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BUNDESPRÄSIDENT Fromme Illusion

Richard von Weizsäcker im Sudan: verschwitzt, verstaubt, ein Bürgerpräsident, der keine Strapaze ausläßt, sich gründlich informiert - Kontrastprogramm zum üblichen Polittourismus. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Nein«, sagt der Präsident, »so geht das nicht.« Er ist stehengeblieben. Er weigert sich. Mitten in der Wüste, im sudanesischen Hungerlager von Asernei, hat Richard von Weizsäcker einen Beschluß gefaßt, der sein Besuchsprogramm vorübergehend ins Stocken und seinen Troß in Verlegenheit bringt: Er will nicht mehr auf jedem Schritt und Tritt gefilmt und photographiert werden.

Das ist gar nicht so einfach. Zwar freut sich der Bundespräsident »über das Interesse, das die Medien an dieser Reise haben«. Aber er legt auch Wert auf die Feststellung, daß er »nicht der Medien wegen« ins Hungerland gefahren ist.

Ganz ohne wollte er freilich auch nicht reisen.

Unablässig hat er verbreiten lassen, er sei nicht als Präsident, eher als Privatmann, als Schirmherr der Deutschen Welthungerhilfe, aber eben nicht als Staatsbesucher unterwegs. Das ist eine fromme Illusion.

Seine Gastgeber im islamischen Sudan lassen es nicht zu, daß der »Rais el-Almania« (Herrscher der Deutschen) wie ein gewöhnlicher Sterblicher behandelt wird. Und er läßt dies schon gar nicht zu. Er bleibt der Präsident, auch ohne Krawatte. Das Amt gehört zu ihm wie das »von« in seinem Namen.

So wirkt das ständige Lamento seiner Umgebung, welchen Wirbel der Präsident am liebsten gar nicht machen würde, ein bißchen übertrieben und reichlich kokett. Richard von Weizsäcker ist keiner, der seine Bescheidenheit bemänteln würde. Er hat als Politiker gelernt, daß es nicht genügt, Gutes bloß zu tun. Man muß auch darüber reden - und reden und schreiben lassen.

ARD und ZDF haben Kamerateams geschickt. Ein paar Photographen sind dabei, einige Berichterstatter der schreibenden Zunft - kein großer Troß wie sonst bei Staatsbesuchen, aber immerhin groß genug, daß sich die Kunde von der Fahrt ins Elend daheim flächendeckend verbreiten kann.

Ein Bürgerpräsident tritt auf, wie ihn so noch nicht viele sahen - schwitzend, verstaubt, ein redlicher Deutscher, der keine Strapazen des Landes ausläßt.

Mal sieht man ihn zwischen lauter Kamelen, die Milchpulversäcke in die Elendslager in der Wüste transportieren, mal in Baracken hinuntergebeugt zu dürren Kindergerippen, die fingerdünne Ärmchen hochstrecken. Mal als nachdenklichen

Zuhörer zwischen den Helfern, mal lachend unter tanzenden Negerfrauen - ein bißchen deplaziert.

An Gelegenheiten, den Präsidenten abzulichten, ist auf dieser Reise kein Mangel. Trotzdem gibt es manchmal Gerangel und bescheidene Versuche, das Gedränge einzudämmen.

Aber schon auf dem Flug der Transall-Maschine von der Hauptstadt Khartum in die entlegene Provinzhauptstadt El Geneina stellt sich heraus, daß präsidiale Noblesse und politische Notwendigkeiten nicht immer auf einen Nenner zu bringen sind.

Auf dem Programm steht der Besuch eines Krankenhauses, welches das Land Niedersachsen finanziert hat. Der Präsident möchte die Kranken ohne Medien-Gefolge besuchen. Keine Begleiter, entscheidet er, keine Photographen und keine Presse.

Aber da hat er die Rechnung ohne seine Beamten aus Bonn gemacht. Die erklären seinem Pressesprecher Friedbert Pflüger, daß die Presse dabeisein muß - mindestens ein Agentur-Photograph und mindestens der Korrespondent des Norddeutschen Rundfunks. Sonst könnte Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht beleidigt sein, der sich doch persönlich sehr für Projekte in der Sahelzone engagiert hat.

Aus dem gleichen Grunde muß auf dem Hinflug auch ein kleiner Umweg zu einem Staudämmchen gemacht werden, das von Niedersachsen finanziert worden ist - kein Riesenprojekt, sondern ein kleines, überschaubares, das die Menschen im Lande verstehen und selbst handhaben können. Aus der Luft sieht es noch kleiner und harmloser aus. Für die Bewohner der Region ist es überlebensnotwendig.

Nun aber will der Präsident doch ein Exempel statuieren. Er steht im Flüchtlingslager Asernei vor einer dieser erbärmlichen Reisig-Hütten. Und dort soll er eine sudanesische Frau begrüßen, die im Lager von den deutschen Ärzten als Helferin ausgebildet worden ist.

»So geht das nicht«, hat er gesagt und verfügt, daß die ihn begleitenden Journalisten Abstand halten. Er will mit der Frau nur in Begleitung der Krankenschwester Marlies Nussbaum und des Arztes Stefan Hiby vom Komitee Deutscher Notärzte reden. Die Geste kommt gut an - besonders bei den jungen Deutschen im Camp. Die sind sich nämlich

keineswegs schlüssig, ob sie den Besuch aus Bonn toll finden sollen oder lästig.

Die Kinderkrankenschwester Irmgard Gottkehaskamp aus Osnabrück beispielsweise ist eher skeptisch. Sie ist noch nicht lange in der Hungerprovinz Darfur, aber immerhin lange genug, um sich darüber zu wundern, welche Anziehungskraft das Flüchtlingslager nicht nur auf die Hungerleider der Region, sondern auch auf Politiker und Medien ausübt. Vor wenigen Tagen erst sind Kamerateams aus den USA und Kanada durchs Camp gezogen, »und alle zwei Tage stand irgend jemand anderes auf der Matte«. Das geht ihr mächtig »auf den Keks«. Als sie von Deutschland hierher aufbrach, glaubte sie, sie käme ans Ende der Welt.

Aber die Vorbehalte schwinden. Richard von Weizsäcker unterscheidet sich offenbar von anderen Polit-Touristen. Er bleibt. Er hört zu. Er vermittelt den Eindruck, Zeit für die Menschen und ihre Probleme zu haben.

Sonst ist es hier üblich, daß Politiker morgens mit dem Flugzeug in El Geneina landen, mit dem Hubschrauber ins Camp einfliegen und abends in die Zivilisation zurückschweben.

Der Bundespräsident jedoch mit seinen 65 Jahren unterzieht sich, zumindest am ersten Besuchstag, der Tortur einer Fahrt im Landrover. Für bundesdeutsche Verhältnisse ist die Wegstrecke kurz. Nur 25 Kilometer liegt das Lager entfernt. Aber es dauert fast zweieinhalb Stunden, ehe sich die Autokolonnen durch Staub, Schlaglöcher und an liegengebliebenen Lkws vorbei ans Ziel gerumpelt haben.

Und er will abends bleiben, hat ausdrücklich darum gebeten, mit den Helfern reden zu können. Das hat die freilich viel Arbeit gekostet.

Unter freiem Himmel, auf der nackten Erde, sollten der Präsident und seine Begleiter nicht schlafen. Hunger und Durst leiden dürfen sie auch nicht. Da mußten Tische und Stühle, Feldbetten und Decken, Laken und Kissen, Messer und Gabel, ein Generator zur Stromerzeugung und kistenweise Mineralwasser eingeflogen werden.

Der Aufwand, finden sie hinterher, hat sich gelohnt. Die Krankenschwester Marlies Nussbaum ist froh, daß sie, wenn auch erst in Afrika, den Bundespräsidenten kennenlernen konnte. Zu Hause, in Sankt Augustin bei Bonn, wäre ihr dies vermutlich nicht geglückt.

Der Präsident will sich in Zukunft stärker zum Fürsprecher der alten entwicklungspolitischen Maxime machen: Geld nicht nur zur Bekämpfung akuter Not, sondern für strukturverändernde Projekte einzusetzen. Nach seiner Reise in den Sudan glaubt Richard von Weizsäcker, daß »ich künftig besser verstehe, worum es geht, und nicht immer bloß nachrede, was ich vorlese. Das ist ganz wichtig in meinem Beruf«.

Und eine zweite Botschaft will der Präsident loswerden, wenn er sich - zum Erntedankfest, zum Tag der Welthungerhilfe oder zu Weihnachten - an die Deutschen wendet: Die Millionen-Spenden aus der Bundesrepublik waren nicht vergeblich. Sie haben Menschenleben gerettet, ihre Empfänger erreicht. Auch diese Erfahrung ist ihm die Reise wert. Als Schirmherr der Deutschen Welthungerhilfe kann er sich künftig noch überzeugter engagieren.

Es hat ihn eher belustigt, als ihn eine Schulkinderklasse im Sudan mit dem Sprechchor begrüßte »long live Mister Kohl«. Er fand es »prima, daß die es ein bißchen einfacher hatten: Stellen Sie sich mal vor, die hätten meinen Namen lernen müssen«. Mehr sagt er nicht.

Mehr muß er auch nicht sagen. Daß der amtierende Bundeskanzler, der Parteifreund Helmut Kohl, immer wieder an ihm gemessen wird, ist nicht das Problem des Präsidenten. Er achtet nur darauf, nicht als Kronzeuge gegen den Bonner Nachbarn in Stellung gebracht zu werden - nicht einmal in vertraulichsten Zirkeln läßt er sich Hämisches entlocken.

Es ist auch nicht nötig. Das nächste Live-Kontrastprogramm steht schon bevor. Es findet in dieser Woche statt, wenn der Bundespräsident nach Israel fährt - kein leichter, ein auch für ihn heikler Besuch. Aber so einfach wie Helmut Kohl, der für sich selbst in Israel einfach die »Gnade der späten Geburt« reklamierte, ansonsten aber mit den Nazi-Untaten der Deutschen nichts zu tun haben wollte, kann und will Richard von Weizsäcker es sich nicht machen.

Auf dem Rückflug aus dem Sudan, über der ägyptischen Wüste, feilt er an seiner Israel-Rede. Einige Stichworte hat er schon im Ringbuch notiert: »Frieden« steht da, »Aussöhnung« und »Respekt«. Aber auch »Erinnerung«.

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