Zur Ausgabe
Artikel 66 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Frankreich Fromme Sprüche

Premierminister Balladur tritt schon als künftiger Staatspräsident auf. Rivale Chirac glaubt unverdrossen, ihn schlagen zu können.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Die Bewerbung des Elysee-Kandidaten klang wie die Neujahrsansprache des Staatspräsidenten. Den Blick starr auf den Teleprompter geheftet - für die TV-Zuschauer wirkte das wie das Anpeilen ferner Horizonte -, verlas Edouard Balladur hinter dem Schreibtisch seines Amtszimmers im Hotel Matignon eine rundum patriotische Erklärung.

»La France«, so hörte die Nation die unnachahmlich monotone Stimme des gaullistischen Premiers, sei ein »großes Land«, die Franzosen seien »ein großes Volk«, das der Welt ein Beispiel geben solle - »wie zu Zeiten de Gaulles«. Es fehlte nur noch die Marseillaise.

Voll gravitätischer Würde ("Ich wäge den Ernst meiner Entscheidung ab") kam der Regierungschef zur Sache: »Ich habe beschlossen, meine Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten anzumelden.« Das lang erwartete Bekenntnis, das niemanden überraschte, eröffnete ein neues Kapitel in der Geschichte der Fünften Republik: Der Kampf um die nächsten sieben Jahre an der Spitze des Staats ist entbrannt, die 14jährige Ära des Sozialisten Francois Mitterrand vorbei - auch wenn der noch bis Mai im Elysee residiert. Der nächste Präsident kann nur ein Rechter sein.

Gleichzeitig tritt die Nation in eine neue Phase parteipolitischer Verwerfungen. Die Gaullisten sind gespalten, weil vor Balladur, 65, bereits Parteichef Jacques Chirac, 62, seine Kandidatur angemeldet hat. Und die Linke, von Mitterrand geeint und 1981 an die Macht geführt, hat sich wieder in unzählige Fraktionen aufgesplittert.

Mit seitenlangen Betrachtungen und Sondersendungen behandelten Frankreichs Medien den Kandidaten Balladur bereits wie einen designierten Präsidenten. Dem wurde die verfrühte Salbung unheimlich: Er sei »kein Favorit« und »höchstmöglich bescheiden«.

Doch wenn die Umfrageinstitute sich nicht allesamt täuschen, wird der seit seinem Amtsantritt im März 1993 auf hohen Wogen der Popularität treibende Balladur spätestens nach dem zweiten Wahlgang am 7. Mai in den Elysee einziehen. Nach »Gott« (Beiname für Mitterrand) befinde sich »Gottes Stellvertreter« auf dem Weg in den Palast, witzelte Liberation.

Schon glauben 70 Prozent der Franzosen, daß der praktizierende Katholik mit dem Habitus und den purpurroten Socken eines Kardinals nicht mehr aufzuhalten sei. Der sozialistische Ex-Premier Laurent Fabius sieht bereits einen »Balladur-Staat« heraufdämmern - mit einem Filz aus politischer Übermacht, von Balladur-Freunden beherrschter Industrie und beflissenen Medien.

Gelangweilt vermerkt Frankreich dagegen die klägliche Kandidatenstreiterei der Linken. Nachdem der einzige Sozialist mit Siegeschancen, Chefeuropäer Jacques Delors, ausgestiegen war, meldeten gleich drei Genossen ihren Anspruch auf das Mitterrand-Erbe an: die Ex-Minister Lionel Jospin und Jack Lang sowie Parteichef Henri Emmanuelli; der steht allerdings Anfang März wegen einer Spendenaffäre vor Gericht. Vermutlich kommt keiner von ihnen in die Stichwahl.

Nur in einem feudalen Bürgerhaus an der Pariser Avenue d'Iena, schräg gegenüber dem Goethe-Institut, sieht man Balladur noch längst nicht am Ziel. Chirac und sein über sechs Etagen ausgebreiteter Stab sind überzeugt, daß Balladur, der noch nie einen Wahlkampf geführt hat, »Federn lassen wird, sobald die Kampagne beginnt«. Der Pariser Bürgermeister, der als erfolgreicher Stadtchef gilt, will »aufs Ganze gehen«; er kann auch nicht anders: Nach den Niederlagen 1981 und 1988 spielt der zweifache Ex-Premier seine letzte Karte.

Der Gaullistenchef empfindet die Kandidatur des Parteifreundes Balladur als »Verrat«. Chirac hatte nach dem Erdrutschsieg der Rechten bei den Parlamentswahlen im März 1993 seinen Berater Balladur als Kohabitationspremier durchgesetzt. Im Gegenzug sollte der ihm den Vortritt bei der Präsidentschaftswahl lassen. Balladur bestreitet die Absprache: »Es hat nie einen Pakt gegeben.«

Um Balladurs Perfidie zu illustrieren, bemüht die Chirac-Truppe jetzt ein geflügeltes Wort des Premiers: »In der Politik gibt es keine Freundschaft.« »Fidelite«, Treue, ist eine der geheiligten Vokabeln im gaullistischen Katechismus.

Noch tiefer als Balladurs angebliche Illoyalität hat Chirac die Desertion eines anderen alten Weggefährten zur »Judas-Fraktion« getroffen: Innenminister Charles Pasqua, lange Chiracs verläßlicher Haudegen, hat ihm die Gefolgschaft gekündigt. Die Skrupellosigkeit des wegen seiner Härte gegenüber Ausländern und Kriminellen beliebten Innenministers könnte die gaullistische Basis anstecken; bislang halten noch 95 von 100 Departement-Verbänden zu Chirac.

Pasquas Scheidebrief an Chirac ("Sei, mein lieber Jacques, meiner aufrichtigen Freundschaft versichert") hat zwei Gründe: Der Innenminister glaubt nicht mehr an die politische Zukunft seines Kampfgefährten. Und, wichtiger noch: Der Korse will nach der Präsidentenwahl Chirac die Parteiführung entreißen; er hält sich für den einzigen, der die beiden Lager wieder aussöhnen könnte.

Inzwischen haben auch die letzten Spötter begriffen, daß sie »Seine Suffizienz« Balladur, die »Schmalz-Sirene«, den »Ballamouchi« - eine freche Anspielung auf Balladurs türkische Geburtsstadt Izmir -, wohl unterschätzt haben. Daß drei seiner Ex-Minister unter Korruptionsvorwürfen stehen, hält den Premier nicht ab, sich als »Erneuerer der bürgerlichen Moral« feilzubieten. Und kein bißchen erschüttert den einstigen Finanzminister der Vorwurf, er sei »einfallslos«, habe noch bei jedem Konflikt nachgegeben und könne »außer frommen Sprüchen kein Programm« vorweisen (Chirac-Berater Pierre Lellouche).

Le Monde schaffte es, alle programmatischen Ankündigungen des Premiers auf 20 Zeilen einzudicken. Statt mit konkreten Aussagen die von den Konkurrenten sehnlichst erwarteten Angriffsflächen zu bieten, poliert Großbourgeois Balladur lieber weiter an seiner Aura: Wie de Gaulle und Mitterrand setzt er auf die Faszination der Franzosen fürs Majestätische und Väterliche. Dagegen kann der kalte, wenig charismatische Chirac schwer an.

Vorigen Montag ließ der Regierungschef sich bei Brest auf dem U-Boot »Le Triomphant« als Garant von Frankreichs atomarer Unabhängigkeit huldigen - ein Übergriff in die Domäne des Präsidenten. Freitags weihte der Elysee-Kandidat, jeder Zoll ein Staatsmann, den »Pont de Normandie«, die größte Schrägseilbrücke der Welt, über die Seine-Mündung ein.

Der sonst ins Zeremoniell verliebte Mitterrand überließ seinem Premier den Staatsakt - als ob er sich schon in die Unausweichlichkeit der Machtübergabe füge. Y

Zur Ausgabe
Artikel 66 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.