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Jungsozialisten Frommer Ton

Friedfertig gaben sich die Jusos von Hessen-Süd -- Speerspitze der SPDLinken -- auf ihrem jüngsten Bezirkstreffen, dem ersten nach dem Machtwort des Bonner Vorstands gegen die Parteijugend.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Mal im lindgrünen Hosenanzug, mal im goldgelben Minikleid verkündete die Jungsozialistin Thesen zu Ostpolitik und Wahlkampf, zu Schulreform und Betriebsarbeit.

Dann erhielt Heidemarie Wieczorek-Zeul, 29, Stimmen und Applaus: In Seeheim an der Bergstraße wurde die kastanienrote Lehrerin von den Jusos des in der Partei seit je links angesiedelten SPD-Bezirks Hessen-Süd zur Vorsitzenden gewählt.

Die mit einem Hochschul-Assistenten verheiratete Politikerin aus der Opel-Kommune Rüsselsheim löste den SPD-Landtagsabgeordneten Gert Lütgert ab, der nicht mehr kandidierte. Sie ist Nachfolgerin so prominenter südhessischer Juso-Führer wie Olaf Radke und Walter Möller, und sie wertete ihren Erfolg (127 von 145 Stimmen) als »Fortschritt im Kampf gegen die immer noch bestehende Unterprivilegierung der Frau in unserer Gesellschaft«.

* Bei der Kranzniederlegung am Grabe des früheren hessischen Ministerpräsidenten Stock während der Bezirkskonfereoz der südhessischen Jungsozialisten am 25./26. März in Seeheim.

Friedfertig wie die Wahl der ansehnlichen Jungpolitikerin -- die in einem Arbeiterviertel in der Förderstufe Englisch, Geschichte und Sozialkunde unterrichtet, Elterndiskussionen pflegt und Fragen der Sexualerziehung »nicht ausweicht« -- verlief auch die Bezirkskonferenz, der ersten nach einer Juso-Schelte der Bonner Parteispitze im März und der letzten vor den hessischen Kommunalwahlen im Oktober.

Vor zwei Jahren noch war Hessens Ministerpräsident Albert Osswald erst nach zwei Abstimmungen mit knapper Mehrheit erlaubt worden, vor den südhessischen Jusos ein Grußwort zu sprechen; eine Rede halten durfte er schon gar nicht. Diesmal, am Sonntag Palmarum, schickten sich die SPD-Junioren.

Als Genosse und Regierungschef wurde Osswald zwar getadelt, weil er der Bonner Vereinbarung der Ministerpräsidenten über die Beschäftigung Radikaler im öffentlichen Dienst zugestimmt hatte. Damit, so warf ihm der Wiesbadener Juso Jörg Jordan vor, sei die SPD »der CDU erbärmlich auf den Leim gegangen

Doch mit diesem bösen Wort hatte es dann sein Bewenden; fortan folgten die südhessischen Jusos dem März-Appell des SPD-Bundesvorstands, der die Partei-Jugend vor einer Überschätzung ihrer politischen Möglichkeiten gewarnt und zur Loyalität aufgerufen hatte. Unter der Konferenz-Parole »Programm und Tat 72« erprobten sie emsig ein neues »Arbeitsmodell«.

Die bisher übliche »unsystematische Beratung einer Flut von Anträgen« (Juso-Pressedienst) wurde durch Projekt-Erörterung in vier Arbeitskreisen (Schule, Betrieb und zweimal Kommunalpolitik) ersetzt. Die Diskussions-Ergebnisse sollen auch den Jungsozialisten anderer Bundesländer Beispiel geben:

* Bürgeraktionen als »notwendiger, aber nicht zentraler Bestandteil der Juso-Strategie«, um bestimmte Bevölkerungsschichten für gezielte Aktivität zu mobilisieren,

* Artikeldienst und Flugblattaktionen, Jugendzentren und Arbeitsgruppen in Betrieben, um Konflikte zu klären und bessere Kooperation mit SPD-Betriebsgruppen zu erreichen,

* Mobilisierung der Eltern von Grundschülern, weil die Verhältnisse auf den Bildungs-»Hinterhöfen der Nation« besonders »schnell und spürbar verbessert« werden müßten.

An Beispielen für erste Basis-Erfolge fehlt es nicht: In Wiesbaden verhinderten die Jusos mit einer Bürgerinitiative die Umwandlung eines alten Wohnviertels in eine Bürohochhaus-Einöde ("City Ost"), in Darmstadt wurde auf Drängen der Jusos vom Stadtparlament eine kommunale Wohnungsvermittlung eingerichtet, die schon nach sechs Monaten mehr als 250 Wohnungen gebührenfrei erfaßt und vergeben hatte.

Möglichkeiten und Einflußchancen der Juso-Arbeit zeigte der Jahresbericht des Juso-Unterbezirks Groß-Gerau, dessen Vorsitzende Heide Wieczorek-Zeul bis Ende 1971 war. Nach dem Konzept der »Doppelstrategie« betrieb sie die »Mobilisierung und Politisierung der Lohnabhängigen« ebenso wie die Arbeit in der SPD und nahestehenden Organisationen.

Einerseits warben Juso-Arbeitsgruppen in 22 von 29 Kreisgemeinden auf Diskussionsabenden und öffentlichen Foren für die Reform des »Betriebsverfassungsgesetzes, des Steuerrechts, des Paragraphen 218 -- und sie werben derzeit für die Ratifizierung der Ostverträge. Andererseits mähten sie sich um Kontakte und Aktionen mit SPD-Gliederungen, etwa lokalen Arbeitsgemeinschaften von SPD-Frauen.

Glücklos verlief in Heides Juso-Revier allerdings der Versuch, »das Verhältnis zur SPD-Betriebsgruppe bei Opel zu verbessern«, die »wesentlich ein Instrument der Disziplinierung und Beschwichtigung der Arbeitnehmer« darstelle.

Der alte und der neue Vorsitzende der Jungsozialisten im Bund, Karsten Voigt und Wolfgang Roth, verfolgten als Gäste, wie ihr bisheriger Stoßtrupp Hessen-Süd Anstand statt Aufstand zelebrierte. Zum frommen Ton fügte sich eine Kranzniederlegung am Grab des einstigen hessischen Ministerpräsidenten Christian Stock, der als kerniger Sozialist galt.

Und weil Regierungschef Albert Osswald just in diesem Augenblick in Seeheim eintraf, nutzten die Jusos die Gunst der Feierstunde: Osswald durfte mit an die Ruhestätte und auch noch den Kranz bezahlen.

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