende nichts als reflexhafte Ablehnung in ihrer eigenen Partei.

Bosbach dagegen hat früh begriffen, dass nichts erreicht, wer die falschen Leute auf seiner Seite hat. Als ehemaliger Leiter eines Supermarkts weiß er, dass man zwar Laufkundschaft gewinnen, aber auch die Stammkundschaft bei Laune halten muss. So findet sich in Bosbachs Bauchladen für jeden etwas.

Die Liberalen freuen sich, wenn es in seinem Konzept zur Homo-Ehe heißt: »Es ist nicht Sache der Politik, den Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben.« Und die Konservativen sind beruhigt, wenn Bosbach drei Seiten weiter klarstellt: »Homosexuell lebende Menschen sollten weiterhin in den Streitkräften nicht als Vorgesetzte eingesetzt werden.« - »Der Mann ist eben Rheinländer«, beschreiben Parteifreunde die Methode Bosbach.

Bosbach fordert die Videoüberwachung öffentlicher Plätze, er will Schulschwänzer von der Polizei suchen lassen und Graffitisprayer in den Knast schicken. Und trotzdem käme niemand darauf, den fröhlichen Rheinländer in einen Topf mit Manfred Kanther oder dem Fraktionshardliner Erwin Marschewski zu stecken. Denn anders als frühere CDU-Innenpolitiker ist Bosbach »kein Ideologe und Scharfmacher«, wie Volker Rühe lobt. Seit der begeisterte Karnevalist im Fraktionsvorstand der Union mitredet, soll dort durchaus häufiger gelacht werden.

Einerseits hat Bosbach eine klassische CDU-Vita: konservatives Elternhaus, Messdiener, Junge Union, CDU, regelmäßiger Kirchgänger, Familienvater (drei Töchter). Andererseits hat er seinen beruflichen Aufstieg - wie viele Sozialdemokraten - auf dem zweiten Bildungsweg erreicht.

Tennis ist sein aufregendstes Hobby. »Total normal« sei er eben, sagt Bosbach von sich, und genau darin dürfte auch das Geheimnis seines Erfolgs liegen. In Berlin gilt der Aufsteiger mit dem Normalo-Image schon als möglicher Staatssekretär oder Innenminister in einem CDU-Schattenkabinett.

Nicht Konrad Adenauer oder Helmut Kohl sind Bosbachs politische Vorbilder, sondern »mein Vorgänger im Wahlkreis, Franz Heinrich Krey«, für den Bosbach 15 Jahre lang gearbeitet hat. Von ihm habe er gelernt, »dass jede Veranstaltung im vorpolitischen Raum wichtiger ist als eine politische Sitzung« und »dass man die Menschen mögen und auf sie zugehen muss«.

Verbindung zum wahren Leben hält er mit Hilfe seiner Anwaltskanzlei, wo Bosbach vor allem Wirtschafts- und Steuersachen bearbeitet, und über Gattin Sabine. Beim Frühstück gibt es durchaus mal Kritik, vor allem in gesellschaftspolitischen Fragen ist Bosbach seiner Frau zu konservativ.

Kalkulierte Politik und spontane Alltagsfreuden gehen bei ihm mühelos zusammen: Am 11. 11. nimmt der Fraktionsvize morgens an einer Mahnwache in dem Betrieb teil, der in seinem Heimatort die meisten Zwangsarbeiter beschäftigte.

Abends ist Bosbach dann wieder Vorsitzender der »Großen Gladbacher« und eröffnet die Karnevalssession. Da verteilt er den Orden »Närrischer Bergischer« an den örtlichen Bestattungsunternehmer Fritz Roth. TINA HILDEBRANDT

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