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FRONTAL DURCH KRIEG UND FRIEDEN

aus DER SPIEGEL 30/1965

Erich Maria Remarque, 67, Autor der Romane »Im Westen nichts Neues« (1929) und »Arc de Triomphe« (1946), lebt In Porto Ronco bei Ascona. - Hans Frick, 34, beschreibt in seinem ersten Roman, den er dem Quizmaster Hans -Joachim Kulenkampff widmete, die Erlebnisse und Fiebervisionen des einstigen KZ-Arztes und jetzigen Rentenempfängers Max Breinitzer, der, von seiner Schuld geplagt, gegen sich und seine früheren zwei Komplicen - heute Zuhälter und Polizeipräsident - einen Prozeß erwirken will. Westdeutschlands vergangenheitsmüde Richter weisen ihn ab: Breinitzer darf nicht sühnen.

Wer geglaubt hatte, daß mit dem Ende des Tausendjährigen Reiches die Befreiung in der deutschen Literatur wie eine Explosion erfolgen würde, sah sich gründlich enttäuscht. Nichts geschah. Weder Sturm noch Anklage, noch Rebellion. Stille - und dann, sehr langsam, ein zögerndes, vorsichtiges Zurücktasten auf Vergangenes, und auch dort nicht auf das Extreme, das gewagte Experiment, sondern eher auf das Sichere, wenn auch Mittelmäßige, dafür aber das gesichert Sichere.

Doch auch das wurde rasch aufgegeben; sein flüchtiger Reiz, nach Jahren tiefster Unsicherheit, war nur kurz. Man hätte nun annehmen können, daß die ungeheure Fülle der jüngsten Erlebnisse, von denen ein einzelner Tag früher für ein ganzes Schriftstellerdasein genug Material gewesen wäre, mit Übermacht aufgebrochen wäre - aber das Gegenteil war der Fall: Die Erlebnisse wurden dadurch, daß sie plötzlich in die Vergangenheit geglitten waren, für eine Zeitlang sonderbar unreal und schufen die Gegenwart um in eine gespenstische Leere. Zuviel war vorgegangen, als daß das Wort schon wieder zur Verfügung gestanden hätte - und da, wo es rasch kam, wie bei einigen ersten Versuchen, wurde es angezweifelt und fast immer zu groß gefunden. Es paßte nicht; man hatte aber auch kein neues. Der Zweifel beherrschte vorerst alles. Zuviel war eingestürzt - in den Städten sowohl als in den Herzen.

Man mußte suchen, neue Begriffe und neue Worte, und man mußte tiefer suchen als je zuvor, und auch viel vorsichtiger, um sich nicht wieder im Labyrinth bunter Halbwahrheiten zu verfangen. Es war anders als nach dem ersten Kriege. Damals kam die Reaktion in Drama, Lyrik und Epik rasch und ungestüm (Hasenclever, Toller, Leonhard - Frank, Werfel, Ehrenstein etc., der Expressionismus, die neue Malerei), obschon es auch dann noch zehn Jahre dauerte, bevor die Flut der Aussagen über den Krieg (nicht die unvermeidlichen Generals-Memoiren) voll einsetzte.

Doch dieser zweite Krieg war anders. Er wurde nicht zu Empörung, Aufschrei, Revolution - er war ein total verlorener Krieg, verloren nicht nur in den ausgebombten Städten, sondern auch in den ausgebombten Gehirnen und Herzen. Als letztes brachte er noch einen furchtbaren Schock: die Erkenntnis - nicht wie die Ernüchterung in 1918, daß man für nichts gekämpft hatte, sondern hundertfach schlimmer -, daß man für Mörder und Verbrecher gekämpft hatte. Man ließ nicht, wie in 1918, ein verwüstetes Schlachtfeld hinter sich, auf dem immerhin noch ein paar Ruinen alter Ehrbegriffe standen, sondern eher ein Schlachthaus, in dem man blind, gläubig, unwissend und wissend, zu Gehilfen von Metzgern geworden war, deren wehrlose Schlachtopfer in die Millionen gingen.

Dies, und nicht so sehr die eingebleute Angst auszusagen, scheint einer der Gründe zu sein, daß die deutsche Literatur schwieg, zu lange für den ungeduldigen Außenstehenden, und sich dann nur langsam und sporadisch, eher durch

Einzelleistungen vorwärtsbewegte. Dazu kam, daß die Vorbilder fehlten. Der größte Teil der großen Autoren war 1933 in die Emigration gegangen; die Verbindung dazu war abgerissen, viele waren im Exil gestorben, die anderen alt geworden, und als sie zurückkamen, führte gegenseitiges Mißtrauen bald zur Entfremdung. Leute wie Alfred Döblin und Leonhard Frank konnten kaum Verleger finden, und selbst Thomas Mann und Carl Zuckmayer zogen bald wieder vor, in der Schweiz zu leben.

Als letzte Tatsache machte sich jetzt auch der Verlust der Juden fühlbar. Sie waren in der Literatur Deutschlands mehr als anderswo für die geistige Balance wichtig gewesen, als Vorkämpfer für Demokratie, Freiheit des Geistes und Fortschritt, gegen Provinzialismus und Kommißgehorsam. Nach 1918 hatten sie einen großen Teil der Avantgarde gestellt; jetzt fehlte ihre Beweglichkeit, Kühnheit und internationale Weite empfindlich.

So wurde die jüngste Vergangenheit für viele Jahre nicht breit und ungestüm angesprungen, sondern nur vereinzelt und dann nicht oft direkt, sondern eher Indirekt, »schräg«, oder sie wurde umgangen. Erst in den letzten Jahren mehren sich die Arbeiten im Roman, im Drama und auch in der Lyrik, die den Durchbruch vom Einzelgängertum ins Offene ankündigen und die furchtlos frontal angreifen, ohne Attrappen, um sich der Vergangenheit auch künstlerisch zu stellen und sie zu bewältigen versuchen. Zu ihnen gehört das Buch von Hans Frick.

»Breinitzer oder die andere Schuld« beweist sofort eine ungewöhnliche Begabung. Hier ist nicht nur Mut, Kraft und Entschlossenheit, sondern auch ein starker künstlerischer Griff zu spüren. Der große Vorzug des Buches ist, daß es nicht journalistisch oder reporterhaft angepackt ist - wäre es das, so wäre es eines mehr unter anderen -, es ist vielmehr eher dichterisch gesehen.

Bei einem so krassen Stoff das fertigbringen zu können, macht es selten und bemerkenswert, denn hier ist der Grat schmal, und man kann leicht abstürzen. Die Gefahr, unerträglich zu werden, ist sehr nahe, wenn man nicht die Glut und Besessenheit besitzt, die Schlacken der Vorurteile zu schmelzen und zu überzeugen. Frick tut das. Man glaubt ihm, auch da, wo er sich wiederholt (es ist sein erstes Buch), über sich selbst hinausschießt und sich manchmal um sich selbst dreht. Seine Ehrlichkeit und seine visionäre Intensität reißen mit. Man wird an Büchners Woyzeck erinnert, an Dylan Thomas, Brendan Behan und auch an den jungen Fritz von Unruh.

Das Episodische des Aufbaus, der rasche, schroffe Wechsel von Atmosphäre und Stimmung, die dichte, starke, immer wieder ins Balladeske, ja oft fast Lyrische umschlagende Aussage und Schilderung geben dem Buch große anschauliche Stärke und Farbigkeit und gleichzeitig die Distanz, die notwendig ist, um die Figuren davor zu bewahren, wie Ausgeburten der Phantasie zu wirken - sie stehen plötzlich da wie Menschen, wie du und ich, und werden dadurch noch drohender.

Auch der Begriff der Schuld ist balanciert: Der Ankläger ist ebenso schuldig wie die, die er anklagt; dadurch werden Spiegelungen möglich, in denen Reue und Sühne unerwartet Lichter bekommen und das kleine Recht sich ebenso zu behaupten trachtet wie das große, so daß selbst der Autor zum Schluß keinen anderen Ausweg weiß als den der Selbstzerstörung, der einem für eine Lösung hier fast zu selbstverständlich ist. Es gäbe vielleicht noch eine andere - aber das wäre ein anderes Buch, und es ist zu hoffen, daß Frick es noch schreibt. Er gehört zu einer Gattung von Schriftstellern, von denen Deutschland immer zu wenig gehabt hat. Sein Roman ist ein wichtiges und aufregendes Versprechen.

Hans Frick:

»Breinitzer oder die andere Schuld«

Rutten & Loening Verlag München

244 Seiten

14,80 Mark

Remarque

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